Hoffnung und Angst

Hoffnung entsteht da, wo wir uns in unserer Angst nicht allein gelassen fühlen.

Hoffnung entsteht da, wo wir gemeinsam herausfinden, welche Hinweise unsere Ängste auf notwendigen Veränderungen in unserem Leben geben.

Angst gehört zu unseren grundlegenden Emotionen. Und sie hat viele Gesichter. Sie begegnet uns bei sehr kleinen Kinder, wenn sie sich verlassen und überfordert fühlen. Mit Weinen und dem Bedürfnis nach Körperkontakt zeigen sie ihren Eltern, dass sie Angst haben und zur Beruhigung und Ermutigung ihre Mutter oder ihren Vater brauchen. Wenn sie ausreichend Erfahrungen machen können, dass Eltern oder andere vertraute Personen sie wahrnehmen und trösten, dann wächst ihre Zuversicht und Sicherheit, weitere schwierige Situationen zu meistern.

 

Angst im Sinne eines plötzlichen Erschreckens ist eine sehr wertvolle Fähigkeit, weil sie Schutzre-aktionen bei lebensbedrohlichen Situationen wie Weglaufen, Verteidigung oder bewegungsloses Innehalten ermöglichen. Diese Reaktionen unseres Nervensystems sind extrem schnell. Unser Verstand wäre zu langsam, um erfolgreich lebensbedrohlichen Situation entgehen zu können.

 

Angst kann sich in konkreten Situationen wie z.B. die Begegnung mit einem Hund, Fahrstuhlfahren oder vor vielen Menschen zu sprechen, zeigen. Sie kann auch als allgemeine Ängstlichkeit und Mutlosigkeit auftreten. Aufgrund früherer schwerwiegender Erfahrungen kann unser inneres Alarmsystem so reagieren, als ob die frühere evtl. überwältigende bzw. lebensbedrohliche Situation noch bestehen würde. Um nicht wieder diese hochunangenehme Erfahrung von großer Angst und Hilflosigkeit machen zu müssen, reagiert der Bereich unseres Gehirns, in dem auch unsere Emotionen reguliert und gespeichert werden, möglicherweise mit bizarren Reaktionen. Weder die Betroffenen selbst noch ihre Umwelt können häufig diese Reaktionen verstehen, weil doch die aktuelle Situation eigentlich harmlos ist.

 

Angst kann auch als ein diffuses allgemeines Lebensgefühl als Zukunftsangst auftreten. Sie steht dann eher im Zusammenhang mit einer allgemeinen Verunsicherung und Überforderung in Bezug auf Situationen, die wir nicht kennen bzw., die schnell wechseln. Um uns sicher zu fühlen, brauchen wir ein Minimum an Kontrolle und Vorhersagbarkeit von Ereignissen. In komplexen und unübersichtlichen Situationen sind wir eher empfänglich für scheinbar einfache Lösungen, die uns vehement vorgetragen werden.

 

Hoffnung entsteht da,

wo es uns gelingt, Kinder ernst zu nehmen und feinfühlig zu begleiten,

wo wir die Bewältigung unserer Ängste als ein gemeinsames Anliegen in Familien, im Freundeskreis, in der Zivilgesellschaft betrachten.

Wo wir die Mechanismen der Angst und Angstbewältigung kennen und Menschen im Alltag und therapeutisch zu begleiten, deren Angst ihre Lebensqualität deutlich einschränkt.

Hoffnung entsteht auch dort,

wo wir uns gemeinsam den Zukunftsängsten stellen und im Dialog herausfinden, was wir an Wissen und Beteiligung benötigen, um ausreichend Zuversicht und Sicherheit zu entwickeln.

 

Dr. Mauri Fries ist Dipl.Psychologin und arbeitet im Bereich der systemischen Familienberatung und Supervision