Zum aktuellen Schreibgespräch

S. Hofschlaeger  / pixelio.de
S. Hofschlaeger / pixelio.de

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Vor 1989 war die Kirche ein Hort der Demokratie in der DDR, ein wichtiger Ort für freie Rede und offenes Wort. Durchschaubare, demokratische innerkirchliche Strukturen gaben unterschiedlichen Standpunkten Raum und führten zu gemeinsam getragenen Entscheidungen. Das ist sicher nicht die ganze Wahrheit, aber ein Blick auf die Vergangenheit.

 

Wie ist es heute in unserer sächsischen Landeskirche?

Die aktuelle Strukturreform wirft Fragen auf: Auf welchem Weg kommen wir zu Verabredungen, die die zukünftige Gestaltung von Kirche betreffen? Was für eine Kirche wollen wir? Wie groß, wie klein, wie volkskirchlich, wie haupt- oder ehrenamtlich kann, soll oder muss eine Kirchengemeinde bis 2040 werden? Wer engagiert sich in den kirchlichen Gremien und an der Basis? Wie gestalten Christinnen und Christen „ihre“ Kirche mit? Was passiert mit den überstimmten Minderheiten, die eine andere Vision von Kirche haben?

 

Als "Forum" beziehen wir keine inhaltliche Position in der aktuellen Strukturdebatte, auch wenn uns daran gelegen ist, das demokratische Element in diesem Prozess zu stärken. Wir freuen uns über zwei engagierte Personen und Positionen im Dialog: Bettina Westfeld, Vizepräsidentin der Landessynode der EVLKS, und Friedhelm Zühlke, Initiator der Petition „Zurück auf Los“.

Bettina Westfeld

Kurzvita

Bettina Westfeld, Jahrgang 1975, verheiratet, drei Söhne, Historikerin, Schwerpunkte politische Strafjustiz in der SBZ/DDR und Diakoniegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes, Mitglied der 25. Landessynode, Vizepräsidentin der 26. und 27. Landessynode, Kuratoriumsvorsitzende der Evangelischen Akademie Meissen.

 

 


"Wenn ich an Kirche und Demokratie denke, schaue ich zuerst dankbar auf den Lernort für Demokratie während der Zeit der DDR – unsere Kirchgemeinden. Nicht umsonst engagierten sich viele Christen nach der Friedlichen Revolution in der Politik, weil sie in Kirchenvorständen und anderen Gremien der Landeskirche trotz totalitärer DDR Gehversuche in Demokratie machen und diese nun in die neue Zeit einbringen konnten.
Heute sprechen wir oft von einer Krise der Demokratie, auch in unserer Kirche. Ich nehme die Situation so wahr, dass wir nach den errungenen Möglichkeiten der demokratischen Beteiligung in unserer Gesellschaft zu wenig über die Mühe und die Chancen gesprochen und vieles als selbstverständlich hingenommen haben. Vor allem muss Demokratie eingeübt werden. Viel Frust entsteht durch mangelndes Wissen über Entscheidungswege. Nur wenn ich diese kenne, kann ich mich einbringen. Schnell folgt sonst der Vorwurf der fehlenden Transparenz. Das nehme ich auch als Landessynodale wahr. Es ist offenbar zu wenig gelungen, die in unserer Kirchenverfassung festgelegten Wege zur Entscheidungsfindung, z. B. auch im Falle der Strukturdebatte, so darzustellen, dass Jeder, der sich mit seinen Ideen einbringen wollte, das auch tun konnte.
Eine unverzichtbare Eigenschaft als Demokraten müssen wir neben der Kenntnis der Entscheidungswege auch dringend üben: Die Fähigkeit einander zuzuhören und zu akzeptieren, wenn auf Grund von Mehrheitsentscheidungen meine Meinung nicht den Vorzug erhält. Aus meiner nun 15jährigen Tätigkeit in der Landessynode weiß ich, wie schmerzhaft es ist, nach vielen Überlegungen und intensiven Gesprächen und Debatten nicht zum gewünschten Ergebnis gekommen zu sein. Und dann? Ich bemerke zunehmend, wie wichtig mir die Andachten und Gottesdienste vor Sitzungen mit schwierigen Entscheidungen werden. Sich bei allen Entscheidungen in Gottes Hand zu wissen, im Gebet um Demut und Einsicht zu bitten, erlebe ich als tragend für mich und den Dienst in der Synode."

Friedhelm Zühlke

Kurzvita

Friedhelm Zühlke, Jahrgang 1969, verheiratet, 3 Kinder.

Beruflich arbeite ich als Sozialarbeiter.

Ehrenamtlich bin ich in der Kirchgemeinde Auerswalde (bei Chemnitz) engagiert. Seit 2002 bin ich im Kirchenvorstand, seit 2008 dessen Vorsitzender. Im Frühjahr dieses Jahres habe ich bei openpetition.de die Petition „Zurück auf Los – Strukturreform der Sächsischen Kirchenleitung stoppen – neu anfangen“ gestartet, die mittlerweile von mehr als 8100 Personen unterschrieben wurde.


„Kirche und Demokratie“ bedeutet für mich im Kleinen die Frage, wie der Kirchenvorstand die Gemeinde leiten kann, ohne sie zu bevormunden.

Wie werden Vorschläge aufgenommen?

Wie werden Entscheidungen transparent gemacht?

 

Schon auf Gemeindeebene ist dies nicht immer einfach.

Im Großen auf der Landeskirchenebene ist es viel schwieriger. Landessynode, Kirchenleitung und Landeskirchenamt, wer ist das eigentlich, und was haben sie zu entscheiden? Der durchschnittliche Kirchenvorsteher steht vor einem Rätsel.

Man kann, behaupte ich, auch in einer großen Institution fair miteinander diskutieren und Gemeinden bei der Entscheidung mitnehmen. Das positive Beispiel dafür ist der Diskussionsprozeß über das Kinderabendmahl, das negative Beispiel die Strukturreform bis zur Synodenentscheidung.

 

Ich freue mich auf das Schreibgespräch mit Frau Westfeld.



 

Als Moderatorin und Anwältin des Publikums sind Dr. Kathrin Mette und Dr. Barbara Zeitler aktiv. Das Schreibgespräch beginnt mit einer Impulsfrage am 14. August und endet am 25. August 2017. Kommentare und Fragen der Leserinnen und Leser sind willkommen und werden gebündelt eingebracht.