Das offene Schreibgespräch zum Ausgang der Wahl (in Sachsen)

Barbara Zeitler / Kathrin Mette am 15. Oktober

 

Zwei Wochen Schreibgespräch über den Ausgang der Wahl sind jetzt vorbei. Vielen Dank an alle, die sich als Schreibende an diesem Experiment beteiligt haben. Sie haben Einblick in Ihre Gedanken und manchmal auch in Ihre Gefühle gegeben, Sie haben Argumente, Hinweise und Fragen ausgetauscht: Das braucht Mut und Zeit. Danke, dass Sie sich so gezeigt und ausgesetzt haben! Ich bin überzeugt, dass viele der mehr als 1600 Klicks auf dieses Schreibgespräch von Menschen kamen, die mit wachen Augen und Herzen mitgelesen haben. Andere werden es in der nächsten Zeit noch tun. Sie haben das möglich gemacht. Vielen Dank. Was bleibt?

1. Es bleiben viele Fragen offen. Bei einem Schreibgespräch ist es möglich, nochmal nachzulesen und nachzudenken, auch auf der Seite mit den Hintergrundinformationen. Ich vermute, auch die Schreibenden würden in fünf Jahren manches anders sagen als im Herbst 2017. Menschen und ihre Überzeugungen und Gefühle können sich verändern – Gott sei Dank. Sicher hat sich auch die eine oder der andere geärgert, sich mehr erhofft oder erwünscht. In unserer Kirche, im Forum für Gemeinschaft und Theologie, in unserer Gesellschaft gibt es Gelegenheit zum Weiterdenken und –reden, vielleicht bei einem Tischgespräch, vielleicht in der eigenen Gemeinde, in einem Haus- oder Freundeskreis – oder mit jemand ganz anderen: Einem „Fremden“ in einem Erzählcafé, einem „Christen in der AfD“ aus der eigenen Gemeinde, einem Nachbarn oder einer Kollegin…

2. Es bleiben schöne und kluge Gedanken. Einen möchte ich noch einmal zitieren: „Das, was oft als >Abholen und Mitnehmen der Besorgten< benannt wird, ist allzu schnell ein unwahres Trostversprechen, ein Erfüllen der Forderungen, ohne wirkliche Lösung zu sein. Es gehört zu den Dingen, die ich am Christentum schätzen gelernt habe, dass es so etwas nicht tut. Es ist eine Religion, die Leiden ernst nimmt und ihm tatsächlich etwas entgegenzusetzen hat, ohne es wegzureden. Ich halte deshalb nicht ein >Abholen der Menschen mit Sorgen< für sinnvoll, sondern ein Konfrontieren mit Hoffnung. Hoffnung ausgerechnet angesichts solcher Wahlergebnisse auch wirklich zu halten, zu entwickeln und zu vermitteln, betrachte ich schon als Herausforderung, aber durchaus als möglich. Ich habe für mich beschlossen, angesichts dieses Wahlergebnisses Mut zu sammeln, zu verbreiten und zu fordern.“

3. Es bleibt die kostbare Erfahrung, dass es möglich ist, miteinander zu reden, die eigene Position hinterfragen zu lassen und neben den Gefühlen auch den Verstand einzuschalten. Wie geht es weiter? Aus unserer Sicht gibt es viel zu beten und viel zu tun. Als Forum für Gemeinschaft und Theologie werden wir sicher Gedanken aus dem Schreibgespräch aufgreifen und weiter verfolgen – eventuell auch mit einer Eingabe an die kommende Synode. Wir freuen uns, wenn Sie weiter mitlesen, mitdenken und sich zu Wort melden!

Kommentare: 16 (Diskussion geschlossen)
  • #16

    Tobias Schwarzenberg (Sonntag, 15 Oktober 2017 06:22)

    Von mir noch abschließend. Ich finde zwei Gedanken aus der Diskussion so wichtig: die Leute mit Hoffnung konfrontieren (Anne Veit) und spirituelle Herzensbildung (Christoph Maier). Da haben wir zumindest bei Kirchens Möglichkeiten und da sehe ich ganz wichtige Aufgaben. Aber wie wir damit die Kirchenferne Masse hier im Osten erreichen wollen ist für mich fraglich. Ich frage mich auch immer wieder und habe es auch schon mal in diesem Schreibgespräch getan: wie erreicht man Menschen, die für klare Fakten nicht mehr erreichbar sind? Im Herbst 2015 habe ich in meinen damaligen Wirkungsorten zum Teil eine regelrechte Flüchtlingshysterie erlebt. Da gab es Einwohner in den Orten die sagten: "Wenn ich durch einen Ort durchfahren muss, wo Flüchtlinge untergebracht sind, dann mache ich die Zentralverriegelung meines Autos von innen zu und hoffe inständig, dass ich nicht anhalten muss." Wenn man auf solche Aussagen mit Fakten reagiert, dann ist man in den Augen derjenigen "besoffen". Wenn man ihre Ängste und anderen Befindlichkeiten hinter solchen Aussagen seelsorgerlich spiegelt ist man in den Augen der Leute auch "besoffen". Mein Eindruck: das einzige, was die Leute dann hören wollen ist eine Bestätigung, ein kollektives "mir geht es auch so". Und so funktioniert wohl PEGIDA, so funktioniert die AfD bei Wahlen. Ich denke: wer die AfD wählt sagt im Kollektiv: "Mir geht es auch so." Was wir brauchen ist das, was Norbert Lammert vor einem Jahr in Dresden am 3. Okt. anmahnte: Einen positiven Stolz auf das, was wir in den Jahrzehnten nach dem Kriegsende erreicht haben, einen positiven Stolz auf unsere demokratischen Errungenschaften und einen positven Stolz auf die europäische Aussöhnung. Wir brauchen eine Heiterkeit in Bezug auf unsere Demokratie. Das hat auch etwas mit dem konfrontieren mit Hoffnung zu tun.

    Nun ja seis drumm: Ich sage danke für die Gesprächsmöglichkeit in diesem Schreibgespräch hier im Forum "frei und fromm" und schließe mit dem schönen Lied "Ermutigung" von Wolf Biermann. In meinen Augen könnte es aktueller nicht sein:

    Du, laß dich nicht verhärten
    in dieser harten Zeit.
    Die allzu hart sind, brechen,
    die allzu spitz sind, stechen
    und brechen ab sogleich.

    Du, laß dich nicht erschrecken
    in dieser Schreckenszeit.
    Das wolln sie doch bezwecken
    daß wir die Waffen strecken
    schon vor dem großen Streit.

    Du, laß dich nicht verbrauchen,
    gebrauche deine Zeit.
    Du kannst nicht untertauchen,
    du brauchst uns und wir brauchen
    grad deine Heiterkeit.

    Wir wolln es nicht verschweigen
    in dieser Schweigezeit.
    Das Grün bricht aus den Zweigen,
    wir wolln das allen zeigen,
    dann wissen sie Bescheid

  • #15

    Kathrin Mette / Barbara Zeitler (Samstag, 14 Oktober 2017 20:24)

    Liebe Schreiberinnen, liebe Leser! Morgen abend sind genau 14 Tage vergangen, seit wir dieses Schreibgespräch begonnen haben. Und es wird gleichzeitig der Moment sein, an dem das Gespräch enden soll. Wir freuen uns über alles, was bis dahin noch an An- und Einsichten zu lesen sein wird.

  • #14

    Juliane Keitel (Samstag, 14 Oktober 2017 13:03)

    Danke auch für den Buchtipp #12! Es ist echt nicht leicht, nicht als Moralapostel daherzukommen.

    Zu Punkt 2 von Christoph Maier: "Orientierung geben" - mir fällt da als erstes die Predigt ein. Ich finde, dass sich eigentlich bei allen Predigttexten und Lesungen ein aktueller Bezug zum Zeitgeschehen herstellen lässt. Und da die meisten meiner in #4 angeführten Beispiele tatsächlich aus christlichen Kreisen kommen, finde ich, dass hier bei den Pfarrerinnen und Pfarrern eine große Verantwortung liegt, weil man solche Statements nicht stehen lassen darf, sondern im Sinne von "Ich lasse dich nicht..." (Gen 32, 27) bearbeiten muss. Und als zweites würde ich mir wünschen, dass die Pfarrer/innen und auch die Kirchenvorstände und unsere sächsische Kirchenleitung diese Aufklärungsarbeit und Orientierung auch in der Öffentlichkeit außerhalb von Gemeinde leisten, also sich lokal einmischen, vielleicht in Zeitungen und auf öffentlichen Veranstaltungen, nicht nur als Moderierende, sondern eben auch als diejenigen, die nicht vor klaren Einordnungen und dem "Nein-Sagen" zurückweichen. Das ließe sich dann auch mit Punkt 3, dem Hoffnung-Geben in die Gesellschaft hinein, verknüpfen, denn das muss man nicht zwingend nur an einem spirituellen Ort tun, zumal für Menschen, denen diese Räume aufgrund ihrer Sozialisation fremd sind.

  • #13

    Anne Veit (Freitag, 13 Oktober 2017 19:50)

    Der Link von Herrn Maier (#12) ist gut. Ich fühle mich ertappt: "moralische Zensur". Das ist tatsächlich meine Taktik und vermutlich stimmt es, dass das schon länger versucht wird und nicht gewirkt hat.

    Offensichtlich lässt sich nicht mehr zurückdrängen, dass rassistische Rede gesellschaftlich einen Platz gefunden hat. Ich muss wohl damit leben, dass Menschen Dinge sagen, die ich widerlich finde, ich kann es ihnen nicht verbieten - ich werde aber nicht anfangen, mich daran zu gewöhnen!

    Dann muss ich aber wohl in die Offensive, denn sonst muss ich Bücher darüber lesen, wie man auf Rechte reagiert und mich taktisch schulen. Von sowas halte ich nicht so viel.

    Herr Maier, wie stellen Sie sich Punkt 2 aus Ihrer Auflistung praktisch vor? "Orientierung geben"?

  • #12

    Christoph Maier (Freitag, 13 Oktober 2017 18:30)

    Für das intensive Gespräch an dieser Stelle ist das heute in der Süddeutschen besprochene Buch "Mit Rechten reden. Männer contra Schneeflöckchen" ganz spannend.
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/mit-rechten-reden-maenner-contra-schneefloeckchen-1.3706351

    Für mich hat Kirche jetzt eine dreifache Aufgabe:
    1 Beziehungsräume schaffen (nichtöffentliche oder halböffentlich Räume öffnen - ich finden nach wie vor die Idee der Tischgemeinschaften von frei-und-fromm eine wichtige und gute Sache, auch wenn es in der Praxis bis jetzt noch nicht so recht eingeschlagen hat.)
    2 Orientierung geben (sortieren, werten, aufklären, anleiten)
    3 Quellen der Hoffnung erschließen (spirituelle, geistliche Herzensbildung)

  • #11

    Juliane Keitel (Freitag, 13 Oktober 2017 15:43)

    Liebe Anne Veit, leider werden die Kommentare manchmal versetzt freigeschaltet, sonst hätte ich schon eher auf #9 reagiert ;-): Also ich finde das Beispiel mit dem Schüler gut und auch in Ansätzen auf unser Problem übertragbar. Sie haben völlig Recht, dass die Rede von den Flüchtlingsströmen usw. sehr wahrscheinlich ganz anderes überdeckt. Und das ist es ja, was ich so sehr an der Prinzipienlosigkeit der Parteien oder auch an unserer Kirchenleitung kritisiere, denn da könnten und müssten diese Autoritäten - zusätzlich zu unserem Bürger/innenengagement vor Ort - 'nachhelfen', mithelfen, einordnen, und zwar laut und öffentlich. Aber das passiert gerade gar nicht, sondern - wie Sie ja auch beklagen - sie passen sich eher den 'Besorgten' an, anstatt die tatsächlichen Ursachen zu analysieren und deutlich zu machen, dass die soziale Ungleichheit bei uns schon lange ein eigenes, strukturelles Problem war und ist, bevor 2015 vermehrt Flüchtlingen kamen. Nun sitzen beide Themen - auch dank der Prinzipienlosigkeit der Bundesparteien und unserer Landesautoritäten aus Kirche und Politik - im selben Topf und sorgen weiterhin mit dafür, dass die sprachlichen Entgleisungen am rechten Rand 'salonfähig' geworden sind.
    Was die Gespräche wie mit Ihrem Schüler betrifft, so glaube ich, dass es dafür auch eine gute Portion Vertrauen braucht, ehe man an diesen Punkt kommt, um den es wirklich geht, und ein "Nein" muss dann auch verknüpft werden mit der Bereitschaft, trotzdem weiter zuzuhören. Außerdem muss man aufpassen, dass keine psychologisierende-therapeutische 'Sitzung' dabei herauskommt. Jedenfalls braucht es für Gespräche, wie Sie sie ansprechen, auch ein 'Klima'. Und dieses ist schwer herzustellen, wenn an einem bestimmten Punkt der Diskussion das Gesagte - egal, wie kriteriengeleitet und sachlich ich das sprachlich auch versuche zu formulieren - gesagt werden muss, dass es sich jetzt per definitionem um ein rassistisches oder sexistisches Argument handelt. Das verursacht oft Abwehr oder ein trotziges "Na gut, dann bin ich halt in deinen Augen Rassist." Ich habe aber auch schon Gespräche erlebt, in denen sich Ansichten verändert haben, auch die meinigen. Es ist halt nicht einfach, zwischen Nein und Zuhören und Ernstnehmen und Nicht-Aufgeben sich angemessen zu entscheiden. Ich muss da immer an ein Wort aus der Jakobserzählung denken: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" (Gen 32, 27). Dieses eigentümliche Festhalten an einem Kontrahenten, mit dem Bedürfnis, doch irgendwie versöhnt auseinander gehen zu können, berührt mich, weil es daran erinnert, dass auch Gott niemanden von uns 'lässt', weder aus unserer Verantwortung, noch aus seiner Gnade.

  • #10

    Juliane Keitel (Freitag, 13 Oktober 2017 14:24)

    Zur Frage von Anne Veit #8: Demokratie konsequent zu Ende gedacht muss m.E. tatsächlich heißen, dass erst einmal alles gesagt werden kann. Das ist eine großartige Errungenschaft. Was wir m.E. gerade erleben, ist, dass sich Leute wie ich entsetzt zeigen über geäußerte Meinungen, die in das eigene liberale, christliche Wertesystem überhaupt nicht passen, und dass dann diejenigen, deren Meinungen ich ablehne/kritisiere, darauf mit "Man wird doch noch sagen dürfen.." oder "Man darf hier also nicht einmal mehr sagen..." reagieren und unterstellen, man würde eine 'Sprechpolizei' sein, was ja auch den Medien immer vorgeworfen wird. Was sich dahinter m.E. aber verbirgt, ist mangelnde Kritikfähigkeit. Man darf in unserem Land alles sagen, muss aber eben auch mit der Konsequenz umgehen können, dass das Gesagte evtl. Ablehnung und Kritik erntet und als das bezeichnet wird, was es ist: rassistisch, rechtsextrem, nationalistisch, etc. Es ist merkwürdig, dass daraus abgeleitet wird, man dürfe nicht mehr sagen, was man denkt. Vielleicht hängt das auch mit der Plattheit derArgumente zusammen, die einer Diskussion oft gar nicht standhalten.
    Was die Frage anbelangt, welche Grenzen man ziehen sollte, so kann ich nur sagen, dass es mir persönlich lieber ist, wenn ich weiß, was gedacht wird, als dass es im Verborgenen dämmert. Wenn die Ansichten offen liegen, kann man sie 'sehen' und ihnen begegnen. Was hätten wir als Gesellschaft denn davon, zu sagen, dieses und jenes darf nicht gesagt werden, wenn es doch sowieso da ist und die Haltungen und das Verhalten derer, die so denken, rahmt? Das muss sich unter uns irgendwie regulieren lassen, da sind wir alle gefragt. Wir sind es, die einschreiten müssen, wenn andere diskriminiert werden oder ein unreflektiertes Geschichtsverständnis zutage tritt. So funktioniert Demokratie an der Basis: offen und offensiv mit Meinungen umgehen, sich in Konfrontation begeben, Nein sagen, Nachdenken anregen, Argumente einfordern, gegenhalten. Ich glaube, dass sich langfristig auch nur so etwas verändern ließe.
    Bedenklich ist, dass von unserer sächsischen Regierung und Kirchenleitung, als Pegida in Dresden aufkam, solche klaren, konkreten Worte gegen diesen undifferenzierten Hass und die Stimmungsmache fehlten. Damit legitimierten sie dieses Sprechen und unterstützen implizit ein "Weiter so!", dessen Folgen wir in einem Erstarken rechtsnationaler Meinungsäußerungen sehen. Das macht mir Angst. Ministerpräsident Tillich will nach dem Wahlausgang die CDU nun noch näher an den Themen, die die AfD vertritt, ausrichten. Kann man wirklich allen Ernstes mit dem Argument kommen, nur weil viele die AfD gewählt haben, muss man Politik an ihren Themen ausrichten? Sind das die inhaltlichen Überzeugungen der CDU in Sachsen, deshalb also auch das 'Verständnisgetue' gegenüber Pegida?
    Was sagen unsere Pfarrerinnen und Pfarrer dazu? Und was sagt unser Landesbischof dazu? Es wurde schon so viele Male betont, in diesem Forum und auch anderswo, dass man aus christlicher Position eine AfD-nahe Politik nicht unterstützen könne - oder gibt es christlich-biblische Argumente dafür, die ich bisher überhört habe? Es wäre prima, auf diese Fragen Antworten zu bekommen.

  • #9

    Anne Veit (Freitag, 13 Oktober 2017)

    Ich wollte nicht gesagt haben, das Nein würde ausreichen, aber es wäre ein Anfang und selbst der ist ja offenbar strittig. Ich finde ein Nein übrigens nicht immer leicht - jedenfalls wenn es sich um Menschen handelt, die mir etwas bedeuten. Und ich denke, wenn 70% der Menschen dieses Nein deutlich machten, wäre die Stimmung ein andere und wir könnten besser über die Dinge reden, die wirklich Probleme sind.

    Ich kann die Argumentation in #7 sehr gut nachvollziehen und sie macht mich nachdenklich. Tatsächlich beende ich die Kommunikation nach meinem Nein bislang. Und es muss ja etwas danach kommen.
    Aber kann ich mein Ja zu einem Menschen nicht auf einer anderen Ebene geben? Ich sage ja nicht, wir sollten Menschen mit AfD-Überzeugungen ausgrenzen, ich sage, wir müssen uns gegenüber rassistischen Äußerungen klar abgrenzen.

    Die Vergleichsebene mag zu simpel sein: wenn ein Schüler einen anderen wiederholt runtermacht und attackiert, dann werde ich mit ihm nicht darüber reden, welches Recht er zu haben meint, dies zu tun.
    Sondern ich werde versuchen zu verstehen, warum er das nötig hat. Ich frage ihn, wie es ihm geht, was ihn gerade nervt, wo er Erfolge hat und wo er nicht weiterkommt. Oft redet man dann über völlig andere Dinge als den ursprünglichen Vorfall, oft stelle ich fest, dass ich eine Not nicht gesehen habe und mich kümmern muss.
    Aber auch, wenn ich seine Not nicht schnell oder auch gar nicht lindern kann, werde ich mit ihm nicht darüber diskutieren, ob er den anderen deshalb Schwuchtel nennen darf.

    Wir sollten also z.B. über soziale Gerechtigkeit reden. Aber eben ohne den leichten Ausweg über das Thema Flüchtlinge. Das ist halt schwer, solange dieser scheinbar einfache Weg dauernd so lautstark angeboten wird - und offensichtlich haben sich nun nahezu alle Parteien dafür entschieden, das zu tun. Alle müssen irgendwie zumindest die Worte "Begrenzung" oder "Steuerung" oder ähnliches im Mund führen - einfach nur, um zu beruhigen. Aber damit hat man die Kopplung von sozialer Frage an die Zuwanderungs- oder Flüchtlingsfrage akzeptiert. Ein Fehler, den man so schnell nicht wieder einfängt, denke ich.

  • #8

    Anne Veit (Freitag, 13 Oktober 2017 00:35)

    Mich beschäftigt noch aus dem Beitrag von Herrn Schwarzenberg (#3) der Satz von Frau Hermenau: "Die Grenzen des Denkens und Redens werden in unserem Land viel zu eng gezogen." In meinem ersten Kommentar dieser Diskussion habe ich festgestellt, dass ich genau diese Grenzen (zumindest für das Reden) fordere. Ich möchte die Frage mal offen stellen, weil ich selbst ein wenig verwirrt darüber bin, dass ich das tue. Welchen Sinn hat es, solche Grenzen aufzugeben/einzureißen und welchen hat es, sie halten/einfordern zu wollen? Und was berechtigt zu dem einen oder anderen?

  • #7

    Juliane Keitel (Donnerstag, 12 Oktober 2017 21:54)

    Liebe Anne Veit #6: Das Nein-Sagen fällt mir ja gar nicht so schwer, das tue ich nach Kräften immer schon, nicht erst seit 2015. Was mich interessiert und umtreibt ist, was danach kommt oder günstigenfalls kommen sollte. Nennen Sie es moderieren oder nicht - aber es muss dann doch auch irgendwie weitergehen, man kann doch nicht nur darauf warten oder davon ausgehen, dass die mit unserem Nein Konfrontierten dann schon selber darauf kommen, dass ihre Ansichten nicht akzeptabel sein können, wenn man weiterhin eine liberale, pluralistische, demokratische Gesellschaft haben möchte - und das möchten diejnigen, auf die ich mich bezogen habe, allesamt. Das ist ja das Paradoxe, dass sie sich diesen Zusammenhänge irgendwie verweigern: rassistisch argumentieren, aber bitte kein Rassist sein wollen. Es ist - wie Sie ja schreiben - eben nicht einfach, an den tatsächlichen Kern des Problems, die wirklichen Ursachen für die 'Besorgnis', heranzukommen, und ich befürchte fast, er könnte sic als extrem beschämend für diejenigen herausstellen, die auf der Besorgtenebene mitagieren. Aber da wir erst einmal nur die Ausdrucksformen der Angst vor uns liegen und in der AfD sozusagen manifest haben, bleibt uns doch nichts weiter übrig, als auch erst einmal mit diesen zu arbeiten.
    Es ist ja sogar in diesem Forum zu beobachten, dass diejenigen, die dieses Nein mehrfach und gut begründet gesagt bekamen, sich nicht mehr beteiligen, sich zurückziehen und dann - ja was dann eigentlich? Weiterhin ihren Ansichten frönen, schmollen, beleidigt sind, das Gefühl haben, falsch verstanden zu werden? Um dann zur Landtagswahl umso überzeugter AfD zu wählen? Vielleicht bin ich da etwas missonarisch unterwegs, aber ich wäre froh, wenn es nach solchen Auseinandersetzungen wenigstens so etwas wie eine 'persönliche Betroffenheit' (blödes Wort, aber mir fällt gerade nix besseres ein...) gebe, die den Boden ebnet für ein Verstehen der tieferen Zusammenhänge und - um es wieder theologisch zu sagen - um Buße zu tun. Leider können wir nicht verlangen, dass alle jetzt Adorno und Co. lesen, wenngleich ich den Gedanken gut finde, danke auch für diese Stichworte! Hier wäre ich sofort dafür, dass die Kritische Theorie zumindest in der Lehrerausbildung eine ganz, ganz zentrale Rolle spielen muss, aber auch der Theologie stünde es gut an, diese von Ihnen genannten Perspektiven stärker zu reflektieren.
    Wie gesagt - das Nein sagt sich m.E. oft noch leicht, das passiert ja gerade auch politisch. Die AfD wird zum Buhmann, und alle anderen waschen ihre Hände in Unschuld. Und deshalb: wir brauchen ein neues Nachdenken über Demokratie bei uns allen. Dabei ist es genauso wichtig, aus klugen Theorien und theologischen Einsichten Argumente zu gewinnen und Handlungsalternativen anzubieten, wie parallel zu versuchen, auch mit 'Erstehilfekursen' und 'Moderationen' praktisch zu arbeiten. Ich glaube, dass das Ansätze sein können oder müssen. Angesichts der Gefahr, dass die AfD zur Landtagswahl erst- oder zweitstärkste Partei wird, müssen wir irgendetwas tun, außer nur Nein zu sagen.

  • #6

    Anne Veit (Donnerstag, 12 Oktober 2017 18:51)

    Liebe Frau Keitel, es ist anregend, Ihre Statements zu lesen. Da wir uns offensichtlich in den gleichen Feldern bewegen, stellen wir vermutlich auch ähnliche Fragen. Was Sie aus Lehrerzimmern und Gemeinderäumen wiedergeben, ist grauenvoll – und ich bin froh, das in solch extremen Formen in meinem beruflichen und Gemeinde-Umfeld nicht zu hören. Ehrlich: solche Positionen moderiert man nicht!

    Wir hatten in unserem Lehrerzimmer eine zeitlang ein Sparschwein stehen, in das man 50-Cent einwerfen musste, wenn man schlecht oder abfällig über einen Schüler / eine Schülerin geredet hatte. Das hat ein bisschen sensibilisiert dafür, wie schnell man mit einem herablassenden Spruch ist. Das ist aber wohl kein gesamtgesellschaftlich nutzbarer Vorschlag ;o) Und für solche Äußerungen wie von Ihnen beschrieben, reicht es nicht. Aber was für Gemeinderäume und Lehrerzimmer gilt, gilt auch gesellschaftlich: solche Rede macht Stimmung und jeder, der sich daran beteiligt, spielt das mit und macht es schlimmer.

    Ich reagiere übrigens auf solche Äußerungen meistens einfach mit ehrlichem Entsetzen und Fragen wie „Das hast du jetzt nicht wirklich gesagt, oder?“ Da bin ich unsachlich. Vermutlich damit aber näher an der Ebene, von der die Äußerung kommt.

    Ernstnehmen meint für mich, den KERN der Angst ernst nehmen, nicht das, was bekämpft wird, ohne der Kern zu sein – aber das ist auf gesellschaftlicher Ebene (auf persönlicher auch) schwer. Vermutlich müssen wir wieder mehr Adorno und Mitscherlich und Arendt lesen. Das fände ich allerdings auch viel nützlicher als die Erstehilfekurse.

    Kennen Sie „Sage Nein“ von Konstantin Wecker? Es ist, glaube ich von 1993 – kein Zufall, dass er es 2017 neu aufgenommen hat und wohl auch kein Zufall, dass ich es seit Tagen im Kopf habe...

  • #5

    Juliane Keitel (Donnerstag, 12 Oktober 2017 15:34)

    Vielleicht ein Nachtrag: Das von Anne Veit #2 so wunderbar beschriebene "Konfrontieren mit Hoffnung" würde uns allen, glaube ich, wohltun. Ich möchte das gerne auch für mich in Anspruch nehmen und davon zehren, wenn ich Angst bekomme vor den gesellschaftlichen Tendezen. Ich würde diese Hoffnung gerne auch selber öfter zugesprochen bekommen von der Kirche, und auch Ideen der Umsetzung.
    Aber sollte nicht bei uns allen, und insbesondere auch bei denen, die sich aktiv oder unreflektiert von der AfD und ihren Ansichten angezogen fühlen, davor oder parallel dazu auch so etwas wie Einsicht, Erkenntnis oder eben auch Buße erfolgen? Also wie kann oder sollte das Verhältnis sein zwischen einerseits dem Thematisieren, einem im besten Wortsinne "Ernst-Nehmen" der Themen der 'Besorgten', ohne diesen dabei mehr Raum zu geben als nötig und ohne sie gutzuheißen, und andererseits dem Nicht-Thematisieren, weil man sich einfach nicht auf dieses Niveau begeben kann oder will? Ernstnehmen hieße ja auch, ich messe die anderen daran, was sie gesagt haben, ich nehme sie beim Wort, ich entlasse sie nicht aus der Verantwortung für das Gesprochene. Und das muss dann ausgehalten werden, aber so können sich vielleicht eher Prozesse des Um- oder Neu-Denkens ereignen, oder? Oder ist das zu pädagogisch gedacht? Dass die Hoffnung in solchen Prozessen dann hoffentlich die größere Rolle spielen wird - das wäre gut, aber ohne die Reflexion und Analyse, also ohne das konkrete, differenzierte Benennen und auf den Tisch-Holen dessen, was da immer so Besorgnis auslöst, bleibt evtl. dann auch die Rede von Hoffnung eine hohle Phrase, wie in frommen und lahmen Predigten. Hoffnung braucht m.E. auch so etwas wie Selbsterkenntnis, Eingeständnis, Demut. Ansonsten kann sie schlecht landen, und dann brechen sich die nicht bearbeiteten Denkmuster bei nächster Gelegenheit, bei den nächsten gesellschaftlichen Turbulenzen, wieder Bahn. Oder?
    Die eine Seite ist diese inhaltliche Arbeit, in der ich die Kirche als wesentliche Multiplikatorin sehe. Die andere Seite ist das m.E. deutlich zu erhöhende politische Engagement für eine gerechtere Gesellschaft. Sie muss ihren Blick viel stärker auf die Prozesse und Strukturen richten, die in unserer Gesellschaft die soziale Ungleichheit befördern, und sie sollte - das wurde in # 1 schon kurz angesprochen - in ihren eigenen Strukturen Vorbild sein für andere, alternative Organisationen von Arbeit und Gemeinwesen. Vielleicht geht das nur mit einem radikalen strukturellen Umdenken und Sich-Lösen von Strukturen und Privilegien, die unsere Zeit im Moment favorisiert und hinter deren allgemeine Akzeptanz niemand zu gehen wagt.

  • #4

    Juliane Keitel (Donnerstag, 12 Oktober 2017 13:54)

    Vielen Dank, Anne Veit #3, Sie sprechen mir an vielen Stellen aus dem Herzen, besonders auch mit ihren theologischen Bezügen. Ich kann die Position - welche genau ist es eigentlich?! - von Bischof Rentzing ebenfalls nicht verstehen. Um mich herum höre ich in diesen Tagen oft, dass man Verständnis für AfD-Wählerinnen und Wähler haben müsse, weil doch in der Politik all die Jahre viel schiefgelaufen wäre und man mal "klare Kante" zeigen musste. Das sagen auch Leute, die nicht AfD gewählt haben. Ich versuche dann deutlich zu machen, dass man das Wahlverhalten möglicherweise erklären kann, aber für das 'Verständnishaben' habe ich kein Verständnis. Hier fühle ich mich extrem herausgefordert und habe mir - da Frau Mette und Frau Zeitler nach persönlichen Konsequenzen fragten - einmal mehr vorgenommen, diesen Gesprächen nicht auszuweichen und meine Position (#11 2. Runde) zu Gehör zu bringen.
    Allerdings wäre es für mich wichtig, dass auch moderiert wird, die Frage ist nur, wie? Spätestens im Bundestag muss es ja dann erst einmal irgendwie halbwegs konstruktiv losgehen mit der politischen Arbeit, und ein Blockieren der AfD-Ansichten nur um des Blockieren-Willens würde wohl nur weitere Protestwähler/innen hervorrufen. Ich hoffe auf solche moderierenden Kräfte, die die sachlich-inhaltliche Dekonstruktion und Entlarvung vorantreiben, so dass immer stärker deutlich wird, was diese Partei will und wie sie das will. Und Kirche sollte sich politisch unbedingt einbringen, einmal aus den u.a. von Anne Veit und Frank Martin genannten theologischen Gründen und Denkalternativen heraus, die sie bei den Themen anzubieten hat, aus denen die AfD populistischen Gewinn zieht, und zum anderen deswegen, weil auch Christinnen und Christen mit der AfD sympathisieren - zumal in Sachsen! Hier muss sie dringend ihr Gesicht zeigen, aber eben nicht in einem inhaltlich-neutralisierenden Sinne. Bedeutet "Moderieren" denn zwangsläufig, sich grundsätzlich jeglicher Wertung zu enthalten, oder gibt es nicht auch Grenzen, an denen auch die Moderation Position beziehen kann und muss, oder geht das gar nicht?
    Was ich als Problem sehe: Es ist nicht so, dass nationalistisch-rassistisches und auch oftmals sexistisches Gedankengut nur unter AfD-Wählerinnen und -Wählern zu finden wäre. Ich nehme es vielfach in pädagogischen Einrichtungen und kirchlichen Kreisen unterschiedlicher Couleur wahr, in denen es sich ebenfalls ungehemmt verbreitet. Ich bin immer wieder erschüttert über den Sprachgebrauch, bei dem es implizit viel auch um härtere, konsequentere Erziehung, Relikte aus einer eher schwarzen Pädagogik, geht. Hier einige Beispiele aus Lehrerzimmern und christlichen Gemeinden (auch Freikirchen): man müsse schon aufpassen, dass die Flüchtlingsströme nicht unseren Sozialstaat kaputt machen und wir dann das Nachsehen hätten; sich aufregen über syrische Schülerinnen, die einige Worte im Deutschunterricht nicht richtig aussprechen; die hohe Geburtenrate bei Muslimen würde dazu führen, dass sie kraft ihrer Biomasse eines Tages Weihnachten abschaffen, denn sie könnten ja dann auch in den Bundestag kommen und Gesetze mitbestimmen; wenn Frauen sich ihrer angestammten Mutterrolle verweigerten und zu viel arbeiten, bekommen die Kinder ADHS; wenn Frauen in der Ehe zu dominant sind, werden die Söhne schwul. Hier haben doch unsere Bildungssysteme, einschließlich der Kirchen, entsetzlich versagt! Wie geht man damit um, wie moderiert man? Meine Gesprächsversuche enden oft an dem Punkt, an dem ich die entsprechenden Argumente per definitionem als rassistische etc. kennzeichnen muss. Dann kommt der große Aufschrei, man sei doch kein Rassist, man gehe ja sogar zu Anti-Pegida-Demonstrationen! Wie kann man hier aufklären, ohne dass das Gespräch abreißt? Wie kann deutlich werden, wo bei solchen Meinungen das Problem liegt? Wäre es ein positiver Ansatzpunkt, ernstzunehmen, dass sie keine Rassisten sein wollen, also anzusetzen an dem Wunsch, als demokratisch und offen gelten zu wollen? Ich komme persönlich da stark an meine Grenzen. Umso wichtiger wäre es mir, auch von anderen Seiten Unterstützung zu haben, also gewiss sein zu können, dass sich bspw. Kirchenleitungen, Landespolitiker/innen, Leitende von Bildungseinrichtungen etc. öffentlich deutlich positionieren, dass sie diese Probleme - nicht nur reduziert auf die AfD - sehen und daran arbeiten. So wie man immer mal wieder einen DRK-Lehrgang absolvieren muss, wäre es m.E. notwendig, immer wieder Demokratieschulungen mit Kollegien an Schulen, mit Kirchenvorständen, am Landeskirchenamt, an den Behörden des Kultusministeriums etc. durchzuführen, oder auch Workshops zu sexueller Vielfalt und anderen wichtigen, demokratieförderlichen Themen, die einen humanistischen, reflektierten Grundgehalt in die Multiplikatorenebenen unserer Gesellschaft zu transportieren vermögen. Die Kunst dabei wäre es, nicht wiederum erzieherisch wirken zu wollen...

  • #3

    Tobias Schwarzenberg (Donnerstag, 12 Oktober 2017 11:10)

    Ich habe auf dem Pfarrertag der von Kathrin Mette und Barbara Zeitler erwähnten Ex-Grünen Antje Hermenau mit Kopfschütteln und innerlichem Protes zugehört (innerlich, weil wir Pfarrer uns nicht zu Wort melden konnten) und zwar sowohl bei ihrem Vortrag, als auch bei der anschließenden Podiumsdiskussion. Die Zitate, die Stefan Seidel im Sonntag aufgeschrieben hat, haben mein ungutes Gefühl vom Pfarrertag bestätigt. Ich zitiere aus dem SONNTAG, Nr. 39/2017, S. 5: Zunächst Burkhard Jung, OB von Leipzig: "Da wo die Menschenwürde missachtet wird, da muss ich eine klare Haltung zeigen und auch das Gespräch verweigern. [...] Es könne nicht sein, dass man es sich gefallen lassen müsse, dass Menschen rassistisch abgewertet werden und man selbst in seiner Würde getreten werde." Und nun die Antwort auf OB Jung von Antje Hermenau: "Die Grenzen des Denkens und Redens werden in unserem Land viel zu eng gezogen, das wird dem historischen Moment nicht gerecht, in dem wir leben." Mich hat ihre Antwort auf das Statement von Jung ehrlich gesagt schockiert und mich hat schockiert, wieviel Applaus Frau Hermenau dafür von dem anwesenden Pfarrerinnen und Pfarrern bekam. Ich habe den Eindruck, dass die Moderatorenrolle der Kirche für Antje Hermenau keinesfalls neutral ist, sondern dazu dienen soll, die Etablierung des neuen Zeitgeistes, von dem sie redete, zu moderieren. Es ist im Übrigen auch eine Mär, dass die Kirche in der Friedlichen Revolte von 1989 eine neutrale Moderatorenrolle hatte, viele Kirchenleute waren gewiss Moderatoren, aber sie waren i.R. keinesfalls neutral, sondern wollten Veränderungen im Land.
    Was heißt das für heute Ich stimme Anne Veit zu, neutrale Moderation wäre falsch. Richig ist, was Stephan Bickart, der Leipziger Polizeiseelsorger, in Publik Forum gesagt hat: Moderieren und dabei einen klaren eigenen Standpunkt vertreten, die Demokratie, die Menschenrechte aktiv verteidigen, auch durch friedlichen Protest auf der Straße, wie in Leipzig gegen LEGIDA.

    Zur Beantwortung der Frage unserer Moderatoren will ich noch kurz von mir im Rahmen der "Flüchtlingskrise" erzählen:
    Ich habe als Pfr. auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms im Herbst 2015 folgendes gemacht. Einerseits hatte mich der Bürgermeister als Pfr. auf das Podium der Bürgerversammlung zum Thema Flüchtlingsaufnahme geladen. Er hatte mich gebeten, für die Sache der Mitmenschlichkeit einzutreten. Ich habe das auch mit klarem Standpunkt getan, obwohl eine sehr aggressive Stimmung gegen Flüchtlinge im Saal herrschte und auch gegen meine Wortmeldungen (Mir wurde entgegnet: "eh, bist du besoffen oder was"). In den Gemeindekreisen habe ich dann mit den Leuten über das Flüchtlingsthema gesprochen und seelsorgerlich Raum gegeben, die eigenen Befindlichkeiten mit dem Thema Flüchtlinge auszusprechen und ich habe versucht, nach meinen Möglichkeiten seelsorgerlich darauf einzugehen. Man war mir jedenfalls dankbar für diese Gesprächsmöglichkeit.

  • #2

    Anne Veit (Mittwoch, 11 Oktober 2017 23:34)

    Ich halte "moderieren statt positionieren" in diesem Fall nicht für hilfreich, weil es eben nicht so ist, wie Herr Rentzing sagt, dass es sich bei der AfD einfach nur um eine neue Farbe im Parteienspektrum handelt. Kirche muss nicht zu allen politischen Fragen eine Position haben, aber Kirche darf ethische Positionen haben und muss diese äußern, auch wenn das bedeutet, politisch zu sein.

    Manchmal stelle ich mir vor, was irgendwann einmal über diese Zeit in einem Geschichtsbuch steht und unter welcher Überschrift sich dann so ein Statement des Landesbischofs findet: "Quellenanalyse: Analysieren Sie, in welchen Äußerungen eine Verharmlosung der wiedererstarkenden nationalistischen Kräfte zum Ausdruck kommt?"

    Wenn - wie unten im Gesprächsverlauf öfter beschrieben - Angst und Verunsicherung eine Rolle spielen beim AfD-Wählen, dann denke ich, dass wir als Christen da etwas zu sagen hätten. Was würde sich denn besser als Grundlage eignen, um ehrlich gegen die Angst zu wirken, als ein Gott, der durch den Tod geht - und zwar nicht als Held mit schnellen und einfachen Lösung, nicht mit Maßnahmen.

    Ich finde, dass das Parteiprogramm der AfD die Sorgen und Ängste eben NICHT ernst nimmt, weil es so tut, als wären diese Probleme mit Abgrenzung nach außen einfach zu lösen. Das, was oft als "Abholen und Mitnehmen der Besorgten" benannt wird, ist allzuschnell ein unwahres Trostversprechen, ein Erfüllen der Forderungen, ohne wirkliche Lösung zu sein.

    Es gehört zu den Dingen, die ich am Christentum schätzen gelernt habe, dass es so etwas nicht tut. Es ist eine Religion, die Leiden ernst nimmt und ihm tatsächlich etwas entgegenzusetzen hat, ohne es wegzureden.
    Ich halte deshalb nicht ein "Abholen der Menschen mit Sorgen" für sinnvoll, sondern ein Konfrontieren mit Hoffnung.
    Hoffnung ausgerechnet angesichts solcher Wahlergebnisse auch wirklich zu halten, zu entwickeln und zu vermitteln, betrachte ich schon als Herausforderung, aber durchaus als möglich.
    Ich habe für mich beschlossen, angesichts dieses Wahlergebnisses Mut zu sammeln, zu verbreiten und zu fordern.

  • #1

    Rainer Mette (Mittwoch, 11 Oktober 2017 12:06)

    Was kann die evangelische Kirche Sachsens nach dieser Wahl tun? Zum Beispiel eine Strukturreform auf den Weg bringen, die nie aus dem Blick verliert, die Kirche im Dorf zu lassen.

Barbara Zeitler / Kathrin Mette: Gar nicht so leicht, auf eine so grundsätzliche Frage zu antworten.

Danke allen, die es auf persönliche Weise trotzdem getan haben! Gehören persönliche Glaubensüberzeugung und politische Arbeit zusammen? Was ist im Moment und was ist grundsätzlich für mich wesentlich?

Die Würde des Menschen, der Einsatz für die Schwachen, Feindesliebe und 5. Gebot, den Nächsten und die Schöpfung im Blick...

Wir hoffen, dass die Frage zum Nachdenken über die eigenen christlichen Werte und die damit verbundenen Erwartungen und Schwerpunkte anregt.

 

Bis morgen früh wird noch Zeit sein, sich dazu zu äußern. Dann wechseln wir endgültig in die dritte Runde zur Frage: Wie geht es weiter nach der Wahl?

 

a) Welche Folgerungen ziehe ich persönlich? Was will ich in Politik und Kirchenpolitik tun oder lassen?

b) Was wünsche ich mir von den politischen Parteien?

c) Was wünsche ich mir von der evangelischen Kirche (von den Kirchgemeinden, Kirchenvorständen, der Landessynode, dem Bischof und Kirchenleitung, auch vom Forum für Gemeinschaft und Theologie) in Sachsen?

Erste Angebote in dieser Richtung liegen ja schon vor. So hat sich unser Landesbischof bereits zur Wahl geäußert. Auf diese Äußerung hat der ehemalige Thomaspfarrer Christian Wolff in seinem Blog äußerst kritisch reagiert.

Antje Hermenau empfahl den Pfarrerinnen und Pfarrern der Sächischen Landeskirche vor Kurzem auf dem Pfarrertag, sich weniger zu positionieren, sondern mehr zu moderieren. Und bei Ulrich Kasparick, der einmal Parlamentarischer Staatssekretär war und mittlerweile wieder als Pfarrer in Brandenburg arbeitet, kann man die Empfehlung finden, als Kirchgemeinde viel stärker als bisher Präsenz in den sozialen Netzwerken zu zeigen, weil die Kommunikation und Meinungsbildung auf dem Lande sich mittlerweile hauptsächlich dort abspielt. (Kasparick, U.: Man kennt sich, in Thielmann, W.: Alternative für Christen? Die AfD und ihr gespaltenes Verhältnis zur Religion, Neukirchen-Vluyn 2017, S. 30-37.)

Kommentare: 11 (Diskussion geschlossen)
  • #11

    Juliana Keitel (Mittwoch, 11 Oktober 2017 08:35)

    Vielen Dank für die theologisch aufrüttelnden Worte von Frank Martin vom 28.09.! Die Erinnerung an das Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945 beschreibt m.E. genau die Haltung, die der Kirche, besonders auch der sächsischen, ansteht nach diesem Wahlergebnis: Wo haben wir uns als Kirche nicht genügend eingemischt? Wo haben wir es versäumt, unsere Stimme zu erheben? Wo haben wir zu wenig moderiert - aus einer deutlichen Perspektive heraus, die rassistische, homophobe, demokratiefeindliche Meinungen als solche benennt und nicht unter einem
    "Man-muss-aber-alle-Ansichten-und-Frömmigkeitsstile-tolerieren-Deckmäntelchen" gelten lässt?
    Kirche kann m.E. nicht unpolitisch sein, es darf ihr nicht egal sein, dass so viele Menschen die AfD gewählt haben. Mich beunruhigen vor allem die sog. Protestwähler/innen, weil es viele andere Möglichkeiten gegeben hätte, Protest zum Ausdruck zu bringen, bspw. eine der kleineren Parteien oder "Die Partei" zu wählen, oder eine ungültige Stimme abzugeben, wie ich es zu DDR-Zeiten, damals
    unter dem Risiko, den Studienplatz zu verlieren oder eine Vorladung zum Parteisekretär der Fakultät zu erhalten, getan habe. Ich erinnere mich noch an die Angst, die ich hatte, als ich in die Wahlkabine ging, um alle Namen einzeln durchzustreichen. Heute muss man beim Protestieren keine Angst mehr haben, auch nicht, wenn man gar nicht wählen geht. Trotz also vieler alternativer
    Protesformen haben in Sachsen 27% aktiv eine rechtsnationale, rassistische Partei gewählt. Müssen wir davon ausgehen, dass die Programmatik der AfD doch so vielen Menschen, also auch den 'Nur-Protest-Wählerinnen und -Wählern', gefällt? Dass sie mit rechtsnationalen und rassistischen Haltungen sympathisieren, und dass diese in der Mitte unserer Gesellschaft fest verankert sind? Die
    Analysen zeigten ja, dass die AfD von ehemaligen Wählerinnen und Wählern aller bürgerlicher Parteien profitiert hat. Wo also haben wir versagt in unseren Bildungssystemen, den Kirchen, an unseren Arbeitsplätzen, in den Familien- und Freundeskreisen? Es ist nicht nur die 'große' Politik, die Fehler gemacht hat.
    Nun ist die AfD leider erst einmal im Bundestag. Erstens hoffe ich, dass unsere Demokratie es schaffen wird, die nationalistischen Ansinnen durch die realpolitischen, inhaltlichen Auseinandersetzungen, die im Tagesgeschäft anstehen, abzuwehren und die 'Alternativen' der AfD zu entlarven. Zweitens liegen mit der AfD die bisher versteckten nationalistischen Gedanken und Wünsche
    vieler Menschen offen, und vielleicht ergibt sich über diesen 'Umweg' die Chance, sie in ihrer offenkundigen Relevanz für viele parlamentarisch ernst zu nehmen und dabei die dringend notwendige Aufklärungsarbeit zu leisten. Und da habe ich drittens ein wenig die Befürchtung, dass die AfD für die anderen Parteien dazu dienen könnte, von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Es ist immer
    einfacher, andere zu kritisieren, anstatt vor der eigenen Haustüre zu kehren, und etliche Parteien der sog. bürgerlichen Mitte sind auch nicht frei von AfD-Parolen, ich nenne hier nur das Stichwort "Obergrenze". Hier stimme ich mit #8 (1. Runde) überein, dass es eigentlich unfassbar ist, dass nahezu alle Parteien - um Wähler/innen 'zurückzuholen', denen das gefällt?! - jetzt auf diesen Zug
    aufgesprungen sind. DAS macht mir Angst. Was haben wir da für ein System, das solche Handlunsgweisen und Prinzipienlosgkeiten hervorbringt?

    Bei den meisten Wahlen muss ich, im demokratischen Sinne, Kompromisse eingehen. Im Idealfall wäre für mich als Christin keine Partei wählbar, die von Obergrenzen redet, die sich nicht zentral der sozialen Frage annimmt, die sich nicht um eine gerechtere Verteilung des Reichtums in unserer Gesellschaft kümmert, die nicht an der Teilhabe aller an Bildung/Ausbildung interessiert ist. Christlich
    handeln hieße für mich, dass die politische Aufmerksamkeit sowohl den sozial Schwachen mit deutschem Pass, als auch allen anderen, die zu uns kommen oder gekommen sind, aus welchen Gründen auch immer, zuteil wird: "Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib..." (Gal, 3, 28). Wir sitzen nicht in einem Boot, das beim Retten anderer drohte,
    zu kentern, sondern in einem der reichsten Länder der Erde. Ehe unser Boot kentern würde, könnten wir erst einmal kräftig abgeben. Das Bild, das in #14 (1. Runde) entworfen wurde, entsetzt mich, aber da gab es schon hinreichend Kommentare. Nur noch eine Ergänzung: Die christliche Ethik stellt bspw. mit Mt 5, 39 weiterreichende Konzepte bereit, als das Sich-Sorgen um den eigenen Vorteil, das Sichern eigener Privilegien, perfide damit begründet, dass man ja nicht anders handeln könne. Das ist nach meinem Verständnis geradezu nicht-christlich. Hier hat die Kirche Verantwortung und muss sich zu Wort melden! Sie hat Denkansätze, die wichtig und nötig sind, um andere Haltungen und tatsächliche Alternativen zu entwickeln.

  • #10

    Tobias Schwarzenberg (Mittwoch, 11 Oktober 2017 08:30)

    Noch schnell mein Beitrag:

    Für mich wird immer wichtiger, dass das leben in Freiheit einen verlässlichen Rahmen braucht. So kann man die 10 Gebote theologisch deuten, oder Jesu dreifachgebot der Liebe und Paulus, wenn er schreibt: Einer Trage des anderen Last, das ist das gesetz Christi. Es geht immer um Ausrichtung des Handelns an der Freiheit des Nächsten. Rosa Luxemburg: "Freiheit ist immer die Freiheit des
    Andersdenkenden." Das heißt aber für auch: Die Freiheit, z.B. der Rede, muss dort enden, wo versucht, die Freiheit einzuschränken (antidemokratisch) oder wo die Würde eines Menschen verletzt wird (menschenverachtend, rassistisch).

  • #9

    Diana von Eynern (Sonntag, 08 Oktober 2017 22:15)

    Christliche Grundsätze in der politischen Arbeit bedeuten für mich als Krankenschwester, Pädagogin und Diakonin die Würdigung der Schwachen sowie derer, die ihnen professionell beistehen. Das bedeutet, daß die Pflegeausbildung in Deutschland und die Ausübung der Pflege durch Fachkräfte humane Rahmenbedingungen erfahren, um hohe Qualität leisten zu können: viele Fachkräfte verzichten freiwillig auf Vollzeitstellen, um das ethisch-moralische Spannungsfeld, welches in der Arbeit entsteht, langfristig auszuhalten und sich besser regenerieren zu können. Diese, überwiegend Frauen, opfern dadurch viele Punkte für ihre Rente und riskieren damit die Altersarmut. Alternativ verlassen sie frustriert nach wenigen Jahren das Berufsfeld. Weibliche Pflegekräfte aus dem osteuropäischen Raum verlassen ihre Familien, um unsere Kranken zu pflegen und werden im Schnellverfahren angelernt. Sie fehlen in ihren eigenen Ländern und Familien.
    Diese Problematik ist den Politikern aufgrund von Studien zu Pflegeeinrichtungen in nicht-konfessioneller und konfessioneller Trägerschaft bekannt. Ihre Wahlversprechen zur Unterstützung der Pflegenden und infolgedessen auch zur Unterstützung qualitativer Pflege am Patienten - unabhängig von Religion oder Nationalität - stehen aktuell auf dem Prüfstand!

  • #8

    Kathrin Mette (Sonntag, 08 Oktober 2017 19:28)

    Sehr geehrte Frau S., danke für Ihren Gesprächsbeitrag. Bitte schreiben Sie aber das nächste Mal unter ihrem vollen Nachnamen. So haben wir es für dieses Gespräch vereinbart.

  • #7

    Sylvia S. (Sonntag, 08 Oktober 2017 17:23)

    Meine christlichen Grundsätze: "Du sollst nicht töten" kontra "Feindesliebe". Und das Recht zu trauern, das erwarte ich von meiner Kirche! Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass es für Terror- und Gewaltopfer Fürbitten gibt? Statt dessen muss ich mir im Rahmen der therapie sociale von Sozialpädagogikstudentinnen, die halb so alt wie ich sind, erklären lassen, dass es auch andere Muslime/Migranten gibt. Wäre ich ja gar nicht drauf gekommen. Aber das macht meinen ehemaligen Nachbarn auch nicht wieder lebendig. Andererseits werde ich seitdem an der Kirchentür abgefangen und für Pegida angeworben bzw. um Verständnis geworben. Ich erwarte von meiner Kirche, dass sie für die da ist, die schlechte Erfahrungen gemacht haben und daraus keine fremdenfeindlichen Schlüsse ziehen. Das sind ganze 87 % und in Sachsen immerhin 75 %.
    Und bitte, Frau Zeitler, jetzt keine Statistiken, dass die meisten Muslime Ungläubigen keine Kehlen durchschneiden. Fände ich pietätlos.

  • #6

    Anne Veit (Sonntag, 08 Oktober 2017 16:31)

    "Meine christlichen Grundsätze und die Politik" - Inwiefern ist zu erwarten, dass es da eine Verbindung gibt?
    In #1 und #5 klingt an, dass es viel erwartet wäre, wenn Politik sich an solchen Grundsätzen orientierte.
    Aber sind das denn zwei so verschiedene Welten?

  • #5

    Peter Düring (Sonntag, 08 Oktober 2017 13:40)

    Was kann es an christlichen Grundsätzen noch Weiteres geben als das Doppelgebot der Liebe, frage ich mal so als theologischer Laie? Und wenn ich nur daran denke, welche Schwierigkeiten ich persönlich so damit habe, wie kann ich dann erwarten, dass politische Parteien als Interessenvertretungen einer bestimmten Klientel einen derartigen Grundsatz wirklich programmatisch und in ihrer praktischen Tätigkeit umsetzen?

    Allenfalls kann ich die größtmögliche Schnittmenge zwischen meinen persönlichen Interessen und Anschauungen und denen der einzelnen Parteien herausfinden und mich danach in meinem Wahlverhalten ausrichten. Allerdings schaue ich schon kritisch darauf, ob vor allem die Parteien, die das Christliche so plakativ vor sich her tragen oder sogar im Namen führen, sich entsprechend positionieren. Und was soll ich sagen: Irgendwie muss ich bislang das Entscheidende dazu immer überhört oder überlesen haben. Insofern präferiere ich persönlich andere, die sich vielleicht vordergründig nicht ganz so einer "christlich-jüdischen Leitkultur" verpflichtet fühlen (was für ein unsäglicher Begriff !), dafür aber möglicherweise versuchen in kleinen Schritten etwas für den Nächsten oder die Schöpfung zu bewegen. Aber das ist natürlich, wie alles im Leben, Geschmackssache.

  • #4

    Markus Gnaudschun (Samstag, 07 Oktober 2017 10:41)

    zu #3: Ja, so ist das mit dem Elefanten... (vgl. #1)

  • #3

    Gerhard Lindemann (Samstag, 07 Oktober 2017 09:25)

    Sehr geehrter Herr Pfarrer Gnaudschun,

    es ist nach dem, was hier über die Programmatik der AfD deutlich gemacht wurde, unverständlich, dass Sie weiterhin behaupten, sie suchten der Stadt Bestes.

  • #2

    Anne Veit (Samstag, 07 Oktober 2017 09:09)

    Gar nicht so leicht...
    Ich habe Grundsätze, die mir unabdingbar wichtig sind. Aber ob das christliche sind? Am zentralsten ist für mich wohl „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Natürlich lässt sich das biblisch begründen, aber ich bin nicht sicher, wie dieser Grundsatz in mir entstanden ist. Übrigens finde ich diesen Grundsatz fast leichter im großen, institutionellen und politischen Rahmen einzuhalten als im persönlichen Alltag. Es passiert mir definitiv, dass ich Menschen innerlich abqualifiziere. Aber wenn es darum geht, Strukturentscheidungen zu treffen, ist Menschenwürde ein Prüffaktor, an dem ich nicht vorbei kann. Für mich ist das unvereinbar mit neoliberaler Politik, natürlich völlig unvereinbar mit sämtlichen Formen von Diskriminierung und mit Exklusion. Viele Parteien bleiben da nicht übrig...

  • #1

    Markus Gnaudschun (Samstag, 07 Oktober 2017 07:40)

    Ich erwarte von KEINER Partei, dass sie meine CHRISTLICHEN Grundsätze erfüllt. Ich freue mich über Politiker*innen, denen es wichtig ist, in ihrer politischen Arbeit nach dem Willen Jesu Christi zu fragen, doch kann dies praktisch ganz Unterschiedliches bedeuten. Vgl. die alte Geschichte von den blinden Männern, welche einen Elefanten beschreiben sollen. Ich versuche jene Partei zu wählen, welche nach meinem begrentzen Verständnis "der Stadt Bestes sucht", dabei aber auch das große und Ganze im Blick hat. Diesmal schien es mir wichtig, das m.E. schief im Wasser liegende Boot wieder mittig zu bekommen.

B. Zeitler / K. Mette: Liebe Schreibende,  liebe Lesende,

wie angekündigt, läuten wir nun die zweite Runde des  Gesprächs ein. Sie soll unter der Überschrift stehen: Meine christlichen Grundsätze und die Politik.

Die Fragen lauten:

Welche christlichen Grundsätze sind für mich persönlich unabdingbar?

Wo finde ich diese konkret in der politischen Arbeit der Bundesrepublik wieder? Und wo fehlen sie mir?

Natürlich wurden diese Fragen auch schon in Runde eins hin und wieder angerissen, insofern schließt dieser zweite Gesprächsganz auch an das bereits Gesagte an. Es geht jetzt aber noch einmal mehr um konkrete Beispiele. Und wir hoffen, dass nun auch noch stärker die anderen Parteien und ihre politische Arbeit in den Blick kommen.

Wir machen Mut zur Lücke: Beschreiben Sie eine Position, die Ihnen  im Moment wichtig ist. Andere greifen anderes auf. Bitte schreiben Sie mit - auch wenn Sie sich bisher noch nicht zu Wort gemeldet haben.

 

Es sind jetzt noch 24 Stunden Zeit, Gesprächsfäden aus der ersten Runde abzuschließen und loszuwerden, was unbedingt noch gesagt werden muss.  Benutzen Sie dazu bitte das Formular unterhalb dieses  Moderationsbeitrags. Morgen abend wird es dann allerdings deaktiviert.

 

Beiträge zur zweiten Runde geben Sie bitte in die Maske oberhalb dieses Moderationsbeitrags ein.

Wir freuen uns auf den Fortgang des Gesprächs und empfehlen Ihnen auch einen Blick auf unsere "Hintergrund-Seite" mit hilfreichen Links und Anmerkungen zur AfD.


Kommentare: 44 (Diskussion geschlossen)
  • #44

    Kathrin Mette / Barbara Zeitler (Samstag, 07 Oktober 2017 21:41)

    Wie angekündigt, wird dieses Formular jetzt stillgelegt und die erste Gesprächsrunde damit abgeschlossen. Bitte gehen Sie nicht weiter auf die Beiträge der ersten Runde ein. Bitte auch nicht mittels des Eingabeformulars für die zweite Runde. Entsprechende Versuche werden wir unterbinden (o;
    Wir können auch streng sein, wenn es sein muss.

  • #43

    Anne Veit (Samstag, 07 Oktober 2017 20:42)

    Ja.
    Herr Hammermüller führt Opfer von Gewalt an (#39), die abgehängten Dorfbewohner, die Menschen ohne Englisch (#36), sozial Schwache, die Verunsicherten (#19). Herr Gnaudschun argumentierte in dieser Hinsicht ähnlich und wollte Verständnis für Ängstliche und solche, die schneller seekrank werden (#1-14).

    Beide Verfasser erscheinen jeweils so, als seien das nicht ihre eigenen Bedenken und Schwierigkeiten, sondern als verträten sie nur die Stimme derer.
    So Herr Gnaudschun in #1-14: "ICH bin persönlich der Überzeugung, dass unser Boot bei weitem noch nicht überlastet ist. [...] ABER..." (Hervorhebung von mir)
    Herr Hammermüller #19: „...wo wir als Christen es versäumt haben, IHRE Anliegen (z.B. dass Deutschland deutsch bleibt und dass die sozial Schwachen nicht abgehängt werden) aufzunehmen... (Hervorhebung von mir)

    Und das alles sind ja Statements unter der Frage: Warum hat die AfD so viele Stimmen bekommen?

    Das stört mich in zweifacher Hinsicht:
    Erstens würde ich ja gern mal verstehen, was im Wahlprogramm der AfD einen denkenden Menschen mit christlicher Überzeugungen dazu veranlasst, trotz der rassistischen und islamfeindlichen Töne, die AfD zu wählen. Und zwar, was ihn SELBST veranlasst - und nicht, was ihn ängstlich werden lässt mit Blick auf die, die wiederum mutmaßlich ängstlich werden, wenn sie in den Nachrichten Bilder aus Neukölln sehen.

    Zweitens vollzieht das ja einfach die Strategie der AfD nach, welche für die Lösung all der komplexen Probleme im Grunde nur die Flüchtlingspolitik sieht, also alle Probleme auf die Flüchtlinge zurückführt. Damit schiebt sie eine rassistische Deutung unter. Diesen Schritt mitzugehen, halte ich für gefährlich und falsch und deshalb möchte ich es nicht gern stehen lassen, wenn mit dem Verweis auf Opfer sexueller Gewalt implizit begründet werden soll, warum man die AfD wählen kann.

  • #42

    Kathrin Mette (Samstag, 07 Oktober 2017 19:43)

    Liebe Frau Veit, könnten Sie das bitte noch mal kurz erläutern?

  • #41

    Anne Veit (Samstag, 07 Oktober 2017 19:34)

    Ich habe den Eindruck, dass hier jetzt wiederholt Opfer instrumentalisiert wurden, um zu begründen, warum man eine menschenverachtende Partei wählt.

  • #40

    Barbara Zeitler (Samstag, 07 Oktober 2017 19:21)


    Lieber Herr Hammermüller,
    danke für Ihren Beleg zur Entwicklung im Jahr 2017. Nochmal kurz die Berechnung: 126 : 685 verhält sich wie 18 % : 100 %, nicht wie 91 % : 100 %.

    Ihre ursprünglichen Zahlen sind und bleiben - soweit es Zuwanderer angeht - falsch. Solche Fehlinformationen führen allzu leicht dazu, dass eine Gruppe von Menschen pauschal unter Verdacht gestellt wird. Daher halte ich es für notwendig, hier genau zu sein.

    Für die Frauen und Männer, die von sexueller Gewalt betroffen sind, ist es tatsächlich wichtig, dass diese Taten und die Täter nicht verschwiegen, sondern verfolgt werden. Und ja, es ist wichtig, sagen zu können, wer der Täter oder die Täterin war.
    Zu den Tätern gehören Deutsche und Nicht-Deutsche, Zugewanderte und Einheimische, Väter, Onkel, Trainer, Priester, Pfarrer, Lehrer, Soldaten und auch Frauen in all diesen unterschiedlichen Rollen, wenn auch zu einem deutlich geringeren Prozentsatz.
    Zu den Opfern von Gewalt und sexueller Gewalt gehören ebenfalls nicht wenige Migrantinnen und Migranten. Vielleicht lesen Sie das in der ausführlichen Statistik von 2016 noch einmal nach.
    Das alles ist allerdings nicht Thema dieses Schreibgesprächs.

    Lieber Herr Hammermüller, bitte überdenken Sie, wie Sie mit Zahlen und Menschen umgehen.

  • #39

    Frieder Hammermüller (Samstag, 07 Oktober 2017 18:08)

    Liebe Frau Zeitler,wie sie inzwischen lesen konnten, kamen meine Angaben aus vertauenswürdiger Quelle.sie sind offenbar nur besorgt, dass durch solche Veröffentlichungen alle Immigranten pauschal verurteilt werden könnten.das liegt mir völlig fern aber zuerst habe ich Mitleid mit den geschändet en frauen.es soll ihnen nicht so gehen wie den Opfern der Vertreibung und der Gewalt der Besatzer, deren Leid,wenigdens hier im Osten nie benannt werden durfte und die heute noch darunter leiden.

  • #38

    Rainer Mette (Samstag, 07 Oktober 2017 17:39)

    Versuch zum Verständnis der Statistik, Innenminister Herrmann:

    Die Zahl der Sexualstraftaten von Zuwanderern stieg in den ersten 6 Monaten 2017 in Bayern auf 126, das ist im Vergleich zu den ersten 6 Monaten des Vorjahres eine Steigerung um 91 % = 65 Delikte in den ersten 6 Monaten 2016. Die Gesamtzahl der Sexualstraftaten im genannten Zeitraum stieg auf 685. Das ist eine Steigerung von 48 % = 462 Delikte in den ersten 6 Monaten 2016. Der Anteil von Zuwanderern an den Sexualstraftaten beträgt 685 : 126 = 18 %.

  • #37

    Anne Veit (Samstag, 07 Oktober 2017 17:30)

    ...und die jungen Leute verstehen heute weder die Dorf-Mundart noch die Sprache der Lutherbibel. Sie verstehen Englisch und Hashtags (Sie glauben gar nicht, wie lange ich gestern gesucht habe, wo auf der Tastatur dieses komische #-Zeichen ist) Mit nur einer Sprache werden wir nicht auskommen. Zurück ist auch kein Weg.

    Nicht mit der Verunsicherung gehe ich ins Gericht, sondern mit der einfachen Schein-Alternative. Ich fordere ein bisschen echten Mut. Vielleicht haben wir nicht das Recht, so große Feiglinge zu sein. Ich meine nicht den "Mut zu Deutschland"-Mut, der nichts anderes heißt als Jammern und Nölen über angeblich Verlorenes. Ich meine Mut, der aus Hoffnung kommt.
    Damit könnte ich jetzt oben in Runde 2 weiterschreiben.

  • #36

    Frieder Hammermüller (Samstag, 07 Oktober 2017 16:40)

    Liebe Frau Veit, ich stimme ihnen in vielem zu, was die Bereicherung der Kultur betrifft und dass wir das mit gestalten müssen. Aber ich möchte das Gespür dafür schärfen, dass wir unsere überkommene nicht dabei vernachlässigen. Mit den Verunsicherungen der ländlichen Bevölkerung gehen sie hart ins ins Gericht. Ich fühle mit denen, die älter sind und keine Fremdsprachen in der Schule hatten als DDR Bürger. Die brauchen für ihr heimisch sein, dass man ihre Sprache
    spricht. Als Luther die Bibel übersetzte,hat er diesen aufs Maul geschaut.

  • #35

    Anne Veit (Samstag, 07 Oktober 2017 15:33)

    Sehr geehrter Herr Hammermüller,
    Deutsche Choräle statt englischer Lieder? Haben Sie in den letzten Jahrzehnten mal ein Radio eingeschaltet? Gern kämpfe ich mit Ihnen für einen ordentlichen Klassik-Sender! Von mir aus dürften die Choräle gern auch lateinisch sein, ich mag sowas - und übrigens haben rheinländische Großstädte das bislang nicht verlernt.

    Die Argumentationslinie wird da schief: Dass wir hier (wie in jedem Land) gesellschaftlich immer Diskussionen über alte und junge Kultur führen werden, hat nichts mit der Frage zu tun, ob wir uns von anderen Kulturen bereichern lassen können. Auf den meisten deutschen Schützenfesten läuft nun auch nicht gerade Bach - tatsächlich halte ich persönlich Schützenfestkultur nicht für besonders
    erhaltenswert, aber das ist Geschmackssache. Ich gehe lieber in ein Klezmer-Konzert und finde es schade, dass es solche selten gibt.

    Diese Forderung nach der Rücksichtnahme auf die, die von Multikulti verunsichert sind, beschäftigt mich. Nein!! Eben genau das halte ich für falsch. Ich will nicht Rücksicht nehmen auf Ängste, die unbegründet sind - oder jedenfalls einen ganz anderen Grund haben als den, den sie vorgeben.
    Die Dörfer haben bestimmt Grund zur Sorge: keine jungen Leute für die Feuerwehr, nur noch zwei Muddis, die Kirmeskuchen backen, Schalmeienkapelle überaltert ebenso wie der Kirchenchor. Aber das wird nun nicht besser davon, dass man keine Flüchtlinge ins Land ließe und die Zuwanderung begrenzte.

    Und das wird auch nicht besser dadurch, dass man seltsame Ansprüche an Kultur und ihren patriotischen Zweck festschreibt. Dieser Entwicklung sind wir ausgesetzt und wir sind Teil von ihr. Das ist Moderne, das ist die Digitalisierung - wir müssen damit umgehen.

    Wenn man die Frage nach der Veränderung der Kultur zu einem Problem der Überfremdung macht, verharmlost man sie. Diese Frage ist viel größer. Und man kann sie nicht anders angehen als durch Mitgestalten.

  • #34

    Frieder Hammermüller (Samstag, 07 Oktober 2017 15:32)

    jetzt will ich meinen Satz noch vollenden - gesetzt gibt dann noch ein ganz anderes Bild .

  • #33

    Frieder Hammermüller (Samstag, 07 Oktober 2017 14:45)

    Irgendwas an ihrer Deutung kann nicht stimmen.14%+91%gibt keine 18%. ich verstehe die Meldung so: 91prozent der vermehrt registrierten Delikte gehen auf das Konto der Immigranten. Aber auch 18'% der Gesamtzahl der Delikte wären im Verhältnis zu ihrem bevolkerungsAnteil

  • #32

    Kathrin Mette (Samstag, 07 Oktober 2017 13:45)

    Danke, ich hab es jetzt gefunden:
    http://www.idowa.de/inhalt.bayern-48-prozent-mehr-vergewaltigungen-in-bayern.9c6bcc09-60a2-4a6c-a8dd-23bc7c19c6ad.html
    Und damit die Mitdiskutierenden nicht erst selber nachsehen müssen. Dort steht:
    "Im den ersten sechs Monaten des Jahres 2017 sind in Bayern fast 50 Prozent mehr Vergewaltigungen angezeigt worden, als im Vorjahreszeitraum.

    Insgesamt tauchen in der Polizeistatistik 685 Fälle auf, ein Plus von 48 Prozent. Die Zahl der Taten, die Zuwanderern zugeordnet wurden, stieg um 91 Prozent auf 126, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Dienstag im Kabinett. Damit lag der Gesamtanteil der Zuwanderer an allen sexuellen Vergehen bei 18 Prozent (2016: 14 Prozent)."

    Es ist also nicht so, dass 91 % aller Vergewaltigungen von Zuwanderern begangen wurden, deren Anteil an den Delikten stieg um 91 % auf jetzt insgesamt 18 %.

  • #31

    Frieder Hammermüller (Samstag, 07 Oktober 2017 12:52)

    Ich habe im Internet nach dem Anstieg der Sexualstraften in Bayern gefragt und da mehrere Hinweis e gefunden, darunter die angegebene Adresse

  • #30

    Kathrin Mette (Samstag, 07 Oktober 2017 12:13)

    Der Link ist leider sehr allgemein und ich hab die Meldung auf dieser Seite nicht gefunden, konnte das also nicht überprüfen. Welchen Suchbegriff haben Sie eingegeben, sehr geehrter Herr Hammermüller?

  • #29

    Frieder Hammermüller (Samstag, 07 Oktober 2017 11:46)

    Ich habe nun selber im Internet zum Ansteigen der Sexualstraften in Bayern nachgeschaut. 48 Prozent mehr Delikte, die Zahl der Taten, die Zuwanderern zugeordnet wurden, stieg auf 91 Prozent
    dpa12.9.17 gefunden bei www.idowa.de

  • #28

    Barbara Zeitler (Samstag, 07 Oktober 2017 10:47)

    Sehr geehrter Herr Hammermüller,
    danke für die Information, woher Sie glauben die Zahlen zu haben und die Präzisierung, dass es sich „wahrscheinlich um das Ansteigen der Sexualstraftaten“ handelt.
    Auch hier hilft ein Blick in die bayerische Polizeistatistik 2016. Für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gilt: Tatverdächtig waren in 11 % der Fälle Zuwanderer, in 70,7 % der Fälle Deutsche, in 18,3 % der Fälle Nicht-Deutsche, die keine „Zuwanderer“ sind, also z.B. EU-Bürger und EU-Bürgerinnen. Der Anstieg der Tatverdächtigen bei den „Zuwanderern“ von 2015 auf 2016 liegt bei 4,6%. (S. 36 und 37 in der Statistik von 2016, zu finden unter <www.polizei.bayern.de/kriminalitaet/statistik/index.html/649>)

    Dass Frau Merkel die von Ihnen ins Gespräch gebrachten, falschen Prozentzahlen in dem Fernsehgespräch genannt hat, kann ich mir nicht vorstellen. Woher ein Bürger, der sie dann wohl genannt hat, sie hatte, weiß ich nicht.

    Solche falschen, aber alarmierenden Zahlen verbreiten sich leider in Windeseile und werden geglaubt.

    Sehr geehrter Herr Hammermüller,
    daher bitte ich Sie herzlich in Zukunft gründlich zu prüfen, was Sie als scheinbar sichere Information über eine Gruppe von Menschen weiter erzählen. Und, soweit es möglich ist, sprechen Sie bitte mit allen, die Sie mit diesen Zahlen eventuell verunsichert haben darüber, dass das so nicht stimmt. Ja, es gibt Kriminalität unter Zuwanderern und sie ist keineswegs ausufernd, sie wird von der Polizei verfolgt, Delikte werden aufgeklärt (im Bereich der Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung lag die Aufklärungsquote 2016 in Bayern bei 84,4 %) und sie wird sorgfältig dokumentiert – wie auch bei Deutschen und Nicht-Deutschen Täterinnen und Tätern.

    Informationen zur Kriminalitätsentwicklung in Sachsen finden sich übrigens hier: http://www.polizei.sachsen.de/de/9549.htm

  • #27

    Frieder Hammermüller (Samstag, 07 Oktober 2017 09:15)

    Meine Bemerkung zum Ansteigen der Kriminalität in Bayern habe ich aus dem Fernsehgespräch der Kanzlerin mit Bürgern. es ging wahrscheinlich um das Ansteigen der Sexualstraften. zu Anne Veits Frage,was mir an Deutschland wichtig ist: sicher fühlen sich Großstädter in multikulti heimisch,aber ich muss auch die verstehen, die davon verunsichert sind. in jedem Land finde ich einen gesunden Nationalstolz, nur hier finden den manche suspekt.unsere englischen Freunde zeigen sich sehr enttäuscht,als sie in einem Konzert in unserer Kirche statt deutscher Choräle überwiegend englische Lieder hörten.dass Ausländer sich bei uns willkommen fühlen, kann nicht heißen, dass wir uns selbst zu Ausländern im eigenen Land machen.

  • #26

    Kathrin Mette (Freitag, 06 Oktober 2017 22:05)

    Barbara Zeitler hat sich die Mühe gemacht, sich näher mit der bayrischen Kriminalitätsstatistik zu befassen. Herr Hammermüller hat ja von einem Anstieg der Kriminalität in Bayern um 50% geschrieben und weiter, dass davon 90% auf das Konto von Immigranten gehen. Diese Angaben entsprechen aber nicht der Datenlage.
    Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik für Bayern sagt:
    „Einschließlich der ausländerrechtlichen Verstöße wurden 2016 bayernweit 882.473 Straftaten registriert (+9,5 Prozent)“ – also keineswegs ein Anstieg um die Hälfte, wie von Herrn Hammermüller behauptet.
    „Ausländerrechtliche Straftaten“ sind, wie der Name schon sagt, für Deutsche gar nicht begehbar. Es geht dabei allermeist um Aufenthalts- und Asylrechtsverstöße. Daher ist wichtig zur Kenntnis zu nehmen:
    „Bereinigt um die rein ausländerrechtlichen Verstöße wie illegale Einreise stieg 2016 die Zahl der in Bayern registrierten Straftaten um 3,3 Prozent auf 614.520 Fälle an.“
    Bei den Straftaten ohne die ausländerrechtlichen gilt für Bayern 2016: „Der Anteil der tatverdächtigen Zuwanderer an allen Tatverdächtigen lag bei 9,6 Prozent und damit 3,2 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert.“
    Alle Zitate sind auf dieser Seite zu finden:
    www.stmi.bayern.de/med/aktuell/archiv/2017/170313pks2016/

    Die ausführliche polizeiliche Kriminalitätsstatistik für Bayern 2015 und 2016 finden Sie hier: www.polizei.bayern.de/kriminalitaet/statistik/index.html/649

  • #25

    Johann Schiel (Freitag, 06 Oktober 2017 18:33)

    Es kamen jetzt ein paar Themen zur Sprache, die ich hier nicht erwartet hätte. Einerseits in dem Kommentar #19 (soziale Sicherung, Wohnungsbau, Zustand der Schulen u.A.) und auch in Kommentar #23 (Tierrecht).
    Hier offenbaren sich meiner Meinung nach weitere Ansätze, künftig wieder die Menschen zu erreichen, die die AfD offenbar gewählt haben, weil sie glauben, es seien die Einzigen, die ihnen noch zuhören.
    Es ist richtig, dass in den genannten Bereichen zu wenig getan wird und auch verständlich, dass man das als Tabu wahrnimmt. Gerade im gewesenen Wahlkampf kamen diese Themen absolut unterproportional zur Sprache. Man müsste also die Diskussion weg vom Fokus auf Flüchtlinge hin zu sozialpolitischen Themen leiten, was ich den anderen Parteien (nicht allen) auch durchaus zutraue.

    Was das Thema Schächten angeht: hier kann man nicht ernsthaft Tierrechtsverletzungen anprangern, solange es in Deutschland noch Massentierhalteung gibt, finde ich. Die entsprechende Forderung im AfD-Wahlprogramm ist nicht so sehr eine Tierrechtsforderung, sondern vielmehr ein weiteres Symbol für die Ächtung des Islam allgemein.

  • #24

    Markus Gnaudschun (Freitag, 06 Oktober 2017 18:08)

    zu #13

    Ränder sind manchmal recht breit ;-) Ich verstehe, was Sie meinen.

  • #23

    Gerhard Lindemann (Freitag, 06 Oktober 2017 17:58)

    Es ist gut, dass weitere Hinweise auf die Programmatik der AfD gekommen sind. Nur dann wird klar, wofür die ganze Partei steht (das bedeutet nicht, dass Verweise auf extremistische Äußerungen von Führungspersonen nicht wertvoll sind; die Partei trägt sie weitgehend mit, und das ist entscheidend), insbesondere wenn hier von Pfarrer Gnaudschun das Wahlprogramm der AfD als unproblematisch hingestellt wurde. Das ist es sowohl aus verfassungsrechtlicher als auch aus christlicher Perspektive eben nicht..

    Nun noch ein weiterer Hinweis auf das Bundestagswahlprogramm. Es enthält den bedenklichen Passus: "Den Handel, die Bewerbung und die Einfuhr von Fleisch
    aus tierquälerischer Schlachtung (Schächten) lehnt die AfD
    ab. Wir fordern eine ersatzlose Streichung des § 4a Abs. 2 Nr.
    2 TierSchG."

    Wenn selbst die Einfuhr von geschächtetem Fleisch untersagt werden soll, gibt es in Deutschland für ihren Glauben praktizierende Muslime und Juden keine Lebensmöglichkeit mehr. Ein entscheidender Gesichtspunkt für die Frage, ob die AfD für Christinnen und Christen wählbar ist.
    Von daher ist auch verständlich, dass jüdischen Mitbürgern das Wahlergebnis der Bundestagswahl Angst bereitet. Wir sollten alles tun, ihnen diese Sorgen zu nehmen (aber eben nicht durch Bagatellisierung und Verharmlosung).

  • #22

    Kathrin Mette (Freitag, 06 Oktober 2017 17:36)

    Sehr geehrter Herr Hammermüller, Sie schreiben von einem Anstieg der Kriminalität in Bayern um 50% und führen weiter aus, dass davon 90% auf das Konto von Immigranten gehen. Könnten Sie dafür bitte noch einen Beleg anführen? Einen Link zur bayrischen Kriminalstatistik etwa?

  • #21

    Anne Veit (Freitag, 06 Oktober 2017 17:14)

    Ich behaupte nicht, dass es nicht klug wäre, Fluchtursachen anzugehen. Aber das sind alles Dinge, die nicht kurzfristig wirken. Und solange das soweit nicht ist, werden die Menschen kommen. Und Nein!!! ich finde nicht, dass das Anliegen "Deutschland möge deutsch bleiben" aufgenommen werden sollte. Was soll das überhaupt bedeuten? Und wie bitte könnte wohl das ein christliches Anliegen sein?
    Mein Deutschland ist (zum Glück) nicht Sachsen. Wenn man im Rheinland aufwächst, erlebt man Multikulti (Hautfarben, Sprachen, Gender, Religionen...). Für mich hat das bestens funktioniert. Das ist für mich Deutschland. Aus dieser Perspektive kann Dresden noch gut mehr Farbe gebrauchen.

  • #20

    Dr. Astrid Grüttner (Freitag, 06 Oktober 2017 16:07)

    Ich sehe im Wahlausgang ein Zeichen der tiefsten Verunsicherung. Diese Verunsicherung rührt meiner Ansicht nach - in hohem Maß - daher, dass fast alle gesellschaftlich relevanten Kräfte, sowohl die meisten Parteien als auch die offiziellen Kirchenvertreter, die relevantesten Themen unserer Zeit ignorieren. Wir leben in einer Zeit, in der immer deutlicher wird, wie wir unsere physischen Lebensgrundlagen vernichten: Klimaveränderung, Zerstörung der für das Gleichgewicht der Erde wichtigen Großlebensräume "Regenwald" und "Ozeane", Verlust der Biodiversität (Rückgang von Bienen, Schmetterlingen, Vögeln, und und und...). Unsere Lebensweise macht uns aktuell zwar noch immer materiell reicher, trägt aber offensichtlich dazu bei, die Zukunftschancen zu verschlechtern: Massentierhaltung --> Kehrseite u.a. Zucht antibiotikaresistenter Keime; kaum gezügelter Export von Waffen --> Krisen werden noch geschürt; ungerechte Weltwirtschaft --> wer anderswo keine Chance hat, kommt eben zu uns; Ferntourismus --> Beschleunigung des Klimawandels. All diese Dinge wissen wir - und versuchen dennoch, sie mit aller Kraft zu ignorieren, ins Unterbewusstsein zu verbannen.
    Warum versuchen wir das? Wohl, weil uns die nötigen Maßnahmen zur Veränderung zu schmerzhaft scheinen, als dass wir sie ernsthaft erwägen wollen. Aber wir können nicht umhin zu wissen, dass die Konsequenzen noch erheblich schmerzhafter sein werden - vielleicht nicht für uns, sicher aber für die folgenden Generationen.
    Ich fand es unglaublich, dass diese drängenden Themen im Wahlkampf der meistgewählten Parteien keine Rolle spielten. Die AfD sticht noch dadurch hervor, dass sie in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2017 den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen fordert ("Das Pariser Klimaabkommen vom 12.12.2015 ist zu kündigen. Deutschland soll aus allen staatlichen und privaten „Klimaschutz“-Organisationen austreten und ihnen jede Unterstützung entziehen.").
    Bewahrung der Schöpfung - muss das nicht das Ziel sein? Solange wir das nicht angehen, wird, so vermute ich, die Hysterie - Hetze, Hass, Gewalt - in den Gesellschaften anschwellen.

  • #19

    Frieder Hammermüller (Freitag, 06 Oktober 2017 14:53)

    An vielen Beiträgen dieses Schreibgesprächs stört mich, dass sie nur bemüht sind, sich von der AfD abzugrenzen und das Gespräch mit ihren Vertretern abzublocken. Es wird zu wenig darüber nachgedacht, was ihren Wählern Bauchschmerzen bereitet und wo wir als Christen es versäumt haben, ihre Anliegen (z.B. dass Deutschland deutsch bleibt und dass die sozial Schwachen nicht abgehängt werden) aufzunehmen. Da wird immer nur betont, wie reich wir sind und dass es nur gut ist, dass wir davon abgeben müssen aber ignoriert, dass versäumt wurde, Fluchtursachen zu bekämpfen (unsere Waffenexporte, unsere ungerechte Handels- und Wirtschaftspolitik gegenüber der 3. Welt) und dass mit dem Geld, dass wir für die Aufnahme und Integration eines Flüchtlings in den Ursprungsländern über 70 Menschen eine Zukunftsperspektive geben könnten, dass die zig Milliarden jährlich viel sinnvoller eingesetzt werden müssten. Es ist doch der AfD zu danken, dass lange tabuisierte Themen endlich auch von den anderen Parteien u. Politikern angesprochen werden, z.B. dass die Integrationsfähigkeit unsere Kindergärten und Schulen in vielen Städten an ihre Grenze gekommen ist und dass wir seit Jahrzehnten in den Großstädten viele Probleme mit den Parallelgesellschaften haben (s. Buschkowski "Neukölln ist überall".) Dass auch unser Wohnungsmarkt durch die Flüchtlingswelle überfordert ist und die Justiz und Polizei durch den Anstieg der Kriminalität (in By um 50% und davon gehen 90% auf das Konto von Immigranten) total überfordert ist. Das offene Gespräch über die Themen von heute und mit allen Kritikern steht uns Christen besser an als die Vergleiche mit den unvergleichlichen Zuständen vor 80...90 Jahren

  • #18

    Tobias Schwarzenberg (Freitag, 06 Oktober 2017 13:24)

    Guten Mittag,

    ich korrigiere meinen Beitrag #4 zur Kultutpolitik mit der Aussage über die AfD in Sachsen-Anhalt. Im Programm der AfD-Sachsen-Anhalt steht zur Kulturpolitik folgender Passus im Wortlaut (Quelle: https://cdn.afd.tools/sites/88/2016/12/11210138/Wahlprogramm_31102015v2.pdf)
    "2.8.2 Identitätsstiftende Kulturpflege statt nichts
    sagender Unterhaltung!
    Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht,
    einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen."
    Das ist Einschränkung von § 5 GG, nämlich Einschränkung der Kunstfreiheit. Und es erinnert frappierend an die DDR-Kulturpolitik, die ich als Kind noch miterlebt habe. Meine Fragen dazu: Wer definiert, was nichts sagende Unterhaltung ist und was zur Identitätsstiftung anregt? Was passiert mit Gemälden oder Skulpturen, die vermeintlich nicht zur Identitätsstiftung beitragen? Wie soll das alles kontrolliert werden? Muss man dazu, die Inszenierungen an Theater und Oper einer Zensurbehörde vorlegen? Wie ist das, wenn man abweichende Meinungen vertritt, z.B. auch in einem Theaterstück, darf man diese abweichende Meinung noch äußern?

  • #17

    Jörg Thiele (Freitag, 06 Oktober 2017 12:56)

    Ich habe den Eindruck, dass der Wahlkampf einiger Parteien an den eigentlichen Problemen vorbei ging.
    Wenn in einem Ort nacheinander die Kneipe, der Dorfladen, die Sparkasse, die Schule und die Arztpraxis geschlossen werden, kann ich die Empörung der Anwohner durchaus verstehen. Sicher kann die AfD diese Probleme nicht lösen, sie ist ja nicht in der Verantwortung.
    Auch habe ich in meinem Briefkasten nur Werbematerial der AfD gefunden. Als SPD - Anhänger habe ich lange nach einem Informationsstand der SPD suchen müssen. Die der AfD habe ich schneller gefunden.
    Speziell von der SPD habe ich mehr eigenes Profil erwarten. Es wurde zu viel mit anderen Worte und kleinen Abweichungen wiederholt, was andere auch sagen.
    Es wurde auch zu viel über das Thema Flüchtlinge und Zuwanderung gesprochen. Das ist aber nur ein Thema. Bildung und Infrastruktur wurden zu wenig behandelt.

  • #16

    Frank Martin (Freitag, 06 Oktober 2017 10:35)

    Hier gern ein Link zu den Aussteiger*innen aus der AfD: http://www.huffingtonpost.de/2016/04/11/afdaussteiger_n_9641736.html

  • #15

    Kathrin Mette / Barbara Zeitler (Freitag, 06 Oktober 2017 09:46)

    Eine Vorankündigung: Heute abend wird die Moderation eine zweite Runde des Schreibgesprächs einläuten mit der Bitte, sich auch auf die neue Fragestellung einzulassen. Es wird dann noch 24 Stunden Zeit sein, Beiträge zur ersten Runde zu schreiben.
    Eine Bitte noch: Wer auf Äußerungen von Vertreterinnen und Vertreters der AfD Bezug nimmt, Prozentzahlen zur Wählerschaft oder andere Daten ins Spiel bringt, sollte bitte einen entsprechenden Link angegeben (eine direkte Verlinkung ist leider nicht möglich) oder zumindest eine Literaturhinweis beifügen.

  • #14

    Frank Martin (Freitag, 06 Oktober 2017 09:25)

    Lieber Herr Schwarzenberg, auf jeden Fall gibt es Aussteiger*innen aus der AfD, die die schleichende Übernahme der Partei durch rechtsnationale bis rechtsextreme Gruppen beschreiben.

  • #13

    Tobias Schwarzenberg (Donnerstag, 05 Oktober 2017 22:33)

    Lieber Markus,

    der ultrarechte Rand der AfD ist leider ihr Kern... So sehe ich das und Frank Martin würde mir sicher recht geben oder?

  • #12

    Johann Schiel (Donnerstag, 05 Oktober 2017 22:06)

    Zur Frage, wie man mit Verunsicherungen und Sorgen/Ängsten umgehen könnte.
    Wenn man es jetzt doch noch mal vorsichtig wagt, einen vergleichenden Blick in die Vergangenheit zu werfen, kommt man vielleicht auf das Folgende:
    untätig zusehen hilft schonmal nicht, ausschließliche verbitterte Gegnerschaft sicherlich nur bedingt (damals nur für kurze Zeit, aber hier muss man mit dem vergleich wirklich vorsichtig sein; es war schon eine ganz andere Situation).
    Was bleibt also übrig: Perspektiven anzubieten, die einen glaubhaften Ausweg aus den wahrgenommenen und tatsächlichen Krisen biten. Da haben wir mit der Wiederwahl von Frau Merkel als Bundeskanzlerin schonmal nicht so viel gewonnen.
    Allerdings könnte sich auf europäischer Ebene demnächst was tun (ist meine Hoffnung): Macron, der frz. Präsident hat gerade erst eine wirklich mutige und richtungsweisende Rede gehalten, die im Prinzip den Vorschlag zur Neugründung einer europäischen Gemeinschaft zum Thema hatte. Diesmal nicht (wie die EWG) eine wirtschaftliche Einheit, sondern eine politische. Es ist fraglich, wie viel daraus erwächst, es könnte aber der Anstoß zu einer neuen proeuropäischen Debatte sein, die der AfD (und ähnlichen Parteien in anderen Ländern) dieses Thema etwas von der Schippe nimmt.
    Bei dem wohl größten Punkt, der Frage, wie mit Flüchtlingen umzugehen sei, würde ebenfalls eine klarere Haltung seitens der Politik und öffentlicher Akteure helfen. Auch da bahnt sich leider mit der mutmaßlichen Jamaika-Koalition im Bund Anderes an...

  • #11

    Frank Martin (Donnerstag, 05 Oktober 2017 19:40)

    Sehr geehrter Herr Gnaudschun,
    lesen Sie doch bitte mal, was Aussteiger*innen aus der AfD über diese rassistische und nationalistische Partei sagen. Es gibt sie und sie werden mehr.
    Aber gut, ich nehme zur Kenntnis, dass sich unterschiedliche Haltungen sowohl in der Frömmigkeit als auch in der politischen Haltung manifestieren und dass es da Korrelationen gibt.
    Mich entsetzt das - aber das ist ein persönliches Statement.

    Als Christ*innen - und es waren nicht alle - sich das letzte Mal so in einer Partei täuschten, waren am Ende dieser Täuschung 6 Millionen Jüdinnen und Juden tot - ebenso unzählige andere Menschen. Europa lag in Trümmern Deutschland bekam noch eine Chance und die Kirche bekannte ihre Schuld.

    Zwei Bemerkungen noch: Nicht nur AfD gewählt, sondern auch CDU - wo ist in Sachsen der Unterschied? Schauen Sie nach Bautzen, wo die CDU mit der NPD aushandelt, wie mit Geflohenen umzugehen sei.
    Und: Sie erwarten, dass wir dem Verfassungschutz vertrauen? Im Ernst? Vertrauen ist keine Kategorie des Politischen.

  • #10

    Markus Gnaudschun (Donnerstag, 05 Oktober 2017 18:56)

    Übrigens, in eigener Sache: Ich verweise nochmal auf meinen Beitrag #2. Ich habe NICHT NUR AfD gewählt...! Bitte - mit - beachten...! Bitte!!!

  • #9

    Markus Gnaudschun (Donnerstag, 05 Oktober 2017 18:49)

    #8 3. Absatz... kurze Antwort

    Liebe Frau Veit,
    ich würde sagen, es gibt beides: Menschen, welche die AfD WEGEN und welche die AfD TROTZ der fremdenfeinlichen Äußerungen (von AfDlern-des-ultrarechten-Randes) gewählt haben. Ich gehöre zu denen, die dies TROTZ dessen getan haben. Wie gesagt mit bleibenden Fragen und Ungewissheiten...

  • #8

    Anne Veit (Donnerstag, 05 Oktober 2017 17:56)

    Lieber Herr Gnaudschun,

    wie kommen Afd-Wähler und mein Schüler in Kontakt? Mit Ihnen habe ich meinen Schüler jetzt ja schon mal bekannt gemacht :o). Sie sind nicht schwer zu finden, die „UMAs“: Wer sich ein Bild machen möchte, suche eine Schule oder eine der Unterkünfte oder eines der Erzählcafes der Diakonie auf.

    In einer Hinsicht sind wir einer Meinung: Hier wie dort geht es um Menschen. Es ist nicht hilfreich, von „Flüchtlingsströmen“ zu sprechen und ebenso nicht von „Wählermassen“. Hier wie dort werden Entpersonalisierungen der Situation nicht gerecht.

    Reden wir also von Menschen, welche die AfD gewählt haben. Was vermuten Sie: Wählen Menschen die AfD trotz oder wegen ihrer fremdenfeindlichen Äußerungen? Wie ist es bei Ihnen selbst? Und aus welchem Grund wählt man diese Partei denn sonst? Welche Positionen der AfD sind so stark und gut, dass man die Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierungsfreundlichkeit überhören oder in Kauf nehmen kann?

    Mit Menschen, die die AfD wegen ihres Rassismus' wählen (und ich fürchte, es sind nicht wenige) weiß ich nicht, wie umgehen. Warum hier Dialog? Mit welchem Ziel? Dass es eine seelsorgliche Aufgabe sein kann, hier offen zu sein, bestreite ich nicht. Aber eine politische Diskussion? Ein Platz im öffentlichen Diskurs?

    Um mal in Ihrem Bild von der Seekrankheit zu bleiben: Ich habe Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, denen das alles zu viel ist mit dem Elend dieser Welt und von mir aus können sie kotzend über der Reling hängen, das ist ok. Aber ich kann doch nicht den Kurs eines lebensrettenden Bootes wegen dieser Bauchschmerzen aufgeben und zurückfahren! (Mal noch gar nicht davon gesprochen, dass ich wissen sollte, dass ich mein Wohlstands-Rettungsboot nur habe, weil mein Land kräftig auf Kosten anderer Teile der Welt lebt und somit für viele der Fluchtursachen mitverantwortlich ist.)
    Leider scheint genau dieses Zurückfahren die politische Reaktion nahezu aller Parteien auf die Wahl zu sein – fast noch schlimmer als das Wahlergebnis selbst.

  • #7

    Helen Dreikopf (Donnerstag, 05 Oktober 2017 17:10)

    Als neue Teilnehmerin im Schreibgespräch möchte ich mich so einbringen:
    Bis zum Tag der Wahl war ich unentschlossen. Ich wusste: Nur die großen Parteien werden im Bundestag sitzen und entscheiden. Aber: Bei den Kleinen, die auf aussichtslosem Posten kämpfen, finden sich meine Positionen eher wieder. (Der „Wahlomat“ empfahl mir u.a. „Die Partei“.) Das hat es mir sehr schwer gemacht und ich entschied mich für einen Kompromiss.
    Andere Menschen mit anderen Positionen haben mit der AfD wohl ihre Chance gesehen, wohlmöglich sogar Hoffnung auf mehr Prozente und die "Rettung Deutschlands". Die Angst vor der Überfremdung Deutschlands ist wohl bei vielen einer der Hauptgründe für die Sympathien mit der AfD. Da kommt schon die Menschenverachtung zum Tragen: Wer Mensch nicht gleich Mensch sein lässt und „seinem Volk“ ein höheres Recht einräumt als einem anderen, denkt in gewissem Maße auch menschenverachtend.
    Als Christin möchte ich selbst bei den Fürbitten nicht nur für die verfolgten Christen in der Welt sondern für alle Menschen beten, weil sie nach meinem Glauben alle gleich sind. Als empathischer Mensch möchte ich mit allen fühlen, die benachteiligt und ausgegrenzt auch die traumatisiert und heimatlos sind – das schließt den vielleicht AfD-wählenden Hartz IV-Empfänger und den Geflüchteten mit ein. Eine andere Form des Menschseins kommt für mich nicht in Frage, auch wenn das oft eine Herausforderung ist und mir folgerichtige Taten auch aus Ratlosigkeit wohl noch nicht konsequent gelingen.

  • #6

    Markus Gnaudschun (Donnerstag, 05 Oktober 2017 14:29)

    Zu Runde 2/#1...
    Lieber Gerd Lindemann, nur Mut, nur Mut: Wir haben einen gut arbeitenden Verfassungsschutz – naja, zugegeben: nicht immer... –, aber der schaut schon...
    Auch hier braucht es Vertrauen – ohne das geht´s nicht.

  • #5

    Markus Gnaudschun (Donnerstag, 05 Oktober 2017 14:22)

    Ich arbeite mich von unten nach oben durch...

    Lieber Bruder Frank Martin, in dieser Absolutheit kann ICH das nicht über die AfD als ganze sagen: Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit – dass die AfD "genau dafür steht" (siehe Ihr Kommentar #19). Ja, es gibt Vertreter – Parteimitglieder, Wähler, Sympathisanten –, auf die das zutrifft. Nur eben... wieviele? 1 bis 10 Prozent? 20 Prozent? Oder – und da bin ich bei Anne Veit (Runde 2/#2) – "50 bis 80 Prozent"? Genaue Zahlen gibt es auch hier nicht (Prozente Rechtsradikale etc. in der AfD)! ––– So ist das mit der Angst! Mit der Angst auf beiden Seiten!
    Darum nochmal auch gleich zurück zu Frank Martin´s #19: Dass 'Rassismus/Nationalismus/ Fremdenfeindlichkeit' und 'Nachfolge Jesu' nicht zusammen passen – keine Frage. Das passt nicht zusammen! Das sei ferne ;-), Bruder Martin, diese Ihre klar gegen 'Rassismus/Nationalismus/ Fremdenfeindlichkeit' gerichtete Position als unchristlich in Frage zu stellen! Punkt! ––– Nur... würde ich gerne wissen, ob sich Menschen mit den beschriebenen sündhaften Geisteshaltungen in Ihrer Nähe genau so geliebt und angenommen fühlen, wie die Sünder damals bei Jesus.
    Klare Kante gegen Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit... Hass... etc. pp. ... aber immer im Dialog mit denen, die so denken. Das bin ich. GOTT (!) sei Dank!

    Eine kleine Geschichte aus meiner Studienzeit in Leipzig: Die NPD war wieder als Demo vom Hauptbahnhof zum Völkerschlachtdenkmal unterwegs. Und auch unsere Gegendemo hatte sich formiert – inkl. Bühne und große Lautsprecher auf dem Augustusplatz. Im Zug der Gegendemonstranten ich in der ersten Reihe, neben mir Pfr. Führer (Gott hab ihn selig) und Sup Henker. Wir waren an "unserer" Bühne angekommen, die Redner legten los. Unter anderem ein noch nicht genannter Pfarrer... Er wetterte gegen Rechts, Minute um Minute. 200 Meter von der Bühne entfernt: Der NPD-Zug. Der kam nicht voran, stand still; eine Blockade hatte ihn gestoppt. 200 Meter weiter standen sie. Hörweite. So muss es sein... Ich hörte den Pfarrer wettern. Klare Kante gegen Rechts – nur eben... Hass statt Liebe. Ich stand da und dachte: Wäre ich jetzt einer von den Rechten, vielleicht noch ganz am Anfang meiner braunen Kariere, mich hätten die Worte des Pfarrers nur noch mehr in den Sumpf gedrückt. "Jetzt erst recht!"

    "Protest darf, ja MUSS!, laut sein! Sonst verpufft er!" ––– Ach ja?

    Niemöller war – so viel ich weiß – auch kein lauter. Die Niemöllers lassen sich manchmal blenden – weil sie den Leuten erstmal gute Absichten unterstellen. Die Niemöllers fallen dann manchmal bitter auf die Nase... Ja, Bruder Tobias Schwarzenberg (#20), es kann sein, dass ich mich in meiner Einschätzung der AfD irre! Kann sein. Ja, kann sein... (#11).

    Was alles ändert und harte, ängstliche Herzen weich werden lässt, ist: Menschen wie Ihren Schüler kennen, Schwester Veit (runde 2 / #2). Wie kommen nur beide in Kontakt...? – Punkt.

  • #4

    Tobias Schwarzenberg (Donnerstag, 05 Oktober 2017 10:07)

    Die Kulturpolitik der AfD ist laut Wahlprogramm m.E. nicht Verfassungskonform.

    AfD-Wahlprogramm Bundestageswahl zu "Kultur und Medien" unter 9.4. "Für „politisch korrekte“ Kunst und Kultur darf es keine staatlichen Anreize geben." Das ist verklausuliert die Einschränkung der Kunstfreheit in Art. 5 GG. Im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt - ich hoffe ich erinnere mich richtig - hieß das sehr viel unverschlüsselter dem Sinn nach: "Die freien Bühnen sollen keine öffentliche Förderung mehr erhalten, wenn sie statt nationaler Kunst zu machen, Multikulti auf die Bühne bringen."
    Dagegen Art 5 GG: "(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern ... (3) Kunst [!] und Wissenschaft. Forschung und Lehre sind frei. Die 4der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung [!]."

  • #3

    Tobias Schwarzenberg (Donnerstag, 05 Oktober 2017 09:00)

    Ich meinte natürlich nicht "Tollkirchen" sondern Tollkirschen.

  • #2

    Anne Veit (Donnerstag, 05 Oktober 2017 08:21)

    Lieber Herr Gnaudschun,
    schon die Angabe „50-80%“ zeigt, dass der Aussage keine harten Zahlen zugrunde liegen. Aber darum geht es mir gar nicht primär. In der NS-Zeit gab es Aufgaben in Mathematikbüchern: „Nach verschiedenen Berechnungen kostet ein Geisteskranker den Staat jährlich 1500 RM...“
    Daran erinnert es mich.

    Ich kann die Geschichte von „UMA“ auch anders erzählen: Einer meiner Schüler verfolgt täglich alle Nachrichten, die er aus seiner Heimatstadt Aleppo bekommen kann. Seine Familie ist noch dort. Manchmal hört er tagelang nichts, erreicht niemanden, dann weiß er nicht, ob seine Eltern noch leben. Er kommt in die Schule, lässt sich wenig anmerken, wenn man ihn nach seinem Befinden fragt, lächelt er und sagt „Es geht gut, muss es ja, ich bin hier.“
    Und es wäre mir, ehrlich gesagt, völlig egal, wenn er nicht 15 sondern 18 Jahre alt wäre. Fakt ist, er ist ein junger Mensch, der Dinge gesehen hat, die schon ein Erwachsener nicht verarbeiten könnte. Neulich erzählte er davon, wie er bei seiner Flucht über das Mittelmeer jüngere Kinder neben sich ertrinken sah.
    Ein Ankerkind? Das IST menschenverachtend.
    Die Entscheidung, wie man zum Familiennachzug steht, sollte man auf der Grundlage solcher Perspektiven treffen.

  • #1

    Gerhard Lindemann (Donnerstag, 05 Oktober 2017 06:36)

    Der Maßstab für die Beantwortung der Frage, ob das Wahlprogramm der AfD als "demokratiefeindlich" angesehen werden kann bzw. muss, kann nur das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sein.
    Ein besonders markantes Beispiel ist in den Abschnitten des Wahlprogramms, die sich mit dem Verhältnis zum Islam befassen, die Missachtung des Grundsatzes der Religionsfreiheit:
    - "Auch die Finanzierung des Baus und Betriebs von Moscheen durch islamische Staaten oder ausländische Geldgeber bzw. deren Mittelsmänner soll unterbunden werden." Sofern von vornherein klar ist, dass dort verfassungsfeindliches Gedankengut propagiert wird, ließe sich über die Forderung diskutieren. Generell ist sie verfassungsrechtlich nicht haltbar.
    - "Das Minarett lehnt die AfD als islamisches Herrschaftszeichen ebenso ab wie den Muezzin-Ruf, nach dem es außer dem islamischen Allah keinen Gott gibt. Es handelt sich hierbei um religiösen Imperialismus": Hier fordert die AfD praktisch ein Verbot der Errichtung von Minaretten; ebenfalls ein Widerspruch zur Verfassung.

    Zudem spricht sich das Programm für eine Beseitigung der jüngst eingerichteten "islamtheologischen Lehrstühle an deutschen Universitäten" und gegen den "bekenntnisorientierten Islamunterricht an deutschen Schulen" aus, obgleich beides die Integration von Muslimen in die offene Gesellschaft erleichtern wird (Anleitung zur kritischen Reflexion der religiösen Tradition; Herstellung eines positiven Bezugs zum Grundgesetz und zur offenen Gesellschaft.
    Das sächsische Landtagswahlprogramm von 2014 sah sogar Volksabstimmungen bei geplanten Neubauten von Moscheen vor, ebenfalls ein Widerspruch zum Grundgesetz.

    Da es Gegenstand der Diskussion in diesem Blog war, noch ein Hinweis auf als homophob zu wertende Aussagen des Bundestagswahlprogramms:

    "Gender-Ideologie marginalisiert naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern und stellt geschlechtliche Identität in Frage. Sie will die klassische Familie als Lebensmodell und Rollenbild abschaffen.": Wahre geschlechtliche Identität ist, wenn man den Text genau liest, für die AfD die heterosexuelle Orientierung. Die Äußerung zur "klassischen Familie" richtet sich auch gegen die im
    Grundgesetz festgeschriebene Gleichberechtigung von Mann und Frau.

    "Die AfD will, dass sich die Familienpolitik des Bundes und der Länder am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern orientiert. Wir lehnen alle Versuche ab, den Sinn des Wortes „Familie“ in Art.
    6 Abs. 1 Grundgesetz auf andere Gemeinschaften auszudehnen und der Familie auf diesem Wege den besonderen staatlichen Schutz zu entziehen." Auch hier eine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften bzw. -gemeinschaften.

    "Eine einseitige Hervorhebung der Homo- und Transsexualität im Unterricht, wie sie die sogenannte „Sexualpädagogik der Vielfalt“ praktiziert, stellt einen unzulässigen Eingriff in die natürliche Entwicklung unserer Kinder und in das vom Grundgesetz garantierte Elternrecht auf Erziehung dar. Dadurch werden Kinder und Jugendliche – oft von schulfremden Personen und meist gegen den Willen ihrer
    Eltern – in Bezug auf ihre sexuelle Identität verunsichert, überfordert
    und in ihren Schamgefühlen verletzt." Sexualerziehung in Schule und Kindergarten wird übertrieben verzeichnet und skandalisiert (Ausnahmen werden generalisiert), von der Heterosexualität abweichende Orientierungen sind für die Verfasser des Programms nicht als "natürlich" anzusehen.

Barbara Zeitler / Kathrin Mette: Vielen Dank für Ihre Beiträge zur ersten Runde, die wir nach (kurzem Überlegen) gerne doch noch einmal verlängern wollen. Wir möchten den Fokus u.a. auf die in der Diskussion geäußerte These richten, dass das Programm der AfD nicht menschenverachtend und demokratiefeindlich ist (#5). Stimmt das? Oder gibt es neben den bereits von Anne Veit (#10) geäußerten Einwänden weiterer Argumente gegen diese Annahme?

Der Kreis der Mitschreibenden darf sich natürlich gern noch erweitern.

Kommentare: 21 (Diskussion geschlossen)
  • #21

    Tobias Schwarzenberg (Donnerstag, 05 Oktober 2017 07:42)

    Lieber Johann Schiel,

    ich finde du hast es sehr gut beschrieben, das mit den diffusen Ängsten, die m.E. teils auch aus Unverständnis der Dinge herrühren. Nur, wie soll man auf solche diffusen Ängste reagieren? - Menschen mit solchen diffusen Ängsten scheinen mir nämlich nicht offen für rartionale Argumente. MDR info hat Montag nach der Wahl eine Telefonumfrage gemacht: Warum haben Sie AfD gewählt. Ein Frau sagte am
    Telefon sinngemäß: "Die EU ist schrecklich, die schreibt uns alles vor, welche Kaffemaschine und welchen Staubsauger wir benutzen dürfen..." Ich habe noch nicht erlebt, dass mir die EU vorschreibt, welche Hausgeräte ich mir kaufe - natürlich gibt es EU-Verordnungen zu allem möglichen. Aber fakt ist doch z.B. auch: über das ILE und LEADER Programm haben wir aus der EU so viele Fördermittel zur Dorfsanierung erhalten, die wir ohne EU nie und immer bekommen hätten. Wir konnten z.B. in meiner alten gemeinde mit ILE-Mitteln die Kirche sanieren - wir hätten nie und nimmer das Geld dazu gehabt.
    Nur über solche sachlichen Argumente sind viele nicht ansprechbar. Deshalb mal als Frage in die Runde: Wie mit den diffusen Ängsten umgehen?

  • #20

    Tobias Schwarzenberg (Donnerstag, 05 Oktober 2017 07:02)

    Lieber Markus Gnaudschun,

    ich habe Deine Beiträge mit Aufmerksamkeit gelesen, auch Deine Argumentation, der zufolge die AfD ein bunter Haufen ist mit vielen guten Leuten (du nenntst Jörg Meuthen) und auch giftigen Tollkirchen (du nennst Björn Höcke). Dazu fiel mir ein Ereignis aus unserer deutschen Geschichte ein, das ich dir mal bennenen will. Beim Lernen für "Kirchengeschichte im Nationalsozialismus" stieß ich als Student auf folgende Begebenheit. 1934 waren Martin Niemöller und Mitstreiter aus der Bekennenden Kirche bei Hitler in der Reichskanzlei. Sie glaubten damals ganz ehrlich und ernsthaft, dass Hitler ein Guter sei, der lediglich umgeben sei von Bösen ("Tollkirschen"). Inzwischen wissen wir, wie sehr sich Niemöller und Co. damals geirrt haben, Hitler war selbst das böse Zentrum des Bösen und von vielen willfährigen und bösen Opportunisten umgeben. Was nun die AfD betrifft, hier scheint mir bei einigen führenden Mitgliedern in Gegenwart und Vergangenheit die Zuschreibung als gemäßigt oder radikal ziemlich beliebig zu sein, je nach dem, was gerade opportun ist, ich meine z.B. Bernd Lucke, Frauke Petry und Jörg Meuthen. Zuerst trat AfD-Gründer Lucke als Radikaler auf. Als ihm mit Frauke Petry eine in der AfD erfolgreichere Gegenspielerin erwuchs, gab er sich als Gemäßigter. Frauke Petry trat nach dem Putsch gegen Lucke selbst als Radikale auf und ihr Co-Vorsitzender Meuthen galt in den Medien als der Gemäßigte. Inzwischen aber gehört Meuthen in die Riege von Gauland und Höcke, die wirklich nicht als gemäßigt eingestuft werden können, er verteidigt jede noch so rassistische und antidemokratische Äußerung von ihnen im Deutschlandfunk und gibt sich nicht mehr die Mühe, ein gemäßigtes Mäntelchen umzuhängen. Und je erfolgreicher Meuthen, Gauland und Höcke in der AfD waren, desto mehr stillisierte sich Frauke Petry in diesem Jahr zur Gemäßigten (nur: vergessen wir nicht, was sie mal über das Erschießen von Flüchtlingen gesagt hat). Um es mit deinen Worten auszudrücken, es gibt in der AfD nur Tollkirchen, einige sind ganz offen Tollkirchen wie Höcke, ander gerieren sich von Zeit zu Zeit als Süßkirchen, je nachdem was opportun ist. Wir können die gleichen Fehler machen wie Niemöller und BK-Mitstreiter und wie viele andere Deutsche am Ende der Weimarer Republik und sagen: die rechten sind ein bunter Haufen und da kann es auch mal Tollkirchen geben (sozusagen als Kollateralschaden), aber die haben insgesamt wichtige Anliegen. Aber denken wir an die NS-Zeit: am Ende war Deutschland zerbombt und 6 Millionen Juden waren umgebracht. Oder: wir können aus der Geschichte lernen - und ich plädiere sehr dafür, mit dem Ende der Weimarer Republik und der NS Zeit Vergleiche heranzu ziehen, weil es heute dazu viele Parallelen gibt. Ich bin dafür aus der Geschichte zu lernen.

  • #19

    Frank Martin (Mittwoch, 04 Oktober 2017 23:03)

    Sehr geehrter Herr Gnaudschun,
    dann nennen Sie mal diese Positionen.
    Ich kritisiere Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit - und die AfD, die genau dafür steht. Und das ist alles durch Vertreter*innen dieser Partei bestätigt.
    Meinen Sie, dass meine Position christlich infrage zu stellen ist? Das würde mich sehr irritieren.
    Und das würde - wenn es wirklich so wäre - sehr ernste Fragen aufwerfen.

    Zu Ihrer Frage: Ich messe das am Evangelium. Und wenn Sie wollen, können wir das konkretisieren.

  • #18

    Johann Schiel (Mittwoch, 04 Oktober 2017 22:33)

    Schöne Diskussion bis jetzt. Ich möchte mich mal einbringen und die Wähler der AfD noch mal näher in den Blick nehmen. Ich wohne in Dresden und habe die Pegida-Demos (Gauland zufolge die "natürlichen
    Verbündeten" der AfD von Anfang an aus nächster Nähe mitbekommen; meist war ich auf den Gegendemos, habe aber mittlerweilse schon etliche Gespräche (Auseinandersetzungen) mit Menschen geführt, die
    regelmäßig bei Pegida mitlaufen oder mit der Bewegung sympathisieren. Ich denke, ich kann mir ein Bild machen.
    Tatsächlich denke ich, dass der Hauptantrieb für die Teilnahme an diesen Demos (und gleichzeitig auch für die Wahl der AfD) eine Verunsicherung ist, öfter als "Sorge" bezeichnet. Die Quellen dieser
    Verunsicherung sind hier schon genannt worden: Globalisierung, gefühlter Heimatverlust, Veränderung globaler politischer und ökologischer Zusammenhänge. Diese Verunsicherung gab es auch schon vor
    Gründung der AfD.
    Das Problem: das ist alles recht abstrakt, wenig greifbar und man kann niemanden dafür verklagen...
    Das hat sich spätestens 2015 geändert, als allenthalben, auch in "seriösen" Medien über Flüchtlings"ströme" berichtet wurde. Da war dann etwas Greifbares da, wo man sich dran hochziehen konnte, wo
    man konkrete Personen (meist wird Angela Merkel genannt) für verantwortlich zeichnen konnte.
    Dieser Mechanismus, eher diffuse als konkrete Problemlagen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe abzuwälzen und das als Lösung zu präsentieren sollte doch sehr nachdenklich machen. Und erst recht
    sollte nachdenklich machen, wenn die Partei, die diesen Prozess in den letzten Jahren nach Kräften befeuert hat, stärkste Kraft bei einer Wahl wird (auch wenn es "nur" eine Landesliste war).

    Die AfD ist mitnichten eine Partei, die einfach eine Erweiterung des parlamentarischen Farbenraums darstellt. Sie unterscheidet sich fundamental von allen anderen nennenswerten Parteien darin, dass
    sie bewusst wichtige demokratische Grundsäulen auszuhebeln versucht, etwa Schutz von Minderheiten und auch die Menschenrechte. Und das sollte gerade auch Christen verstärkt anrühren.
    Was mich bei dem Ganzen allerdings optimistisch stimmt ist, dass die Bevölkerungsgruppe, auf die ich mich beziehe, zu überwältigenden Teilen aus älteren Menschen besteht. "Meine Generation" (bin 26)
    scheint glücklicherweise nicht so viel daran zu finden, nationale Horizonte als Schutzmauern gegen bevorstehende Veränderungen einzuziehen.

  • #17

    Markus Gnaudschun (Mittwoch, 04 Oktober 2017 19:14)

    Bruder Frank Martin, nun aber Holla! Woran messen Sie, WAS vor WEM und OB ÜBERHAUPT etwas die Kirche unglaubwürdig macht?!? Mir fallen etliche Beispiele ein, wo Menschen und Mitchristen das genau von Ihrer Position sagen... Vorsicht also im Glashaus...

  • #16

    Frank Martin (Mittwoch, 04 Oktober 2017 18:26)

    Sehr geehrter Herr Gnaudschun, eine Meldung noch.
    Genau diese Relativierungen, die Sie machen, sind das, was unsere Kirche so unglaubwürdig macht. Und genau darauf bezog sich der Vergleich, liebe Frau Mette.
    Die AfD sei nicht nationalistisch. Am Ende erzählen Sie mir noch, dass Bernd Höcke nur ein Nationalromaniker sei? Frau Weidel ist homosexuell und alle Verbände warnen vor dieser Partei, welche die Rechte von homo- inter- und transsexuellen Menschen beschneiden will. Die AfD geriert sich als Schutzpartei für jüdische Mitbürger*innen und die Jüdischen Gemeinden beklagen den Einzug von Rechtsextremen in den Bundestag.
    Selbst, wenn die AfD nur national wäre - und nicht nationalistisch - wo ist der Unterschied? Wollen Sie allen Ernstes Deutsche Christ*innen? Und wie wollen Sie national neutestamentlich rechtfertigen? Und wo ist hier der Aufschrei der sogenannten Bekenntnisinitiative?
    Ich bin der katholischen Kirche und Bischof Dröge sehr dankbar für die eindeutige Haltung - es gibt keine Gemeinsamkeit zwischen AfD und Christentum.

  • #15

    Karl Sternberger (Mittwoch, 04 Oktober 2017 17:29)

    Noch ein Nachtrag meinerseits. Diese Leute sitzen jetzt im deutschen Bundestag: https://mobile2.tagesanzeiger.ch/articles/59c89d5aab5c374eee000001?utm_source=facebook&utm_medium=Ed_Post_TA&utm_campaign=Ed_Social_Post

  • #14

    Markus Gnaudschun (Mittwoch, 04 Oktober 2017 16:58)

    Lieber Tom Pelz, danke, dass Sie den Blick darauf richten, wie gut es uns doch im Vergleich zu Milliarden von Menschen geht. Auch ich verliere das viel zu oft aus dem Blick. Der Tag gestern war für mich ein Tag der Dankbarkeit. Soviel Gutes ist geworden nach und durch die Deutsche Einheit – vor allem auch hier bei uns im Osten. Ich hoffe, der gestrige Tag hat das vielen wieder bewusst werden lassen, was wir haben; unverdient. Ja, uns geht´s gut.
    Unser Land hat die Mittel, viel zu helfen. Wir – und mit uns zusammen mindestens Mitteleuropa – sind wie ein Rettungsboot, um das viele abertausend Menschen um ihr Leben paddeln. Schlimm! Schlimm! Kaum auszuhalten. Da müssen wir was tun!
    Nur wer ist WIR...? Sie und ich sind WIR! Wenn WIR uns entscheiden, von unserem Überfluss abzugeben – ja vielleicht sogar darüber hinaus geben, dann kann viel Hilfe werden. Aber wer nicht so tickt wie WIR...? Was viele der AfD-Wähler auf die Palme bringt, ist: Die Regierung macht einfach! Es ist für mich fraglich, ob eine Regierung so mit dem von den Bürgern zur Verfügung gestellten Geld umgehen darf. Ich sage: Nein. Die Bürger haben hier nicht nur EIN Wörtchen mitzureden. Und das haben sie genutzt.
    Ein zweiter Gedanke: Was ist die größte Gefahr für ein sich im Einsatz befindliches Rettungsboot, oder für einen Rettungsschwimmer? Ich kann es nicht ändern, aber es ist nun mal so: Die größte Gefahr für ein Rettungsboot sind die um ihr Leben paddelnden Ertrinkenden! Unser Boot kann nur dann weiter effektiv helfen, wenn es während des Einsatzes alles Nötige und Mögliche tut, selbst nicht zu kentern. Nicht die Ertrinkenden müssen auf unser Boot achten – werden sie nicht! Wir müssen es tun. Wir MÜSSEN! Um derer willen, die da am Ertrinken sind, und um jener Willen, die mit uns im Boot sitzen.
    Ich bin persönlich der Überzeugung, dass unser Boot bei weitem noch nicht überlastet ist. Ich denke, dass der Satz stimmt: "Wir schaffen das!" Aber lasst uns um Gottes Willen jene nicht tot hauen oder knebeln, die die Gefahren des Einsatzes im Blick haben. Vielleicht zu sehr, aber manche werden schneller seekrank als andere...

  • #13

    Tom Pelz (Mittwoch, 04 Oktober 2017 14:02)

    Auch mir hat sowohl der Wahlkampf als auch das Wahlergebnis große Bauchschmerzen bereitet. Die Reaktionen unseres Ministerpräsidenten und unseres Landesbischofs setzten dem dann noch die Krone auf! Zurück bleiben bei mir letztlich viele Fragen:

    Woher kommt bei uns Menschen (z. B. in Sachsen), die wir in einem unglaublichen Überfluss ggü. dem Großteil der Menschheit leben, solch ein Frust und Hass her? Macht uns die allgegenwärtige Werbung so unzufrieden, da wir nur sehen, was wir NICHT haben? All jene, die sich zu DDR-Zeiten einen besseren Lebensstandard gewünscht haben, hätten damals nie zu träumen gewagt, was sie heute haben.. Oder sind wir mit der Freiheit überfordert? Haben wir zuviel von dem im Leben Haltgebenden (vielleicht eben auch Religiöses, Traditionelles, Identitätsstiftendes, Heimatgebendes) im Zuge der Säkularisierung preis gegeben? Oder fürchten wir uns vor den Folgen unseres Lebensstils? Einer und einem jeden in unserem Land ist doch längst bekannt, dass wir ständig auf Kosten eines Großteils der Menschen anderer Länder als auch unserer Erde leben. Dennoch haben wir wenig davon gespürt, konnten es lange gut ausblenden, was nicht mehr geht, wenn die Menschen nun zu uns kommen und etwas abhaben wollen, von unserem Wohlstand... Oder geht es eher darum, dass sich die Menschen (z. B. in Sachsen) immer noch gekränkt fühlen, da der Osten vom Westen nach der Wende regelrecht kolonialisiert wurde? Aber haben wir nicht nach Bananen und Kohl gerufen, während unsere Bürgerrechtler nach neuen Gesellschaftsmodellen suchten? Sehen wir hier die Enttäuschung der Menschen im ländlichen Raum, die, nachdem sie Arbeitsplätze, Infrastruktur und Jugend verloren haben, auch noch von der Kirche verlassen wurden? Wird eine historische Chance vergeben, wenn die Kirche Events à la Reformationsjubiläum finanziert, anstatt die Ortspfarrerinnen und -pfarrer zu halten? Ist das Wahlergebnis Ausdruck der Ohnmacht, die sich einstellt, wenn man tagtäglich von (in der Regel negativen, weil sich so besser verkaufenden) Nachrichten liest, hört, sieht, und die (in der Regel ausgewogeneren) Freud und Leid in der unmittelbaren Umgebung weniger wahrnimmt. Aber sind nicht wir es, die die Zeitungen kaufen, die Webseiten anklicken, den Fernseher einschalten? Oder zeigt sich hier der Unmut gegenüber einer großen Gruppe von Berufspolitikern, die regelmäßig wirtschaftliche und persönliche Interessen über gesellschaftliche stellen? Ist es vielleicht auch Ausdruck einer Sorge darüber, dass in unserer Gesellschaft das Vertrauen in Polizei und Justiz schwindet? Allein das Öffnen von Grenzen ohne ein politisches Konzept, wie dann die gesellschaftlichen Integrationsangebote aussehen könnten, gerade bei einer hohen Anzahl an unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, kann auch ein Kriminalitätspotential mit sich bringen.

    Gerade hinsichtlich dieser letzten Fragen, kann ich Wählende verstehen, die sich gegen die klassischen Volksparteien entschieden haben. Ich glaube, dass die AFD-Wählerschaft sehr unterschiedliche Motive bei der Abgabe Ihrer Stimme hatte. Was ich nicht verstehen kann, ist der - von mir auch anhand vieler Gespräche erlebte - Unwillen, den eigenen Anteil an gesellschaftlichen Prozessen sowie die eigene Verantwortung darin wahrzunehmen. Schuld sind immer die anderen: Politikerinnen und Politiker, Fremde, Wessis... Und diese Zuschreibung von Schuld, in der ganzen Menschengruppen etwas unterstellt und diese daraufhin abgelehnt werden, das macht mir (nicht nur im historischen Blick zurück) große Sorgen... und die AFD nach meinem christlichen Verständnis nicht wählbar.

    Wir werden die Probleme nicht von heute auf morgen lösen können, aber wir können weiterhin versuchen Demokratie zu leben und im Gespräch zu bleiben. Ich wünsche mir, dass insbesondere hier die Kirche ein Raum für einen offenen und fairen Austausch bleibt und gleichzeitig gesellschaftlich so eindeutig wie möglich Stellung bezieht. Somit freue ich mich auch über dieses Forum hier.

  • #12

    Markus Gnaudschun (Mittwoch, 04 Oktober 2017 13:59)

    Liebe Anne Veit, sie zitieren das AfD Programm: "Unbegleitete, angeblich minderjährige Ausländer (UMA) missbrauchen das Ausländer- und Asylrecht. Sie sind fast alle männlich, und zwischen 50 und 80 Prozent derer, die sich als minderjährig ausgeben, sind tatsächlich volljährig. Ihre Kriminalitätsrate ist unverhältnismäßig hoch. Sie dienen als sogenannte Ankerkinder zum späteren Nachzug ihrer Familien" sie benennen dies als Hetze. Hier müssen die anderen Parteien einfach ansetzen! Wenn die AfD hier schlecht recherchiert hat und Unwahrheiten verbreitet, gehört das auf den Tisch! Das fordert wiederum die anderen Parteien heraus, sich selbst die Zahlen und Fakten ehrlich und unvoreingenommen anzuschauen.
    Fakt ist: Die von der AfD hier benannten Fälle gibt es. Fraglich ist freilich, in welchem Umfang! Aber das soll doch ruhig erstmal in Ruhe ehrlich untersucht und angeschaut werden! ––– Wird´s das?

  • #11

    Markus Gnaudschun (Mittwoch, 04 Oktober 2017 13:41)

    Es ist möglich, dass ich mich in meiner Einschätzung der AfD irre! Kann sein. Ja, kann sein... ––– Ich lade alle ein, sich in der eigenen Position nicht zu sicher zu sein – theologisch, politisch, ... überall. Das hält einen offen und gesprächsbereit.

  • #10

    Markus Gnaudschun (Mittwoch, 04 Oktober 2017 13:06)

    Danke, Kathrin Mette, für die Moderatorenzwischenschaltung.
    Ich bin der Meinung, dass in der politischen Diskussion die Vertreter der AfD an ihrer Übereinstimmung mit ihrem eigenen Wahlprogramm zu messen sind. Wie denn sonst?!? Ein Parteiausschlussverfahren geht nicht anders vor! Nur so kann man die Spreu vom Weizen trennen. Ich bleib dabei: An ihrem eigenen Wahlprogramm ist die Partei (übrigens jede) festzunageln. Und das Wahlprogramm lässt für Rassismus, Rechtsradikalismus und Homofeindlichkeit (vgl. oben Frank Martin) keinen Platz. Bruder Martin, Frau Weidel ist selbst homosexuell! ––– Das letzte Schlagwort von Frank Martin "nationalistisch" war in meiner Reihe noch nicht benannt. Auch darauf möchte ich eingehen: Alles, was eine Endung "-istisch" hat, meint eine Ideologie. Der politische Ansatz der AfD ist aber m.E. nicht nationalistisch, sondern national – ein feiner aber gewichtiger Unterschied. Genau den Unterschied versucht die Rede von islamisch und islamistisch zu machen.
    Ich vergleiche die Denkrichtung der AfD mit einem WG-Bewohner, der möchte, dass sich einfach alle in der WG an die vereinbarten Regeln halten – insbesondere die, die mit ihm im Zimmer wohnen.

  • #9

    Anne Veit (Mittwoch, 04 Oktober 2017 12:21)

    Ich finde schon im offiziellen Wahlprogramm der AfD Positionen und Töne, über die ich erschrecke. Vielleicht hört man das schon kaum noch, weil man von den AfD-Vertretern ja noch ganz andere Lautstärken im Ohr hat.
    Mir behagt schon die andauernde Rede vom "Volk" nicht. Mag ein kleines Beispiel sein, aber ich bin eben so aufgewachsen, dass man bei diesem Wort zusammenzuckt und Bilder von Nazi-Aufmärschen wachgerufen werden - und ich finde das weiter nicht falsch.

    Mal nur ein Ausschnitt aus der Kurzfassung des AfD-Programms, S.18:
    "Unbegleitete, angeblich minderjährige Ausländer (UMA) missbrauchen
    das Ausländer- und Asylrecht. Sie sind fast alle männlich, und zwischen 50
    und 80 Prozent derer, die sich als minderjährig ausgeben, sind tatsächlich
    volljährig. Ihre Kriminalitätsrate ist unverhältnismäßig hoch. Sie dienen als
    sogenannte Ankerkinder zum späteren Nachzug ihrer Familien."
    Wenn das mal nicht Hetze ist.

    An einer anderen Stelle wird folgende Argumentationskette aufgemacht: Terror und Kriminalität haben Ursachen - die muss man bekämpfen - der Ausländeranteil bei Kriminalität ist hoch - wir brauchen ausländerrechtliche Maßnahmen.

    Doch! Ich sehe auch schon im Programm Nationalismus und Diskriminierung angelegt (übrigens ist die AfD ja auch gegen sämtliche Antidiskriminierungsgesetze).

    Und: wenn ich entscheiden muss, wonach ich eine Partei beurteile: a) durch die politischen Äußerungen ihrer Vertreter oder b) durch ihr Wahlprogramm, dann halte ich a) für zutreffender. Das gilt für alle Parteien. Und wer Herrn Höcke mal erlebt hat, kann ihn echt nicht so harmlos darstellen, wie Herr Gnaudschun es hier tut. Es ist gerade seine Hetze, die das Publikum aktiviert, das passiert nicht am Rande und mal gelegentlich, das ist sein eigentliches Programm.

  • #8

    Tobias Schwarzenberg (Mittwoch, 04 Oktober 2017 12:20)

    Ich erinnere an den großen Sozialdemokraten Kurt Schuhmacher. Als Gegner der Nationalsozialisten saß er selbst jahrelang in KZ-Haft und ist leider 1952 viel zu früh an den Folgen seiner Haft verstorben. Nach seinen Erfahrungen mit NS-Diktatur und Weimarer Republik hat er 1949 der damals noch jungen deutschen Demokratie folgendes ins Stammbuch geschrieben, er sagte: Nichts kann leichter die Demokratie abschaffen als die Demokratie selbst, deshlab müsse die Demokratie immer eine wehrhafte sein, die sich wehrhaft gegen die Feinde der Demokratie verteidigt. Wer in den letzten Jahren mit offen Ohren und Augen gesehen und gehört hat, der hat gehört und gesehen: viele Vertreter der AfD, die Führer von PEGIDA und auch viele neurechten Intellektuelle haben sich als Feinde der Demokratie gezeigt, erst am Wahlabend wieder ein Niedersächsischer AfD-Kandidat bei Faceboook (da können sie noch so oft davon reden, dass sie vorgeblich Rechtsstaat und Demokratie bewahren wollen). Ihnen ist gelegen an der Einschränkung der Freiheiten von Presse, Wort und Kunst, ja an der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie (verächtlich "Parlamentarismus" genannt) als ganzes. Was würde wohl passieren, kämen sie an die Macht: Ich sehe sie schon vor mir, die Titel der verbotenen, weil dann angeblich undeutschen Bücher: Deutschstunde, Ansichten eines Clowns, Biedermann und die Brandstifter, Die Blechtrommel, Der Turm, Ken Folletts Winter der Welt, Das siebte Kreuz, Roman eines Schicksallosen.... Ich höre schon die Namen der Maler, die als undeutsch gebrandmarkt würden und deren Werke aus den Museen geschafft würden: Neo Rauch, Karl-Schmidt-Rottluff, Georg Baselitz... Ich sehe vor mir einen öffentlichen Schauprozess gegen Angela Merkel wegen Ihrer Politik der offenen Grenzen 2015. Alles an den Haaren herbeigezogen? Mitnichten. Wir hatten das alles schon einmal im Dritten Reich und einmal in der DDR. Schauen Sie mal in die Programme der AFD, da wird z.B. eine nationale Kunst gefordert, die einen nationalen Bildungsauftrag haben soll, d.h. mithelfen soll, sie Deutschen zu nationalbewussten Menschen zu erziehen - die DDR lässt grüßen...
    In dieser momentanen gesellschaftlichen Situation ist eines nötig - Beachtung der Worte von Kurt Schuhmacher und wehrhafte Verteidigung unserer Errungenschaften an Freiheit und Demokratie. Ich werde auch weiterhin Partei ergreifen, nicht für eine bestimmte Partei, aber für Freiheit, parlamentarische Demokratie, Menschenrechte und als glühender Verfechter der europäischen Vereinigung für den europäischen Einigungsprozess in der EU.

  • #7

    Karl Sternberger (Mittwoch, 04 Oktober 2017 12:02)

    Lieber Herr Gnaudschun, da bin ich völlig anderer Ansicht. Eine Partei ist nicht nur an ihrem Wahlprogramm zu messen und zu beurteilen, sondern vorallem an ihren Mitgliedern. Die AfD duldet kriminelle und Rechtsradikale in ihren Reihen und disqualifiziert sich schon da als wählbare Partei. Ich schäme mich (wiedermal) für Sachsen und bin sehr traurig, dass immer mehr nach unten getreten wird, anstatt nach oben zu schauen und für Solidarität und soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Nur ein Stichwort als Beispiel, was ich für wirklich wichtige Themen halte, dazu: Vermögensteuer. Empfinde ich als viel wichtiger als das Stichwort Obergrenze. Dank der AfD gibt es kein anderes Thema mehr bei der CDU/ CSU. Wirklich traurig.

  • #6

    Kathrin Mette (Mittwoch, 04 Oktober 2017 11:41)

    Als Moderatorinnen freuen wir uns über engagierte und zupackende Gesprächsbeiträge. Meines Erachtens sind wir jetzt an einem zentralen Punkt angelangt, wenn es darum geht, die Rolle der AfD und den Ausgang der Wahl zu verstehen und zu beurteilen:
    Wie gewichtet man das Verhältnis von Programm und priavte und öffentliche Äußerungen führender Vertreter der AfD? Klafft beides tatsächlich auseinander oder gibt es da innere Bezüge? Und wenn ein Unterschied besteht, darf man Programmatik und derlei Äußerungen trennen?
    Frank Martin hat in seinem Beitrag kurz auf die Debatte um die theologische Beurteilung der Homosexualität verwiesen. Aus der Erfahrung heraus, dass dieses Thema dazu neigt, alle Aufmerksamkeit und Energie auf sich zu ziehen, bitten Barabra Zeitler und ich darum, auf diese Frage nicht einzugehen. Lasst uns über den Wahlausgang reden.

  • #5

    Frank Martin (Mittwoch, 04 Oktober 2017 10:53)

    Sehr geehrter Herr Gnaudschun,
    ich finde Ihre Darstellung der AfD unglaublich. Die AfD ist in weiten Teilen eine rechtsradikale, homofeindliche und rassistische und nationalistische Partei. Äußerungen von Mitgliedern aus "privaten" Diskursräumen, die öffentlich geworden sind, zeigen, mit wem wir es zu tun haben.Wenn Herr Meuthen Ihnen Hoffnung macht, mache ich mir schon Sorgen.
    Aus christlicher Perspektive gibt es nach meiner Überzeugung nur ein klares und kompromissloses Nein zu dieser Partei.
    Und dass in unserer Landeskirche der Rückhalt für diese Partei so groß ist, ist ein Grund zu großer Sorge. Während in Fragen der gleichgeschlechtlich Liebenden biblische Texte ohne jeden Kontext missbraucht worden sind, um diese zu diskriminieren, werden im Fall dieser offen rassistisch-nationalistischen Partei alle Bibelstellen gerade des Neuen Testaments links liegen gelassen, die deutlich machen, dass es zwischen dieser Ideologie und dem Christentum KEINE Berührungspunkte gibt. Traurig.

  • #4

    Markus Gnaudschun (Mittwoch, 04 Oktober 2017 10:18)

    Lieber Karl Sternberger, die AfD ist momentan unbestritten eine sehr bunte Suppe – inkl. Tollkirschen. Jedoch demokratieverachtende Weltanschauung lässt sich der Partei m.E. nun wirklich nicht vorwerfen (sie hat sogar demokratiemobilisierend gewirkt; konnte offiziellen Schätzungen eine große Zahl von ehemaligen Nichtwählern mobilisieren). Menschenverachtende Äußerungen kamen allerdings in letzter Zeit tatsächlich vor – und das ist nicht zu entschuldigen. Auf keiner Seite! Auf Keiner! ––– Warum konnte ich dann dennoch, zumal als Pfarrer, meine Zweitstimme der AfD geben? Ich bin der Überzeugung, dass die AfD in einem einseitigen und verzerrten Spiegel wahrgenommen wird. Eine Partei ist an ihrem Wahlprogramm zu messen – dann erst an ihren Mitgliedern und führenden Vertretern. Ich habe mir gestern extra noch einmal die Mühe gemacht, das ganze Programm anzuhören (gibt es als Audio-Version). Ich habe nichts gefunden, was demokratiefeindlich oder menschenverachtend ist. Selbst die sich dort findende Islamkritik ist eine Form der freien Meinungsäußerung. Was hingegen auch mir Sorgen bereitet, sind einzelne Mitglieder oder gar führende Vertreter der Partei. Wie gesagt: Die Partei ist eine bunte Suppe – inkl. Tollkirschen. Leute wie Herr Meuthen machen mir Mut, Leute wie Herr Höcke finde ich nicht gut. Allerdings kenne ich ihn nicht; ich kenne ihn einzig und allein über das, was vor allem Kritiker über ihn sagen und verbreiten. Und ich denke, wir wissen beide, wie verzerrt das sein kann. Als Pfarrer würde ich unbedingt auch mit Herrn Höcke reden. Ich glaube, ich folge selbst da dem Beispiel Jesu, meines Herrn. Jesus hatte in seinem engsten Jüngerkreis ehemalige Zeloten (hoffentlich nur EHEMALIGE!): radikale, nationalistische und sogar militante Elemente. Ganz klar ist das bei Judas, dem Zeloten.
    Noch kurz etwas zur verzerrten Wahrnehmung der Partei: Ist es nicht so, dass die lauten und poltrigen Stimmen gern gehört, bedient, kommentiert werden? Die leiseren, intelligenten, ausgewogenen kommen hingegen kaum vor. Aber es gibt sie – und nicht wenige. Darum habe ich vor den 12,6% AfD im Bundestag keine Angst. Sie sollen liefern, konstruktive Oppositionspolitik machen, oder sie werden in vier Jahren bis zu 60% weniger Stimmen haben.

  • #3

    Karl Sternberger (Dienstag, 03 Oktober 2017 23:36)

    Wie man (gerade als Pfarrer) Leute mit einer Menschen- und Demokratieverachtenden Weltanschauung wählen kann, ist für mich schleierhaft und erschreckend.

  • #2

    Markus Gnaudschun (Dienstag, 03 Oktober 2017 11:47)

    Dass die AfD in Sachsen sogar knapp (aber gaaaaaanz knapp!) vor der CDU liegen wird, hatte ich nicht erwartet. Meine erste Reaktion war: "Alle Achtung!", meine zweite: "Na, dann mal los, CDU...!" Meines Erachtens zeigt das Wahlergebnis, dass sich mindestens 27% der Sächsischen Wahlberechtigten eine Änderung der Bundespolitik wünschen, und dass sie diese nicht von CDU, SPD, LINKEN, GRÜNEN..., und auch nicht von der NPD... erwarten. ––– Ich denke, eine sächsische Landtagswahl wäre anders ausgegangen; hier hätte die Sächsische CDU weiter die Nase vorn gehabt.Hoffentlich! ––– Ich persönlich habe zur Wahl beides gewählt: Erststimme CDU, Zweitstimme AfD. Ich halte die AfD noch immer nicht für eine rechtsEXTREME und auch nicht für eine rassistische Partei – gemessen am Programm. Sie sollen jetzt mal liefern! Wenn Sie nicht konstruktiv im Bund arbeiten, werden die 60% (laut der offiziellen Umfragen), die der AfD nicht aus Überzeugung ihre Stimme gegeben haben, dies in vier Jahren nicht mehr tun.

  • #1

    Anne Veit (Montag, 02 Oktober 2017 13:07)

    Es freut mich, dass Sie beschlossen haben, den Wahlausgang hier zum Thema zu machen. Da machen Sie Ihrem Namen alle Ehre: "Forum für Gemeinschaft und Theologie". Gemeinschaft und Theologie zusammen denken und besprechen zu wollen, scheint mir nicht (mehr) selbstverständlich und notwendiger denn je.

    Antworten hab ich keine, aber vielleicht für den Anfang zwei Stichworte, um die meine Gedanken kreisen:

    Ein Stichwort ist „Angst“. Mir macht das Wahlergebnis Angst. Allerdings gießt sich da eigentlich nur Schwarz auf Weiß in Zahlen, was schon länger in täglichem Umgang zu spüren ist, auch (und vielleicht sogar besonders) im kirchlichen Feld. Es sind Grenzen gefallen, was Werte und Umgang miteinander angeht. Plötzlich finde ich mich erstaunlicherweise auf der (wert-)konservativen Seite. (Vielleicht ist das aber gar nicht so ungewöhnlich: linksliberal und wertkonservativ zu sein.) Jedenfalls erschreckt mich täglich genau das, was jetzt immer wieder eingefordert wird: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen.“ Nein! Ich finde, man darf manches eben nicht sagen. Schlimm genug, wenn es gedacht wird, aber es in den gesellschaftlichen Raum und Diskurs zu bringen, bedeutet, ihm ein Recht zu geben, das es nicht haben sollte, wenn es sich um rassistisches, faschistisches Gedankenschlecht handelt. Tatsächlich (und ich wundere mich da ein bisschen über mich selbst) wünsche ich mir an dieser Stelle Grenzen, weil ich Angst davor habe, was kommt, wenn Menschenrechte und -würde keine Grenze mehr darstellen.

    „Grenzen“ sind das zweite Stichwort. Ich fürchte, auch viele von denen, die rechte Parteien wählen, suchen Grenzen. Sie suchen sie in anderer Weise als ich, sie suchen sie nicht im Umgang, sondern im Zugang. Kleine, überschaubare, heteronormative, nationale Gemeinschaften in muckeligwarmen, schwibbogenbeleuchteten erzgebirgischen Wohnzimmern als Schutzräume gegen die Schrecken der heterogenen, globalisierten, klimawandelbedrohten und massiv ungerechten Welt. Und dafür braucht's dichte Grenzen, Obergrenzen und Ausgrenzung.

    Haben wir als Christen oder als Kirche andere Bilder gegen solche Angst?

B. Zeitler / K. Mette: Wie schon angekündigt, soll unser Gespräch in mehreren "Runden" ablaufen. In der ersten Runde möchten wir uns mit Ihnen über folgende Fragen verständigen: Wie sehen Sie die aktuelle Situation? Was löst das Wahlergebnis bei Ihnen aus? Wie erklären Sie sich diese Prozentverteilungen? Und was bedeutet das aus Ihrer Sicht?

(Die Zweitstimmen in Sachsen verteilten sich so: 27% AfD / 26,9 % CDU /16,1 % Linke / 10,5 % SPD / 8,2 % FDP / 4,6 % Grüne / 6,7 % Sonstige)