Gedanken einer Physikerin (1) und einer Theologin (2) zur Coronakrise

(1)

Eigentlich ist es ein ganz normaler Vorgang der Evolution – hat vermutlich Milliarden Male schon so stattgefunden. Da wird eine Spezies von einem Virus getroffen, das sehr ansteckend ist und gegen das keinerlei Immunität besteht, und es stirbt ein Teil der Individuen an den Folgen der Infektion.

Forschende könnten in ein paar Hundert Jahren wahrscheinlich gar nicht feststellen, dass sich die Anzahl der Individuen in der Population überhaupt geändert hat. Und vermutlich hätten sie auch keine Ahnung davon, dass die Spezies darunter litt, dass plötzlich viele ältere und kranke Individuen starben.

Doch wir haben ein Bewusstsein. Solange wir uns erinnern können, hat uns die Frage nach Gott begleitet. Wir haben uns in Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft gebildet und wollen unser Zusammenleben nicht dem Prinzip „Survival of the Fittest“ unterwerfen. Dass derzeit alle von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Länder versuchen, die Risikogruppen in der Bevölkerung zu schützen und die Funktionstüchtigkeit ihrer Gesundheitssysteme aufrechtzuerhalten, und wir alle dafür nun erhebliche Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit und manche von uns sogar existenzbedrohende Arbeitsbeschränkungen hinnehmen, ist für mich ein klarer Ausdruck unserer Menschlichkeit und unserer Nächstenliebe. Und deshalb weckt die tiefgreifende Krisensituation, in der wir uns alle gegenwärtig befinden, bei mir neben all der Unsicherheit und Sorge auch Hoffnungen.

 

Hoffnung darauf, dass wir als Menschheit weiser und gestärkt aus dieser Krise hervorgehen, dass sie einen Wendepunkt in unserem Zusammenleben markiert. Die Spezies Mensch hat bisher unseren Planeten Erde einfach so bevölkert. Wir haben Kontinente erobert, Kriege geführt, sind Allianzen eingegangen, haben Technologien entwickelt: Wir beeinflussen das Ökosystem Erde erheblich und vielfältig, ohne uns über das „wie“ große Gedanken zu machen – erst seit Kurzem ist diese Frage überhaupt in unser Blickfeld gerückt. Dass wir dennoch nur ein Teil dieses riesigen Ökosystems sind, und nicht etwa seine Beherrscher, lässt uns die Ausbreitung des Coronavirus unmittelbar erfahren.

 

Daneben gibt es noch andere Dinge, die wir derzeit unmittelbar erfahren können. Wir erfahren, dass uns Menschen am anderen Ende der Welt via Telefon oder Internet ganz nah sein können. Wir erfahren, dass uns ein Gottesdienst auch am Bildschirm berühren kann. Wir erfahren, dass es unsere Lebensqualität kaum einschränkt, wenn nicht alle Waren ununterbrochen im Überfluss verfügbar sind. Wir erfahren, dass wir nicht immer in die Ferne fliegen müssen, um etwas Neues und Spannendes zu entdecken. Wir stellen fest, dass es ein Glücksumstand war, nicht einer Studie der Bertelsmann-Stiftung (https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich) gefolgt zu sein, die erst kürzlich die drastische Reduzierung der Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland empfahl. Wir erleben, dass ökonomische Prinzipien auf Dauer nicht der (einzige) Maßstab sein können, nach dem wir unser Zusammenleben ausrichten. Wir empfinden tiefe Dankbarkeit gegenüber Ärztinnen und Ärzten, den Angehörigen aller Pflegeberufe und allen anderen Menschen, die mit ihrer Arbeit unsere Grundversorgung sicherstellen. Wir erleben Wertschätzung, Solidarität und Mitgefühl neu, weil wir solches jetzt viel stärker mit anderen teilen oder uns solches wiederfährt. So könnten sich die Globalisierung der Wirtschaft und die Globalisierung des zwischenmenschlichen Lebens einander angleichen: weniger von Gewinnmaximierung getriebene Globalisierung in der Wirtschaft, dafür aber ein gewachsenes globales Verantwortungsgefühl und Verständnis bei jedem Einzelnen.

 

Vieles, was wir jetzt erfahren, steht im Widerspruch zu dem, was wir bisher für gut und richtig hielten. Vieles von dem, was uns bisher wichtig erschien, tritt in den Hintergrund. Unser Blick schärft sich neu, ohne dass wir über den Wolken schweben oder die Erde vom Weltraum aus betrachten müssen. Hier und jetzt können wir unser Leben neu erfahren und überdenken.

 

Dass nach der überstandenen Krise nichts so sein wird wie bisher, scheint jedem klar. Es stehen viele Wege offen. Welchen Weg wir einschlagen, können wir schon jetzt durch unser Denken und Handeln mitbestimmen. Wird es ein Weg der Nächstenliebe sein, auf dem wir tatsächlich anfangen, uns für das Wohlergehen aller Menschen, insbesondere auch der Geflüchteten und Armen dieser Welt, einzusetzen, anstatt wegzusehen? Wird es ein Weg sein, auf dem wir uns gezielt mit unserer Rolle im Ökosystem Erde auseinandersetzen, um so unseren Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung viel bewusster wahrzunehmen? Oder wird es ein Weg sein, der von Schuldzuweisungen, noch stärkerem Nationalismus und innerer Feindseligkeit geprägt ist? Bis vor einigen Wochen konnten wir nur abstrakt über Alternativen diskutieren. Häufig wurden sie verworfen mit dem Argument, dass ein alternativer Weg nur eine unrealisierbare Utopie sei. Das Coronavirus hat diese Behauptung widerlegt. Es geht vieles anders. Das erfahren wir jetzt.

 

Gott hat uns das Coronavirus nicht als Plage oder als Besserungsmaßnahme geschickt. Ich glaube nicht an einen strafenden Gott. Genauso wenig wird aber Gott das Virus einfach so auslöschen oder es anders für uns aus dem Weg räumen, um uns die Verantwortung für unseren Weg abzunehmen. Medikamente, Impfstoffe und Pandemiepläne müssen wir selbst finden, Kranke versorgen und heilen, Verstorbene betrauern. Auch die Bibel kann kein Heilmittel gegen das Virus sein. Doch was sie uns von Gott und Jesus erzählt, hilft uns Wege zu finden, wie wir mit dieser extremen Situation umgehen können. Im Gebet und im Vertrauen auf ihn können wir in unserer Unsicherheit Stärkung erfahren. So kann uns Gott in den notwendigen Entscheidungen beistehen und unsere Hoffnung auf ihn kann uns über die besonders schweren Stunden sogar hinwegtragen. Gott lässt uns nicht allein, wenn wir wach bleiben, seine Spuren in unserem Leben auch in der Krise zu entdecken.

 

Micaela Krieger-Hauwede

 

(2)

Wir sind gerade dazwischen: zwischen „normal vor Corona“ und „normal nach Corona“, also wieder in ruhigen, normalen Bahnen lebend. Dieses „Dazwischen“ ist verunsichernd, weckt Angst und belebt Hoffnung, beschäftigt uns alle als eine kollektive Erfahrung, weltweit – wenn auch sehr unterschiedlich.

 

Ich bringe zwei Erfahrungen aus diesem „Dazwischen-Sein“ mit Gott in Verbindung und frage, was das für uns als Kirche in Sachsen bedeuten kann.

 

1. Eine Erfahrung, die wir gerade machen: „Weniger“ ist schmerzhaft, aber möglich. An manchen Stellen ist es sogar wohltuend und macht bewusst, wie wichtig manches scheinbar Selbstverständliche ist. Es verändert das eigene Leben, macht wacher, bewusster, vielleicht dankbarer. Und es verändert die Erde, z. B. den Smog, den CO2-Ausstoß, den Himmel.

 

„Weniger“ bedeutet für viele aber auch Angst um die Existenz: Wie lange wird das Einkommen gekürzt oder wegfallen? Woher kommt Hilfe? Genug? Wie geht es weiter?

 

Wenn ich diese Erfahrung mit Gott in Verbindung bringe, dann denke ich an Jesus, der bei der Einsetzung des Abendmahls am Gründonnerstag zu seinen Jüngerinnen und Jüngern sagte: „Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.“ (Mt 26, 29). Jesus verzichtet auf den geteilten Kelch. Er ist anders gegenwärtig in Brot und Wein – aber nicht sichtbar. Wie anders ist es, jemanden leibhaftig zu erleben als in einer geistlichen Gemeinschaft, auf Abstand und Entfernung. Wir anders und wie notwendig ist es, wirklich zu essen und zu trinken und zu teilen – und nicht nur im Geist oder virtuell. Und trotzdem: Wie wirksam, wie stark, wie gut ist auch diese Erfahrung! Wie gut und wichtig ist es, eine Aussicht, eine Hoffnung, ein Vertrauen zu haben, dass das – in einer anderen Wirklichkeit – wieder anders wird.

 

Für uns als Kirche in Sachsen bin ich froh über die ruhige Klarheit, mit der wir auch in dieser Zeit auf Gott hören und mit ihm und miteinander im Gespräch sind – auch wenn persönliche Begegnungen drastisch reduziert und öffentliche Gottesdienste verboten sind. Alltagsfrömmigkeit bleibt und wächst sogar, und neue Ideen entstehen. Der Gottesdienst mit Landesbischof Bilz am 15.3. war ein schönes Beispiel dafür. Mittags um 12 Uhr den Psalm 121 beten, wie eine Freundin es mir von einem Hauskreis erzählt hat – tut gut. Inzwischen entwickeln viele Gemeinden Ideen und Möglichkeiten.

 

Das „Weniger“ im materiellen Sinn, die Sorge und die Ungerechtigkeit, die dadurch entstehen, lässt mich fragen: Wie wäre es, wenn wir in Deutschland das „bedingungslose Grundeinkommen“ hätten? Sind wir als Kirche „dran“, im Sinne der Gerechtigkeit als Gemeinschaftstreue dafür einzutreten, dass wir so teilen, dass genug für alle da ist?

 

Können wir noch viel deutlicher dafür eintreten, dass sich etwas wandelt in der Einschätzung und Bezahlung „lebensnotwendiger“ Dienste?

 

2. Angst, Trauer, Wut – das sind die Gefühle, die in der aktuellen Veränderung immer wieder auftauchen. Micaelas erster Absatz hat mich beschäftigt: „Es stirbt ein Teil der Individuen.“ Ja, so ist es schon und so wird es in den nächsten Wochen und Monaten vermehrt sein. Dabei werden auch Menschen sein, die ich kenne und liebe. Sie werden fehlen. Und auch ich selbst bin sterblich – das wird mir in so einer Zeit bewusst. Der Gedanke tut weh und macht Angst. Die Ohnmacht gegenüber einer unkontrollierbaren Situation macht wütend.

 

Wenn ich das mit Gott in Verbindung bringe, denke ich an die Feiertage, die wir vor uns haben: Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Dann Ostern.

 

Erinnern an das Leiden und Sterben von Jesus: Die Angst vor dem, was kommt, im Garten Gethsemane (Mt 26, 36ff), das inständige Gebet von Jesus, dass das vorüber gehen möge, ihm nicht geschehen möge, und die Zuwendung zu Gott hin im Vertrauen; Schmerz, Leid, Ungerechtigkeit und der Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27, 46). Tiefste Anklage an Gott, auch Wut? und tiefer Schmerz mit den Worten des 22. Psalms.

 

Karsamstag: Stille und Gottferne. Zeit für Trauer. Aushalten. Zweifeln. Verzweifeln.

 

Wir sind oft so schnell bei Ostern, bei der Auferstehung – auch jetzt sehen wir ganz rasch das Gute darin und das Gute danach… Dürfen auch der Schmerz, die Angst, die Ohnmacht, die Trauer da sein und ihre Zeiten haben?

 

Auch „Ostern“ ist ja kein „Auf-einmal-ist-alles-gut“-Moment. Es ist die Begegnung mit dem, was vorher nicht zu denken oder zu glauben war: Mit Christus, dem Auferstandenen. Vorher waren die Jüngerinnen und Jünger zeitweise begeistert, in Sorge, in Angst, voller Fragen, manche auch selbstsicher und überheblich, wie Petrus. Hinterher waren sie erschrocken, bewegt, voll Hoffnung, noch unsicher, was das jetzt bedeutet, wie es weitergeht. Von Jesus, dem Auferstandenen, hören sie: „Verkündigt meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen.“ (Mt 28, 10). Galiläa, das ist die Landschaft westlich des Sees Genezareth. Dort war für die Jüngerinnen und Jünger der Alltag, das normale Leben. Aber etwas wird nach Ostern anders: „Dort werden sie mich sehen.“ sagt Jesus, der Lebendige. Es gibt im „Nachher“ wieder ein „normales“ Leben, aber mit einem veränderten Weltbild, mit einer neuen Erfahrung. Die Ostererfahrung öffnet Menschen die Augen für die Gegenwart des Auferstandenen, des lebendigen Gottes. Mit dieser Erfahrung wird – Schritt für Schritt – etwas Neues möglich und das sollen wir weitersagen.

 

Ich möchte nicht nur zuversichtlich von Ostern reden, ich will auch wahrnehmen, was Menschen gerade (23. März 2020) erleben und fühlen: Hier bei uns, allein zuhause; mit Besuchsverbot in Heimen; in Sorge im Gesundheitswesen; in Unsicherheit und Angst um das eigene Auskommen. Auch in Italien. Auch in Ländern mit einer viel schlechteren Gesundheitsversorgung, wie z. B. Albanien. Auch in den Flüchtlingslagern in Griechenland, in der Türkei, in Syrien… Überall kann ich gar nicht hinschauen. Ich glaube, dass Gott in Christus überall dort mitleidet, mit bangt, mit schreit – und Hilfe braucht, auch meine: In der Fürbitte, in einem Anruf oder einem Brief, mit einer Spende, einer Blutspende, mit politischem und kirchlichem Engagement…

 

Ich möchte meiner eigenen Angst, meiner Trauer, meinen Fragen Raum geben und sie nicht wegdrücken. Sie brauchen Zeit und meine Kraft und Liebe. Sie gehören zu mir – und das dürfen sie auch. Ich bin ein Mensch – und Menschen fühlen. Trauer, Angst, Wut werden mich nicht festhalten und verhärten. Sie sind Teil meines Lebens und dürfen es sein, weil ich sie nicht allein aushalten muss. Gottes Geistkraft, der „Tröster“ (Joh 14, 15ff), ist da und trägt im Glauben und im Fragen.

 

Für uns als Kirche in Sachsen wünsche ich mir,

  • … dass wir in der Gesellschaft dafür eintreten, dass Sterben und Tod vorkommen dürfen, begleitet und betrauert werden.
  • … dass wir unsere Feste und den Wechsel von Woche und Alltag, von Beten und Arbeiten offen leben und teilen. Darin lässt sich das „vorher – dazwischen – danach“ erleben und tröstlich einüben.

 Teilen Sie mit uns Erfahrungen aus dem „dazwischen“ und beschreiben Sie Ihre Hoffnungen, Ihre Visionen für das „danach“.

 

1. Zur Erfahrung:

a. Wie geht es Ihnen mit dem „Weniger“ im „Dazwischen“?

 

b. Wie erleben und bewältigen Sie Angst, Trauer, Wut?

 

c. Was bedeutet Ihr Glauben oder Nicht-Glauben in dieser Zeit? Als Christin? Als Gemeinde und Landeskirche?

 

2. Was ist Ihre Vision für das „Danach“? Wohin könnte, wohin sollte es für Sie persönlich, für uns miteinander gehen?

a. Bedingungsloses Grundeinkommen?

 

b. Glauben teilen?

 

c. …

 

Barbara Zeitler

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 53
  • #1

    Gert Flessing (Freitag, 27 März 2020 20:29)

    Corona. Die Welt hält den Atem an.
    Mein erster Gedanke, als das ganze Ausmaß der Pandemie langsam sichtbar wurde: Wir haben so viel von "Entschleunigung" gesprochen. Jetzt sind wir dazu gezwungen.
    Wir sind Teil der Schöpfung, nicht ihre Herren.
    "Da wird eine Spezies von einem Virus getroffen, das sehr ansteckend ist und gegen das keinerlei Immunität besteht, und es stirbt ein Teil der Individuen an den Folgen der Infektion."
    Das kann nicht deutlich genug gesagt werden und nicht nur denen, die, wie ich, zur "Risikogruppe" gehören. Das sind nüchterne Fakten, die von den LKW mit Särgen in Italien, bestätigt werden.
    Ich denke, es ist gut, das wir uns einmal besinnen müssen. Vielleicht sogar auf das, was notwendig ist.
    Der Scheitelpunkt der Pandemie ist für uns, in Deutschland und Sachsen, wohl noch nicht erreicht.
    Also weniger Außenkontakt, weniger Event, weniger Klopapier.
    Aber: Das Leben geht weiter. In den vier Wänden, die wir ja zumeist haben. Im Garten, auf dem Balkon.
    Zwischenzeit. Wir lernen noch. Auch neu kommunizieren, im privaten Raum, in der Gemeinde, in der Kirche. Das Telefon, das Smartphon, der PC bieten uns Möglichkeiten. Mir geht es durchaus gut damit. Auch mit den Versuchen, neue Wege für das Wort Gottes zu erschließen. Für mich bedeutet es, möglichst jede Woche eine Karte, mit Bibelwort, Auslegung, einigen Muntermachern, an meine alte Gemeinde zu senden, und nun auch hier, für meine Ruhestandsgemeinde, zur Verfügung zu stellen.
    Ich brauche keinen Trubel, aber ich bin da, wenn es not tut.
    Angst? Ja. Kenn ich. Ich wache nachts auf und habe einen Panikschub. Ich höre länger von einem lieben Menschen nichts und komme fast um vor Sorge.
    Da hilft Gebet und Meditation und auch das Telefonat mit anderen.
    Wut? Kenn ich auch. Über Menschen, die unvernünftig sind und hamstern. Sie schaden allen anderen. Über Verschwörungstheoretiker, die alles klein reden oder einen Angriff der "Neuen Weltordnung" draus machen. Wie kann man, in dieser zeit, Menschen derart verunsichern. Wut auch auf "Mediziner", die sich da instrumentalisieren lassen. Natürlich trete ich denen, die darauf abfahren und das verbreiten, entgegen.
    Trauer? Um die unzähligen Toten weltweit. Der Papst spendet den Segen urbi et orbi für jene, die kein Sterbesakrament mehr empfangen können.
    "Ein feste Burg ist unser Gott..." Ohne mein Vertrauen in Gott und seinen Beistand, auch jetzt, möchte ich nicht sein. Wenn ich damit andere Menschen, in der Gemeinde, stärken kann, dann ist es gut.
    Danach? Wir haben den Scheitelpunkt noch nicht erreicht. Wir werden noch manche Last tragen müssen.
    Aber ich wünsche mir, das wir "danach", ein wenig mehr zusammen rücken. auch im glauben.
    Gert Flessing

  • #2

    Sascha Wildenhain (Freitag, 27 März 2020 23:27)

    Vielen Dank für diese Gedanke zur aktuellen Situation.
    Ich bin Realist. Es wird sich nichts, aber auch gar nichts "nach" Corona verändern, außer der Tatsache, dass es ein elendiger Kampf bleiben wird, dass letztlich alle Menschen lebenswürdig leben können auf dieser Erde und da gibt es ja hier viele Menschen, die sich dafür einsetzen, DANKE dafür!
    Differenzierter ausgedrückt möchte ich sagen: Ein Virus, der global lebensbedrohliche Epidemien in Gang setzt, ist etwas anderes als gesellschaftspolitisch zu verantwortende Entscheidungen, die den Tod und das Sterben von Hunderttausenden Menschen in Kauf genommen haben, nehmen und nehmen werden.
    Georg Kreisler/ Beobachtung:
    https://www.youtube.com/watch?v=MPoV8UFWWAI
    Sascha Wildenhain

  • #3

    Gert Flessing (Samstag, 28 März 2020 10:43)

    Georg Kreisler ist gut. Aber vielleicht ein wenig skeptisch, zu skeptisch.
    Ich möchte nicht sofort wieder globalisieren und von "alle Menschen dieser Erde" sprechen.
    Wenn es vielleicht ein wenig kleiner geht?
    Ich merke, wie die Aufmerksamkeit füreinander, in der Nachbarschaft, wächst. Es gibt Menschen, die für Ältere Besorgungen erledigen. Vielleicht etwas, was bleibt?
    Ich merke, wie Menschen zur Ruhe kommen, die immer hektisch waren. Vielleicht merken sie, das es nichts bringt, immer zu jagen?
    Ich selbst denke, das sich etwas, auch gesellschaftlich ändern muss.
    Diejenigen, die jetzt alles geben, Krankenschwestern, PflegerInnen, jene, die an den Kassen der Supermärkte ausharren, werden heute etwas mehr wert geschätzt. Aber das zahlt sich nicht finanziell aus. Vorstände leisten nichts, aber sie bekommen ein vielfaches. Christlich wäre, wenn sie sich selbst bescheiden würden, um denen, die die Last tragen mehr zu geben und die Arbeit auch dadurch wert zu schätzen.
    Hier könnte und sollte die Kirche durchaus etwas zu sagen.
    Wird sich wirklich nichts ändern? Manche Leute hätten das wohl gern. Es liegt an uns allen, das sich etwas ändert. Bei uns selbst angefangen.
    Wir haben in unserem Hochbeet Kohlrabi und Radieschen angepflanzt. Was man selbst hat, muss man nicht kaufen. Ein Nachbar hält Zwergschweine. Er bekommt die Brotreste. Dafür kann ich, wenn ich möchte, günstig an Fleisch kommen. Unsere Frankreichreise werden wir stornieren, die für den Sommer geplant war. Wenn man im Sommer wieder reisen können sollte, werden wir Freunde besuchen.
    Vielleicht denken andere Menschen auch so? Dann würde sich schon ein bisschen was bewegen.
    Gert Flessing

  • #4

    Sascha Wildenhain (Samstag, 28 März 2020 11:24)

    Zu # 3:
    DITO zu allem!
    Diese Krise wäre (ist?) DIE ultimative Chance zur Umkehr, weg vom verrückt gewordenen Konsumwahnsinn, zurück zum Leben ... zurück zu Gott. Wenn mein Pessimismus, dass diese Entwicklung einträte, enttäuscht würde, wäre ich der glücklichste Mensch, den es gibt.
    Sascha Wildenhain

  • #5

    Micaela Krieger-Hauwede (Samstag, 28 März 2020 11:53)

    Was mir heute, am 28.3.2020, durch den Kopf geht:

    Das einzige Mittel, das wir gegenwärtig haben, um Neuinfektionen zu verhindern, ist physische Distanz. Wenn nicht jeder von uns versucht, strikt alle Kontakte zu vermeiden, wird es uns auch in Deutschland nicht gelingen, eine Überbelastung des Gesundheitssystems und damit einen sprunghaften Anstieg der Sterbezahlen zu vermeiden. Und das schließt in Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte selbst den Spaziergang im Park mit ein.

    Ich habe Mitgefühl mit den Menschen in Italien, Spanien und Frankreich, und ich freue mich, wenn ich lese, dass auch aus Deutschland Hilfe für die Menschen in besonders betroffenen Gebieten kommt. Es ist mir vollkommen unverständlich, weshalb die europäischen Staaten die COVID19-Bekämpfung in den griechischen Flüchtlingslagern finanziell und logistisch nicht unterstützen.

    Den Fall, dass sich gar nichts ändert, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Dafür sind die direkten Konsequenzen der Pandemie, die gerade fast alle Menschen auf der Welt zu spüren bekommen, zu stark. Es wird eine Verschiebung geben, offen ist nur, in welche Richtung es gehen wird. Und ich denke, dass wir die Richtung durch das, worüber wir jetzt nachdenken und sprechen und wie wir infolge dessen handeln, mit beeinflussen können.

    Womit wir die Pandemie wirklich beenden können, sind in zeitlicher Reihenfolge: (1) weitreichende Antikörpertests, um festzustellen, wer bereits immun ist, (2) Medikamente, um Erkrankte zu heilen, und (3) ein Impfstoff, um Menschen zu immunisieren. Schnellstmöglich können wir das erreichen, indem alle Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse teilen und zusammenarbeiten. Und dann wird es darum gehen, Antikörpertests, Medikamente und Impfstoff für alle Menschen zugänglich zu machen.

    Zusammenrücken. In der gegenwärtigen Situation ist ja klar, dass damit kein physischer, sondern ein gedanklicher Prozess gemeint ist. Es wird sehr deutlich, dass „die Nächste“ kein Begriff ist, der eine physische Distanz beschreibt, sondern eine Nähe des Herzens, aus der sich Fürsorge ergibt. Und im Moment besteht die Chance für jeden von uns, die Weite dieses Begriffs zu ermessen.

  • #6

    Sascha Wildenhain (Samstag, 28 März 2020 12:22)

    # Frau Zeitler/ Fragenkatalog:

    zu1a: Mit dem "Weniger" im "Dazwischen" geht es mir sehr gut, weil ich die Weisheit "Weniger ist mehr" aus meiner Eigenwahrnehmung seit Jahren verinnerlicht habe, dies alles bezogen auf materiellen Besitz.
    zu 1b: Das Gefühl Angst versuche ich zu artikulieren gegenüber den Menschen, von denen ich weiß, dass Sie mich verstehen und dafür offen sind, ohne mich dafür schämen zu müssen. Das Gefühl Trauer habe ich in meinem persönlichen Umfeld momentan nicht zu erleiden, Angesichts des Elends in der Welt ist dieses Gefühl aber unbewusst in mir präsent. Das Gefühl Wut (ich möchte für mich selber lieber die Formulierung "konstruktiver Zorn" benutzen), ist in mir- unabhängig von Corona- immer präsent, angesichts des katastrophalen Zustands unserer Welt. Soviel Elend, das nicht sein müsste, wie soll ich denn da keine Wut haben?
    zu 1c: Hier muss ich zurück fragen: Für wen?
    zu 2a: Das Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen ist hochinteressant und sollte MINDESTENS intensiv diskutiert und nicht sofort unerbittlich "verteufelt werden.
    zu 2b: Habe ich hier im Forum konkret vorgelebt: Ich habe monatelang innerlich mit meinem Glaubensbruder Gert Flessing aus der Distanz heraus gehadert, dann habe ich ihn einfach mal angerufen.
    c: Wird alles gut?
    Sascha Wildenhain

  • #7

    Micaela Krieger-Hauwede (Samstag, 28 März 2020 13:07)

    Zu #4:

    Klar sehe ich auch die Zeichen, die eher Anlass zu einer pessimistischen Prognose geben. Aber wir sind gerade Mittendrin in diesem Prozess und können mitgestalten oder müssen uns irgendwie verhalten.

    Zu #6: In Zusammenhang mit dem Grundeinkommen finde ich zum Beispiel das Konzept der negativen Einkommenssteuer recht interessant.

  • #8

    Gert Flessing (Samstag, 28 März 2020 13:24)

    Es ist momentan eine Gratwanderung. Natürlich muss das, was die Infektion hindert, ernst genommen und durchgehalten werden. Aber alle Kontakte wirklich zu vermeiden ist nicht immer leicht.
    Wir wohnen mit unseren Kindern zusammen. Klar hat jeder seinen Bereich. Aber wir essen an einem Tisch, wenn alle da sind. Unsere Schwiegertochter arbeitet im Lebensmittelhandel unter anderem auch an der Kasse. Unser Sohn bei einer Autovermietung. Da ist es schwer, völlig abgeschieden zu sein. Hände waschen, Flächen desinfizieren, das ist eine Möglichkeit.
    Na ja, und Gottvertrauen.
    Aber wie gesagt, der Scheitelpunkt ist in Deutschland noch nicht erreicht.
    Es ist gut, das wir den Nachbarländern helfen.
    Was die Flüchtlingslager in Griechenland anbelangt, so wird nichts helfen, so lange nicht wirkliche Ordnung in das dortige Chaos gebracht wird. Dort gibt es keine Struktur, mit der man arbeiten könnte. Augenscheinlich sind die Griechen nicht in der Lage oder Willens, das wirklich zu ändern.
    Ansonsten gebe ich Frau Krieger-Hauwede, völlig Recht. "Womit wir die Pandemie wirklich beenden können, sind in zeitlicher Reihenfolge: (1) weitreichende Antikörpertests, um festzustellen, wer bereits immun ist, (2) Medikamente, um Erkrankte zu heilen, und (3) ein Impfstoff, um Menschen zu immunisieren. Schnellstmöglich können wir das erreichen, indem alle Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse teilen und zusammenarbeiten. Und dann wird es darum gehen, Antikörpertests, Medikamente und Impfstoff für alle Menschen zugänglich zu machen."
    Gert Flessing

  • #9

    Barbara Zeitler (Samstag, 28 März 2020 13:58)

    #2 - Link zu Georg Kreisler: Hier im Blog bitte ich, mit Links äußerst sparsam umzugehen und klar zu sagen, mit welcher Aussageabsicht sie gesetzt werden. :o)

    #6 - meine Frage 1c: Ich meine mit meinen Fragen eigentlich immer Sie: Was bedeutet Ihr Glauben (oder Nicht-Glauben), ob christlich oder nichtchristlich, in dieser Zeit für Sie? Wie leben Sie ihn? Was erleben Sie, was brauchen Sie, was nutzen Sie in Gemeinde oder Landeskirche?
    Mir tut es z.B. gerade gut beim Mittagsläuten (und in gelegentlichen Sorgen-Attacken) den Psalm 121 zu beten. Eine Freundin hat mir erzählt, dass ihre Tochter und deren Hauskreis das tun... Teil einer Gemeinschaft zu sein und das Verbundensein zu spüren, tut mir gut. Ich weiß, dass inzwischen auch meine Mutter, eine entfernte Verwandte, der sie davon erzählt hat, und ein paar andere Leute in diesem Gebetsnetz sind - und es trägt mich.

    #8 - Griechische Flüchtlingslager: "Die Griechen", die 'nicht in der Lage oder willens sind', etwas zu tun oder zu lassen, gibt es nicht. Es gibt eine griechische Regierung, die Rahmenbedingungen festlegt und durchsetzt. Es gibt andere europäische Regierungen, die Griechenland mit der "Betreuung" der Flüchtlinge im Wesentlichen allein lassen. Die konkrete Situation in einem Lager auf Lesbos beschreibt z.B. ein Artikel heute in der tag: https://taz.de/Gefluechtete-in-Griechenland/!5674893&s=aufgefressen+bei+lebendigem+Leib/
    Das ist eine akutelle "Ordnung". Ich denke, es ist unsere Aufgabe, den Blick auf diese ferneren Nächsten zu behalten: Z.B. in der Fürbitte - persönlich und im Gottesdienst; z.B. mit finanzieller Unterstützung von Hilfsorganisationen.
    Barbara Zeitler.

  • #10

    Gert Flessing (Samstag, 28 März 2020 14:30)

    Nun denn, die griechische Regierung scheint wirklich nicht viel Interesse zu haben, nicht einmal im Blick auf die eigene Bevölkerung, die, auf den Inseln, mit dem Problem konfrontiert ist.
    Ordnung konnte ich in keinem der Artikel, die ich las, erblicken. Auch keinen Ansatz einer Selbstorganisation, eventuell unter Mitwirkung der Hilfsorganisationen.
    Ich finde das schlimm. Aber wir können wohl nichts viel anderes tun, als Fürbitte zu halten und, wenn möglich, zu spenden. Europa lässt hier etwas geschehen, was noch Folgen haben wird.
    Mir bedeutet mein Glaube, in dieser Zeit, einen Halt. Ich spreche häufiger, als sonst mit Gott. Die Verbundenheit mit meiner alten Gemeinde ist wichtig. Auch hier beten wir füreinander. Aber auch mit meiner Gemeinde, hier, wo ich meinen Ruhestand "genieße" ist wichtig. "Nähe der Herzen" trifft es gut.
    Gert Flessing

  • #11

    Sascha Wildenhain (Samstag, 28 März 2020 18:50)

    # Frau Zeitler,
    ich kann Ihre Wahrnehmung, dass "wir" vor "Corona" in " ruhigen, normalen Bahnen" gelebt haben, nicht teilen.
    Sascha Wildenhain

  • #12

    Juliane Keitel (Sonntag, 29 März 2020 00:18)

    Auch ich kann der Formulierung von Barbara Zeitler, die Sascha Wildenhain anspricht, nicht ganz zustimmen.Ich kann mir schlecht vorstellen, dass es danach 'normal' weitergehen könnte, und auch nicht, dass wir vor Corona 'normale' Zeiten gehabt hätten. Aber vielleicht meint es Barbara Zeitler auch nur bezogen bzw. begrenzt auf eine medizinisch gesehen relativ unauffällige Zeit vor dem März 2020, zumindest für in Deutschland lebende Menschen?
    Ich habe gerade bei dem anderen Blog "Überlegungen im Nachgang zum Landesparteitag der AfD in Weinböhla" in einem Beitrag von Gerhard Lindemann gelesen, wie er die Situation hinsichtlich der AfD reflektiert, und ich kann nur einstimmen: die Gefahren der Neuen Rechten sind längst nicht gebannt und werden auch nach Corona uns beschäftigen und beschäftigen müssen. Mir wäre es wichtig, diese weiterhin bestehende Gefahr nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade in diesen Zeiten versucht die AfD, wiederum ins Bürgerliche vorzudringen, wie man an der Aktion mit den Gesichtsmasken aktuell sehen konnte (https://www.rnd.de/politik/afd-lasst-corona-masken-fur-klinik-nahen-die-fuhlt-sich-ausgenutzt-H7HCN6RWM5HSPDV2TFT25H44IY.html, und https://www.volksverpetzer.de/bericht/afd-klink-masken/). Das finde ich äußerst bedenklich. Gerade nach Thüringen müsste klar sein: es ist der Pakt mit dem Teufel, den man eingeht, wenn man ihre 'Angebote' annimmt, und seien es Atemschutzmasken. Und so gibt es nur eine vernünftige Reaktion darauf: ablehnen! Die Zivilgesellschaft darf sich nicht von Rassisten instrumentalisieren und später dann vielleicht - zumindest moralisch - erpressen lassen.

    Mich tragen derzeit das gemeinsame Singen von "Der Mond ist aufgegangen" mit meinen Nachbar*innen von den Balkonen (inzwischen kann ich wieder fast alle Strophen auswendig), das spannende Entdecken gemeinsamen digitalen Lernens, Arbeitens und Diskutierens in beruflichen und nicht-beruflichen Kontexten, u.a. über religiöse und theologische Fragen, und auch das Vertrauen auf gute Maßnahmen der Regierung zu Eindämmung der Pandemie. Aber ich habe auch jede Menge sorgenvolle Gedanken:

    - Wie wird es weitergehen mit den Menschen in den Lagern in Griechenland? Warum setzten sich die christlichen Kirchen in den deutschen Bundesländern nicht geschlossen und laut für die Evakuierung der Lager in Griechenland (bsp. Moria) und die Aufnahme der Menschen bei uns ein? Müssen wir nicht - im Sinne sog. europäischer Werte und Ideale - dann eben Vorbild sein, auch wenn andere europäische Staaten nicht mitziehen wollen?

    - Wie viele Menschen, v.a. Kinder und Frauen, werden aktuell von sog. häuslicher Gewalt betroffen sein, und wie kann man helfen? Bemerken wir es überhaupt, wenn es nebenan geschieht...?

    - Wie wird es weitergehen mit der Einschränkung unserer Bürgerrechte?

    - Welche Lösungen werden für unsere Freiberufler*innen, Künstler*innen etc. gefunden?

    - Wie lange halten die Angehörigen unserer medizinischen Berufe die großen Belastungen noch aus?

    - Schaffen wir es, solidarische gesellschaftliche Konzepte für 'nach Corona' zu entwickeln, oder werden die (guten) Erfahrungen mit einer digitalisierten Arbeitswelt und ebensolchen Bildungssystemen eher dazu führen, dass Entscheidungsträger*innen in unserer Gesellschaft ganz neue und perfidere Ausbeutungs- und Disziplinierungssysteme erdenken werden...?

    - Schaffen wir es, auch und gerade in diesen Zeiten, die Strategien der Neuen Rechten, auch in unseren Gemeinden, zu durchschauen und ihnen deutlich zu widersprechen? Oder wachen wir 'nach Corona' auf in einer Welt, in der die Bürgerrechte beschnitten sind und in der bereits angefangen wurde, sich mit einer weniger freien Welt zu arrangieren, in der die Neue Rechte ein selbstverständlicher Akteur geworden ist??

    All das sind Themen, die ich täglich in meine Fürbitte nehme. Und ich spüre deutlich, dass Taten folgen müssen. Und wieder bin ich an dem Punkt, zu sagen, dass ich mir auch von meiner Kirche wünsche, dass sie diese Fragen - neben der notwendigen und wichtigen Seelsorge - offen und tatkräftig diskutieren und ebenso tatkräftig mit angehen würde.


  • #13

    Gert Flessing (Sonntag, 29 März 2020 14:47)

    Es gibt, augenscheinlich, mehr Fragen, als Antworten.
    Auch in unserer Landeskirche.
    Auch an diesem Sonntag hat unser Kantor wieder in einer der Kirchen musiziert und das weiter geschickt. Ähnliches gibt es in anderen Kirchgemeinden. Gemeinsames Singen, Kerzen in den Fenstern, offene Kirchen mit der Möglichkeit, ein Licht anzuzünden...
    Ideen, die aus den Gemeinden selbst kommen und sich verbreiten. Das macht Mut. Der Glauben kann tragen.
    Wir brauchen diese Kraft. Wir brauchen diese Kraftquelle, die wir in dieser Passionszeit in dem leidenden Christus finden.
    Gibt es so etwas, wie "normale" Zeiten überhaupt. Es mag sein, dass wir die Zeit "vor Corona" als normal ansehen, verglichen mit dem, was wir jetzt haben.
    Was danach wird?
    In der Jetztzeit brauchen wir, neben Gottvertrauen und der Kraft, die wir in seinem Wort und im Gebet finden, eine gutes Stück Disziplin, um die Maßnahmen der Isolation wirklich anzunehmen und durchzuhalten.
    Jetzt jammern einige Politiker schon nach dem Ausstieg aus diesen Maßnahmen. Es wäre eine gefährliche Dummheit.
    Es gibt bisher keine wirksame Behandlungsmethode und keine Aussicht auf eine Impfung. Wir können eine Masseninfektion nur vermeiden, indem wir uns separieren, so gut es geht. Die Kurve muss flach bleiben, sonst müssen wir auch nicht mehr über die Frage nachdenken, wie lange die Angehörigen medizinischer Berufe durchhalten. Das beantwortet sich dann von selbst.
    Natürlich sind die "rechten" nicht verschwunden. Jetzt nähen sie Atemschutzmasken? Na schau an. Die sollen, aus Prinzip, nicht genommen werden? Eine sehr bemerkenswerte und coole Einstellung. Unsere Bundeswehr verliert ein paar Millionen Masken in Kenia. Aber sie sind wohl, in den Augen von manchen Menschen nicht so wichtig, das man sie, wenn sie von den falschen Leuten kommen, in den Dreck tritt. Auf solch eine Idee muss man erst mal kommen. Aber, es könnte ja braune Propaganda sein, nicht wahr? Das die AfD versucht, ins "bürgerliche" vor zu dringen, ist doch verständlich. Deshalb hat man ja den "Höcke Flügel" liquidiert - angeblich. Das Gedankengut dieses Flügels wird man wohl mit einer Selbstauflösung, nicht los werden. Die Auseinandersetzung sollte aber schon ein wenig diffiziler sein, als die Ablehnung von Atemmasken.
    Ich denke, das unsere Bürgerrechte nicht weiter eingeschränkt sind, als es, den Umständen, angemessen ist. Es könnte noch härter sein und ich kann mir eine Handyüberwachung durchaus vorstellen. Auch als Disziplinierungssystem. Israel sammelt ja gerade Erfahrungen damit. Wo der gesunde Menschenverstand nicht ausreicht...
    Gert Flessing

  • #14

    Barbara Zeitler (Sonntag, 29 März 2020 15:12)

    # Atemmasken in Kenia verschwunden: Das könnte auch eine Fake-News sein. Kenias Behörden verweisen darauf, dass diese Ladung in den letzten zwei Wochen in Nairobi weder umgeschlagen noch vermisst gemeldet wurde. https://www.morgenpost.de/vermischtes/article228763135/Millionen-bestellte-Atemmasken-in-Kenia-verschwunden.html
    Das passt als beunruhigende Meldung einfach so gut: "Schlamperei in der Bundeswehr und in Afrika." Ob es stimmt? Vorsicht im Verbreiten.
    Zu allem anderen zu einer anderen Zeiten. Guten Sonntag, BZ.

  • #15

    Sascha Wildenhain (Sonntag, 29 März 2020 18:56)

    Hier ein Link auf einen interessanten Artikel zur Frage, wie es weiter gehen könnte " nach Corona" von Matthias Horx:
    https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/
    SW

  • #16

    Gert Flessing (Sonntag, 29 März 2020 21:05)

    Ja, den Artikel kenne ich, finde ich interessant und, endlich mal, auch etwas, was positiv stimmen kann.
    Unter anderem auch: "Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt."
    Gert Flessing

  • #17

    Gerhard Lindemann (Sonntag, 29 März 2020 22:41)

    Zu dem Text von Matthias Horx: Der Mann gilt als unseriös, und auch dieser Text ist oberflächlich (z. B. geht er nicht auf die Probleme ein, die Internet-Lehre für Schüler*innen und deren Eltern mit sich bringt, jedenfalls zumindest bei bildungsfernen Schichten), denn so schnell lässt sich keine sichere Prognose wagen. Was ist, wenn die jetzige Stimmung in Frustration umschlägt, sollten die Einschränkungen über den 20.4. hinaus gehen? Was ist mit Menschen, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen oder bereits arbeitslos sind? Für sie ist die "Corona-Zeit" schon jetzt nicht verbunden mit Entschleunigung und der Freude darüber, endlich mal etwas tun zu können, zu dem sie zuvor nicht gekommen sind. Was ist mit Frauen und Kindern, die unter häuslicher Gewalt leiden und ihr nicht entfliehen können?
    Auch die Voraussage im Blick auf die AfD kommt zu früh. "Zerfransens-Erscheinungen" sind jedenfalls bislang nicht festzustellen. Viele von Horx' früheren Zukunftsprognosen sind übrigens nicht eingetroffen.

    Hier noch ein Link der Ev. Stadtakademie München zu einer Gegenposition:

    https://www.evstadtakademie.de/blog/lisz-hirn-gegenposition-zu-matthias-horx-ich-fuerchte-dass-es-im-leben-nach-der-krise-zu-einer-eher-noch-groesseren-beschleunigung-kommen-wird/

  • #18

    Micaela Krieger-Hauwede (Sonntag, 29 März 2020 23:02)

    Ich habe mit verschiedenen Leuten gesprochen: Verwandten, die am Eriesee in den USA leben, einer Freundin, die in Israel ganz in der Nähe des Sees Genezareth wohnt, einem Freund aus Rom, den ich erst Mitte Februar besucht habe, und einer Freundin in London, die ziemlich wütend ist, weil sie jetzt eigentlich ihren Freund in Ägypten besuchen wollte. Alle sitzen wir in einem Boot und üben uns in physischer Distanz. Uns vereint die Hoffnung, dass sich aus dieser Krise etwas Positives ergibt (für die Umwelt, für die Gesellschaft, für die Wissenschaft, für uns als Menschen). Gleichzeitig gibt es überall Versuche von Parteien, Einzelpersonen oder Gruppen, die Situation für sich zu missbrauchen. Ich habe den Eindruck, dass die Leute das durchaus durchschauen.

  • #19

    Sascha Wildenhain (Montag, 30 März 2020 03:16)

    # 17
    Ja, das stimmt, ich abe auch erst im Nachhinein über Herrn Horx recherchiert, wirkt teilweise esoterisch. Sollte eine Diskussionsanregung zur
    "Nach-Corona-Zeit" sein. Wie gesagt, meine Skepsis, daß "es hinterher"besser wird, bleibt groß, denn warum sollten sich Menschen denn grundlegend in ihrem Verhalten ändern? Danke für den Link, den werde ich verteilen.
    SW

  • #20

    Micaela Krieger-Hauwede (Montag, 30 März 2020 04:14)

    Gedankensplitter zum Them Hilfe für Moria

    Ich glaube nicht, dass es eine Ordnung braucht, um anderen Menschen zu helfen. Mission Lifeline hat sich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass 100 Kinder und Mütter aus Moria ausgeflogen werden können. Obwohl sowohl die Finanzierung als auch die Unterbringung der Menschen in Deutschland gesichert ist, steht die Umsetzung des Vorhabens nun aufgrund von fehlenden Genehmigungen und Stempeln von Behörden noch aus. Auf einen Brief an die zuständigen Bundesbehörden erhielt die Berliner Bundestagsabgeordnete Canan Bayram nach eigenen Aussagen die Antwort: »Geht nicht, weil wir derzeit nicht wollen.«

    Seitdem ich es vor ungefähr 20 Jahren in einer Ausstellung über die Weltbevölkerung zum ersten Mal sah, habe ich das Bild eines Glücksrads im Kopf. Das Rad war wie ein Tortendiagramm eingeteilt. Für jedes Land der Welt gab es ein Tortenstück, dessen Größe seinem Bevölkerungsanteil an der Weltbevölkerung entsprach. Mit einem Dreh konnte man seinen Geburtsort bestimmen. Und nur ein schmales Tortenstück (damals 5, heute 10 Prozent) gehörte zu einem Land mit ähnlich guten Lebensbedingungen wie in Deutschland. Das Bild hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und es fällt mir immer ein, wenn ich beobachte, wie schwer uns das Teilen fällt.

  • #21

    Micaela Krieger-Hauwede (Montag, 30 März 2020 05:23)

    Gedankensplitter zum Thema Normalität

    »Was heißt Rückkehr zu einem normalen Leben? – Neue Filme im Kino.« Albert Camus, Die Pest

    Für mich geht es bei dem „normalen“ Zustand um so etwas wie Leben im inneren Gleichgewicht. Nach dem Lebensbalance-Modell von Nossrat Peseschkian braucht es dafür: eine erfüllende Arbeit mit einem angemessenen Einkommen, Familie und soziale Kontakte, Gesundheit sowie Sinn und Kultur. Ich würde für mich behaupten, dass ich mich Anfang des Jahres in einem solchen Zustand befand. Das soll nicht heißen, dass ich nicht auch Handlungsbedarf sehe in vielen Punkten, die Juliane Keitel in #12 anspricht.

    Gerade sind wir in einem Ausnahmezustand. Das wird schon durch die äußeren Bedingungen klar. Wir erfahren, was es heißt, in einem Krisenzusatnd zu leben. Ich kann es mir gar nicht anders denken, als dass sich dadurch auch unsere Fähigkeit zur Empathie erhöht.

    Aber ich merke auch, dass ich nicht zu oft auf die neuesten Infektionszahlen oder andere Nachrichten um Corona schauen darf, um nicht in Panik oder eine Art Schockstarre zu verfallen. Mir, und bestimmt auch allen anderen, ist es deshalb wichtig, gerade jetzt ein Stück „normales“ Leben aufrechtzuerhalten, in dem es Liebe und Lachen und Gemeinschaft gibt. Musik, Literatur und jede andere Art von Kunst sind gute Begleiter. Und in diesem Zusammenhang hilft mir auch mein Gottvertrauen. Es trägt mich, weil da etwas ist, was letztlich stärker ist als das, was mich bedroht.

  • #22

    Sascha Wildenhain (Montag, 30 März 2020 16:23)

    Nochmal zu #17.
    Die Gedanken in dem Interview, das Gerhart Lindemann dankenswerterweise verlinkt hat, liegen sehr nahe bei meinen. Hier ein interessanter
    Link zum Nachdenken über das Thema "Grundeinkommen" https://www.google.com/amp/s/www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-krise-warum-ein-bedingungsloses-grundeinkommen-fuer-alle-keine-gute-loesung-waere-a-19a29aba-0621-490b-bd56-fa4f4e6f4e6c-amp
    Ansonsten bin ich sehr dankbar dafür, dass wir als Familie mit 3 Jungs (8,6,3) in einer geräumigen Mietwohnung leben mit hintenraus viel Grün und Wald. Unser aktuelles KabarettProgramm- eine Hommage an Georg Kreisler- fand vor 3 Wochen ihr abruptes Ende. Mit Verlinkungen auf Lieder halte ich mich nun zurück, aber sehr empfehlen möchte ich das Lied " Wenn alle das täten". Bringt viel auf den Punkt.
    SW

  • #23

    Gert Flessing (Montag, 30 März 2020 18:10)

    Natürlich kann es sein, das Herr Horx falsch liegt. Auch ich habe mit Interesse gelesen, was Herr Lindemann verlinkt hat. Aber ein wenig Aufmunterung tut auch mal gut, in einer Zeit, in der es genügend Schwarzmaler gibt.
    Ich denke auch nicht, dass es eine bestimmte Ordnung gibt, UM Menschen zu helfen. Aber ich denke, dass eine gewisse Ordnung, in und um die Lager, die nun mal da sind, helfen könnte, die Situation dort besser zu kontrollieren und dem Chacos Struktur zu geben. Ich könnte mir vorstellen, dass so etwas auch für die Helfer, die dort wirken, hilfreich wäre. "Lifeline" will hundert Kinder und Mütter ausfliegen. Schön und gut. Gibt es eine Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen vor Ort? Wer sucht jene aus, die ausgeflogen werden sollen? Solche Transporte müssen doch auch Organisiert und koordiniert werden.
    Aber vielleicht ist das nur der "alte Preuße" in mir, der solche Gedanken hegt.
    Der normale Zustand. Stimmt schon. Eine Aufgabe, Familie, Freunde, Gesundheit, Kultur...
    Was davon ist jetzt weg?
    Gut, manche Menschen "trifft" man jetzt eher am Telefon. Ich merke, wie sich Aufgaben verändern. Am Wochenende hätte ich eine diamantene Hochzeit gehabt. Das geht nun nicht. Also habe ich das Paar angerufen, ihnen gratuliert und ein freundliches Gespräch gehabt. Sie haben gemerkt, das der Termin nicht nur etwas formelles war, und sie nicht vergessen sind. Menschen spüren lassen, dass sie nicht vergessen sind, ist, so denke ich, jetzt wichtig.
    Kultur. Ja, da fehlt manches sehr. Eine gute Freundin von mir ist im Bachchor Eisenach. Sie ist auch betrübt, das so vieles jetzt gestrichen ist. Ein Freund in Leipzig, der als Fotograf viele Ausstellungen in dem letzten Jahr hatte, ist ebenso trübe dran, und hofft auf Hilfe.
    Ich hoffe sehr, das die Empathie sich erhöht und das hier etwas bleiben wird.
    Sicher ist das freilich alles nicht und es liegt wohl auch an jedem einzelnen.
    Gert Flessing

  • #24

    Gerhard Lindemann (Montag, 30 März 2020 18:13)

    #18
    "Gleichzeitig gibt es überall Versuche von Parteien, Einzelpersonen oder Gruppen, die Situation für sich zu missbrauchen. Ich habe den Eindruck, dass die Leute das durchaus durchschauen."

    Ich bin da nicht so optimistisch. Im letzten Jahr haben sich in Sachsen 27 % der Wahlberechtigten für die AfD entschieden. Auch da hat sie sich bereits als Kümmerer-Partei (für den Osten) gegeben. Da hbemn es so viele Menschen nicht durchschaut, dass die AfD fast stärkste Partei geworden wäre (was sie bei der Europawahl bereits war), hätte es nicht eine Reihe von "Leihstimmen" von SPD, Grünen und sogar der Linken für die CDU gegeben. Man sollte das Problem weiterhin ernst nehmen und es nicht mit subjektiven Eindrücken, die schon aufgrund der geltenden weitgehenden Kontaktsperren nicht repräsentativ sein können, klein zu reden versuchen.
    In der "Sächsischen Zeitung" gab es letzte Woche einen Artikel über ein Einkaufshilfstelefon der dortigen AfD. Der war völlig unkritisch gehalten.

  • #25

    Sascha Wildenhain (Montag, 30 März 2020 18:46)

    Zu # 24 "
    Im letzten Jahr haben sich in Sachsen 27 % der Wahlberechtigten für die AfD entschieden."
    Hier muss ich jetzt nachfragen, ob ich falsch denke, bitte um Korrektur falls ja: Zur Landtagswahl in Sachsen 2019 gab es eine Wahlbeteiligung von 66,5% und davon haben 27% die AfD gewählt. Das heißt doch dann aber, daß nicht 27% aller Wahlberechtigten diese Partei gewählt haben?
    "https://de.statista.com/statistik/daten/studie/281789/umfrage/wahlbeteiligung-bei-den-landtagswahlen-in-sachsen/

    SW

  • #26

    Gerhard Lindemann (Montag, 30 März 2020 18:54)

    Der Wahlberechtigten, die an der Wahl teilgenommen haben, aber das ist eigentlich klar. Man kann dann auch sagen, dass denjenigen, die nicht zur Wahl hingegangen sind, es egal war, ob die AfD eventuell mitregieren würde. Letztlich ist auch ein Großteil von ihnen auf die Strategie der AfD hereingefallen, denn sie waren nicht bereit, ihr mit ihrer Stimme entgegenzutreten.

  • #27

    Sascha Wildenhain (Montag, 30 März 2020 18:59)

    Das ist eine meiner wenigen Hoffnungen, dass eben die, die nicht hingegangen sind, mal aufwachen, was hier los ist, wählen gehen und dann ein Prozentsatz x dieser Partei eben nicht ihre Stimme gibt

  • #28

    Anne Veit (Montag, 30 März 2020 19:49)

    Ich oute mich jetzt mal als ein Mensch, der durchaus Schwierigkeiten sieht bei den derzeit geltenden Maßnahmen. Ich verstehe das Kontaktverbot. Was ich nicht verstehe, sind die Ausgangsbeschränkungen – die übrigens selbst in den Bundesländern wirken, in denen es sie gar nicht gibt: Menschen fragen sich, ob sie genug wichtige Gründe haben, um das Haus zu verlassen.

    Ich finde das Argument, man müsse die Leute mit solchen Maßnahmen „erziehen“ völlig verfehlt und als Ansatz sehr bedenklich. Wo kommen wir hin, wenn wir das zu Ende denken?
    Ich sehe Verhältnismäßigkeit bei einigen der Maßnahmen nicht mehr gegeben (und deshalb unterscheiden sie sich in den Bundesländern ja auch deutlich) und wenn ich lese, man fände das massenhafte Tragen von Mundschutz in der Öffentlichkeit wichtig, damit allen der Ernst der Lage bewusst werde, macht mich das zutiefst misstrauisch, auch gegenüber den vermutlich medizinisch sinnvollen Maßnahmen, wenn sie von den gleichen Menschen empfohlen werden.

    Ich sehe, dass das demokratische Leben weitgehend stillgelegt ist, dass die wichtigen Themen nach hinten rutschen, dass wir uns aufgrund von Versammlungsverboten nicht demonstrierend zu Wort melden können. Die Vereinzelung mag psychologisch ein Problem sein, ich finde, sie ist vor allem demokratisch ein Problem. Und der solidarischen Einkaufshilfe für die Oma nebenan steht ein massiv unsolidarisches Agieren der EU gegenüber Flüchtlingen in Lagern gegenüber -wogegen man jetzt nur noch per twitter oder durch einzelne aus dem Fenster gehängte Plakate seinen Protest äußern kann.

    Der erste Beitrag hier beginnt mit „Die Welt hält den Atem an“. Ja. Und ich habe schon den Eindruck, dass uns nicht nur das Virus, sondern auch die Maßnahmen gegen seine Verbreitung und die allgegenwärtigen Krisendiskussionen am Atmen hindern und ich halte das für schlecht. Ich beobachte eine große Geschäftigkeit auf allen Kanälen. Wenn einmal eine Stunde lang ausnahmsweise keine Grundrechte irgendwo eingeschränkt werden, wird wenigstens laut darüber nachgedacht, es zu tun. Ich fühle mich in einem beständigen Alarm-Modus gehalten und beschäftigt. Wie lange kann man den Atem anhalten? Ich weiß, das ist eine Krise und Corona ist ein Problem – aber nicht das einzige auf der Welt. Mich beschleicht der Eindruck, dass Corona jetzt auch eine Ausrede ist, sich nur noch um dieses „akut Wichtigere“ zu kümmern und damit an allen anderen Fronten die Arbeit einzustellen. Und ich traue mich kaum noch, das zu sagen, weil mir vorgeworfen wird, ich verharmlose die Sache. Nee... will ich gar nicht verharmlosen, aber ich will auch nicht, dass anderes verharmlost wird.

    Und ich hielte „Atmen“ auch aus anderen Gründen für wichtig: Was wir gerade wirklich verlieren, an Menschen und an Freiheiten, das spüren wir in diesem überbeschäftigten Alarmmodus des Luftanhaltens nicht wirklich. Ich erlebe kaum Menschen, die beispielsweise traurig sind. Aber es gäbe Grund. Das, wovon Barbara Zeitler schreibt „Ohnmacht, Anklage...“ -wo ist das? Alle halten tapfer durch, so lese ich auch hier, aber ist das wirkliche Tapferkeit oder die Taubheit des Krisenmodus'? Nichts gegen Pragmatismus und gegen „Was sein muss, muss sein“. Aber mir fehlen Menschen, mit denen ich meine Verzweiflung darüber teilen kann, dass meine Möglichkeiten, etwas gegen die Situation auf Lesbos zu tun, noch eingeschränkter sind, als sonst schon. Mir fehlen Menschen, die mit mir darüber trauern, dass alle Gebetshäuser des Landes geschlossen sind. Mir fehlen Menschen, die mit mir darüber wütend sind, wie schnell und zum Teil auch willkürlich in diesem Land Grundrechte beschnitten werden. Mir fehlen Menschen, die mit mir darüber abkotzen, dass Solidarität gerade auf stayathome verniedlicht wird.

  • #29

    Micaela Krieger-Hauwede (Montag, 30 März 2020 19:51)

    #24

    Es geht mir gar nicht darum, das Problem mit der AfD kleinzureden. 27 Prozent sind ein erhebliches Problem und es hat mich in der Vergangenheit sehr belastet, dass die Landeskirche große Schwierigkeiten hatte, sich klar zu positionieren. Ich bin mit dafür eingetreten, dass sich dies ändert. Es gibt einige Leute, die das auch bezeugen können.

    Jede globale Krisensituation birgt grundsätzlich die Chance auf gesellschaftlichen Fortschritt. Was ich unter einem solchen Fortschritt verstehe, habe ich in meinem ersten Text deutlich gemacht. Welche innere Haltung macht wohl einen solchen bedeutenden Schritt wahrscheinlicher?

    Welche Botschaft hat denn Gott? Sagt er, das klappt sowieso nicht mit euch, bei euch ist doch Hopfen und Malz verloren? Oder glaubt er an jeden einzelnen von uns immer wieder neu?

    Eine Gesellschaft ist nie homogen. Sie setzt sich aus einer Vielfalt von Menschen zusammen, die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und in ihrer inneren Entwicklung daher auch verschiedene Wege genommen haben. Da gibt es manche, die innerlich bereit sind für den nächsten Schritt hin zu einer humanistischeren Gesellschaft, und manche, die rückwärtsgewandt sind und gefährlichen Ideologien nachhängen. Und ich sehe die gesellschaftliche Entwicklung als eine Art Phasenübergang. Ob er sich vollzieht, hängt davon ab, ob schon hinreichend viele Menschen innerlich dazu bereit sind. Eine Krisensituation ist eine Gelegenheit, bei der sich solche Verhältnisse durchaus verschieben können.

    Die Tatsache, dass ich hoffnungsfroh bin, bedeutet nicht, dass ich die Probleme nicht sehe und nicht gegen sie auftreten möchte. Ich kann auch nicht sagen, wie wahrscheinlich es ist, dass sich eine positive Entwicklung ergibt. Ich glaube nur daran, dass die Möglichkeit dafür da ist und dass ich mit meiner Hoffnung und meiner positiven Einstellung dazu, den Vorgang fördern kann, während eine pessimistische Sichtweise den Vorgang eher bremst.

  • #30

    Gert Flessing (Montag, 30 März 2020 20:46)

    Welchen Sinn hat ein Kontaktverbot ohne Ausgangsbeschränkungen? Wer glaubt, das, beispielsweise, bei einer Demo, die Menschen einen Mindestabstand von 1,5 bis zwei Meter halten, dürfte irren.
    Natürlich fragen sich die Menschen, welche Gründe sie haben, das Haus zu verlassen. Das ist, so denke ich, verständlich.
    Auch Mediziner sagen, dass massenhaft getragener Mundschutz nicht wirklich hilft. (Mein Junior trägt einen in schwarz und wird, auf dem Weg in die Uni, "merkwürdig" angesehen. Aber bei ihm ist das eh ein wenig Provo.)
    Noch (!) ist Corona keine Ausrede. Ende April könnte man mal wieder darüber nachdenken.
    Ja! Wir sind, in gewisser Weise ohnmächtig. Eine bittere Erfahrung, wenn man vorher gedacht haben sollte, das man durchaus Macht hat. Ja! Wir sind momentan auf uns selbst zurück geworfen. Auch auf ganz animalische Ängste.
    Auch ich bin traurig, das die Gotteshäuser nur noch leer zu sehen sind.
    Das Solidarität nur auf stayathome reduziert ist, stimmt nicht ganz. Wenn italienische Patienten in Chemnitz behandelt werden, ist das schon solidarisch.
    Vielleicht machen wir in Europa und mit Europa, neue und positive Erfahrungen?
    Das Grundrechte beschnitten werden, ist Pragmatismus. Wichtig ist, das sie, wenn die Krise vorbei ist, wieder da sind.
    Natürlich sehen wir auch die Probleme, die nicht ursächlich viral bedingt sind.
    Aber momentan müssen wir vielleicht lernen, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Ich würde auch die "solidarische Einkaufshilfe für die Oma von nebenan" nicht so abtun wollen. Nächstenliebe verlangt Klarheit - auch in der direkten Umgebung, in der man lebt.
    Gert Flessing

  • #31

    Anne Veit (Montag, 30 März 2020 21:05)

    Ein Kontaktverbot verhindert Ansteckung. Warum es mir in manchen Bundesländern verboten ist, irgendwohin zu fahren, um zu wandern oder auf einer Parkbank allein ein Buch zu lesen, erschließt sich mir dagegen nicht.

    Zu Solidarität meine ich genau das, was Herr Flessing jetzt da tut (#30). Nix gegen die Einkaufshilfe, das ist schön. Aber sich jetzt dafür zu loben, was für eine unglaubliche Welle von Solidarität in der Krise durch das Land oder Europa ginge, finde ich verfehlt und sogar eine Unverschämtheit, solange man die Menschen nicht aus Moria holt.

  • #32

    Micaela Krieger-Hauwede (Montag, 30 März 2020 22:58)

    Ich bin mir bewusst, dass meine Hoffnung extrem naiv ist, hoffentlich nicht lächerlich. Daher bin ich Anne Veit für Ihre Beiträge sehr dankbar.

    Natürlich muss sich die Solidarität darin äußern, dass man die Leute aus Moria holt. Und nicht nur darin, sondern auch in viel größerer Unterstützung anderer Hilfsprojekte durch Spenden. Ich erwarte auch das Regierungen neue Hilfsprogramme auflegen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Da kann man sich zur Wahl anschauen, in wieweit Parteien solche Ziele in ihrem Programm haben bzw. sie aufnehmen.


  • #33

    Gerhard Lindemann (Dienstag, 31 März 2020 00:45)

    #29: "Es geht mir gar nicht darum, das Problem mit der AfD kleinzureden. 27 Prozent sind ein erhebliches Problem und es hat mich in der Vergangenheit sehr belastet, dass die Landeskirche große Schwierigkeiten hatte, sich klar zu positionieren. Ich bin mit dafür eingetreten, dass sich dies ändert. Es gibt einige Leute, die das auch bezeugen können"

    Das glaube ich gerne, - aber es wäre dann auch gut einzuräumen, dass es unangemessen ist, einfach zu konstatieren: "Ich habe den Eindruck, dass die Leute das [die Strategie der AfD] durchaus durchschauen." Denn damit wurde der wichtige Hinweis von Juliane Keitel auf die AfD-Gesichtsmasken-Spende an das Dresdner Uni-Klinikum relativiert und ihre Sorgen nicht ernst genommen. Ich finde es schon sehr problematisch, solche hier mitgeteilten Beobachtungen einfach lapidar mit der sich lediglich auf einen Eindruck stützenden Bemerkung wegzuwischen, dass diese Bemühungen der AfD vermutlich ohnehin wirkungslos bleiben würden, weil sie auf keine Resonanz stießen. Das können wir hoffen, aber z. B. der von mit erwähnte Bericht in der Riesaer Lokalausgabe der "Sächsischen Zeitung" spricht da eine andere Sprache.

  • #34

    Juliane Keitel (Dienstag, 31 März 2020 03:46)

    Die Frage, ob wir angesichts der Aktivitäten, die sich jetzt teilweise unter uns ergeben, optimistisch sein können, sollen, dürfen oder nicht, führt mich eher zu der Frage, zu überprüfen, aus welcher Perspektive heraus wir jeweils die Welt und eben jetzt auch diese Krise betrachten. In vielen unserer Einträge hier ist es eine privilegierte: Wir haben Wohnungen, in denen es Patz, Bücher, Kunst, digitale Kontaktmöglichkeiten zu Freund*innen, Kolleg*innen oder Familienangehörigen gibt. Manche von uns haben einen Garten, einen Balkon und Freunde in Israel, Rom oder London (#18). Aus dieser Perspektive heraus kann man sich leichter einen Optimismus leisten, als wenn man solche Bedingungen nicht hat, wenn man existenzielle Sorgen um seinen Job haben muss, von häuslicher Gewalt betroffen ist, in einem unmenschlichen Zustand in irgendwelchen Lagern gefangen ist. Insofern kann ich Anne Veit (#28) sehr gut verstehen, dass einem das Gerede von Solidarität, die übrigens auch bei vielen Privilegierten nur bis zur nächsten Klopapierrolle reicht, aufstößt. Die Kirche und alle ihre Vertreter*innen haben meiner Meinung nach die Pflicht, nicht nur in diesen Zeiten, aber in diesen natürlich besonders, aktiv - nicht nur im Gebet! - die Perspektive der Nicht-Privilegierten einzunehmen. Das passiert definitiv zu wenig! Die Kirche kümmert sich im Moment vor allem um sich selbst, so mein Eindruck. Ich dagegen wünschte mir offene Briefe der Landeskirche(n), in denen sie Landes- und Bundesregierung aufforderten, sich für die Evakuierung der Lager einzusetzen, in denen sie dazu aufrufen, Hotels für geflüchtete und obdachlose Menschen zu öffnen, in denen sie Petitionen (ja!) befürworten und Spendenkonten empfehlen, in denen man sich für unsere Freiberufler*innen, für den Erhalt der Kleinkunst, der Kneipen und Restaurants in unserer Gesellschaft einsetzen kann o.ä. - es gebe sooo viele Themen, bei denen sich die Kirche öffentlich zeigen müsste. Von welchem gesellschaftlichen Akteur könnte man das in dieser Größenordnung denn sonst erwarten?? Corona ist bereits - leider - vielfach zur Ausrede geworden, wie Anne Veit schreibt (#28), sich eben erst einmal ganz um sich selbst zu kümmern und vielleicht um die älteren Nachbarn. Aber dafür haben ja jetzt auch alle Zeit.
    Eine weitere Sache betrifft die Beschneidung von Grundrechten. Auch hier wünschte ich mir eine Kirche, die ein Korrektiv darstellt, die stellvertretend nachfragt, ob die Maßnahmen tatsächlich angemessen für die Bevölkerung und hilfreich bei der Eindämmung des Virus sind. Es gibt rechtliche Grauzonen, die namentlich in Leipzig schon zuungunsten bestimmter sozialer Milieus von polizeilicher Seite ausgenutzt wurden. Die Maßnahmen sollen uns dienen, aber nicht uns erziehen - da gebe ich Anne Veit wiederum völlig Recht. Eine Handydaten-Nutzung, die Gert Flessing befürworten würde (#13), wäre für mich der Gipfel an 'Erziehung' und grundsätzlich abzulehnen. Generell spielen jegliche Einschränkungen von Grundrechten doch der Neuen Rechten in die Hände! Nicht nur, dass sich die AfD vergangene Woche zynisch einverstanden mit Grenzschließungen zeigte (s. Debatte des Bundestags vom 25.03.), sondern sie versucht selbstverständlich die Siuation für sich zu instrumentaliseren, und meines Wissens ist sie die einzige Partei, die das in der Form tut, da muss ich Micaela Krieger-Hauwede widersprechen #18. Gerhard Lindemann (#33) hat mit dem Verweis auf die SZ auch noch einmal untermauert, worum es geht: Man kann und darf bei dieser Partei keine Kompromisse machen, auch dann nicht, wenn es sich um Hilfsangebote handelt.

  • #35

    Micaela Krieger-Hauwede (Dienstag, 31 März 2020 09:41)

    Es ist ein Missverständnis, meine Äußerung #18 „Gleichzeitig gibt es überall Versuche von Parteien, Einzelpersonen oder Gruppen, die Situation für sich zu missbrauchen. Ich habe den Eindruck, dass die Leute das durchaus durchschauen.“ auf Deutschland und die AfD zu beziehen. Sie bezog sich auf die unmittelbar zuvor erwähnten persönlichen Gespräche. Wir hören und lesen ja, dass man zum Beispiel auch in Großbritannien oder Israel versucht, die Situation für sich auszunutzen, und dass es zum Beispiel in Ungarn oder Israel auch schon ganz konkrete „politische Erfolge“ diesbezüglich gibt. Es sind meine Freunde, die das durchschauen, und nicht etwa die Bevölkerungen dieser Länder, auch wenn ich mir das sehr wünschen würde. Aber es gibt Menschen, die es durchschauen. Und die sollten sich miteinander verbinden und vernetzen, anstatt sich womöglich zu bekriegen.

    Ich bin Juliane Keitel in diesem Jahr 2020 drei Mal persönlich begegnet: virtuell am vergangenen Sonntag und zwei Mal auch mit einem Abstand von weniger als 1,5 m. Eigentlich ist bei diesen Begegnungen schon klar geworden, dass wir die Dinge grundsätzlich ähnlich sehen. Und ich möchte deshalb auch nicht in eine Diskussion darüber einsteigen, wessen Einkommen für die Zukunft gefährdeter ist, oder ob man aus der Tatsache, dass jemand im Altbau wohnt und Bücher besitzt, auf einen für die Zukunft abgesicherten Finanzstatus schließen kann. Ich finde, die meisten Menschen, die in Deutschland leben, sind maßlos privilegiert gegenüber 90% der übrigen Weltbevölkerung (#20).

    Auch ich habe die Petition „Nächstenliebe verlangt Klarheit“ unterschrieben. Wie könnte es weiter heißen? Für mich heißt es: Nächstenliebe verlangt Klarheit, Zutrauen und Zuversicht.

    Ich hatte ja schon geschrieben (#21 und #32), dass ich zum Beispiel Juliane Keitel und Anne Veit für ihre Beiträge sehr dankbar bin. Ich finde, wir sollten darüber nachdenken, wie wir ganz konkret Einfluss darauf nehmen können, dass es in Zukunft mehr Hilfe für Geflüchtete gibt (ich lade diesbezüglich zum Beispiel in das Südcafé der Kirchgemeinde im Leipziger Süden ein), dass Hilfsprojekte in Entwicklungsländern stärker unterstützt werden, welche solidarisch gesellschaftlichen Konzepte wir genau entwickeln wollen.

    Wie reagiert jemand, auf den man mit einer geballten Faust zukommt? Vielleicht wird er seine Faust ebenfalls ballen und die Wut spiegeln, mancher duckt sich vielleicht weg. Andere wenden sich ab und verschwinden. Ich glaube nur Jesus schafft es, den anderen selbst dann noch zu umarmen.

  • #36

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 31 März 2020 11:02)

    Heute vormittag musste ich einkaufen gehen. Ins immer noch fast leere Klopapierregal hatte jemand ein Päckchen Nudeln gelegt, bei dem Anblick habe ich einen Lachanfall bekommen. Ausnahmsweise habe ich mir eine Freie Presse gekauft und mal überflogen. Auf der letzten Seite des Lokalteils steht ein Artikel mit Foto über Bernd Stange, den ehemaligen Trainer der DDR- Fußballnationalmannschaft (ich kannte ihn bisher nicht, weil Fußball mich nie interessiert hat). Ich zitiere mal die Stelle, die mich am meisten bewegt hat: "Der frühere Coach von Hertha BSC und dem VfB Leipzig hat viel Leid gesehen und erlebt. Nicht nur im Irak, auch in Syrien, wo er bis Januar 2019 Nationaltrainer war. "Es gibt Bilder, die bekommt man nicht mehr aus dem Kopf", berichtet Stange. " Wenn ich bei der Essensausgabe geholfen habe und unzählige Kinder ihre leeren Schüsseln hochreckten, um nur ein wenig mehr trockenen Reis zu bekommen, dann sind die Opfer, die wir gerade erbringen, vergleichsweise klein". Stange hofft, dass die Coronakrise die Welt zu einem solidarischeren Ort macht. "Es liegt mir total fern, diese Krise herunterzuspielen, sie schafft genug Leid", meint Stange. " Doch jetzt wo es uns erwischt hat, tritt alles andere in den Hintergrund. Es gibt nur noch Corona. Ich hoffe, dass die Welt das als Weckruf sieht, als Weckruf dafür, sich nach überstandener Pandemie weiterhin dem Leid anderer zu widmen. "Hunger, Wassermangel oder Malaria. Ich wünsche mir, dass wir danach mit gleicher Intensität diese Probleme angehen und Todesraten senken", betonte der Trainer. Allein ihm fehle aus Erfahrung der Glaube. "Aber ich lasse mich gern überraschen".
    sw

  • #37

    Gert Flessing (Dienstag, 31 März 2020 11:32)

    PhysikerInnen sind eigentlich dafür bekannt, nüchtern, faktenorientiert und gelassen zu reagieren und zu argumentieren. Auch, wenn sie wissen, das manchmal die Emotionen nicht unwichtig sind.
    Wir haben Wohnungen (wo würden wir unseren PC sonst haben?) und alles andere, was uns durchaus privilegiert erscheinen lässt. All das würde ich jedoch nicht benutzen wollen, um jemandem einen Vorwurf oder ein schlechtes Gewissen machen zu wollen. Das wäre unsachlich und der Situation, in der wir alle stehen, unangemessen.
    Ich bin auch nicht davon überzeugt, das es uns wirklich möglich ist, die Sicht von, beispielsweise, wohnungslosen Menschen anzunehmen. Ich kenne, aus meiner beruflichen Praxis solche Menschen und ihre Nöte. Sie kennen und ihre Sicht zu verstehen ist das Eine, ihre Sicht so zu verstehen, das man sie wirklich erkennt, ist etwas ganz anderes. Ihre Perspektive könnte ich aber nur dann annehmen.
    Ich weiß um die Not dieser Menschen und ja, ich wäre der Meinung, das die Kirche hier a) mit eigenen Möglichkeiten helfen könnte (Rüstzeitenheime) und b) die Politik in diese Richtung drängen könnte. Wenn sie an der Stelle mit gutem Beispiel voran gehen würde, wäre das ein klares Zeichen. Bliebe dann nur die Frage, ob die Betroffenen das auch annehmen würden. Denn sicher ist das nicht, wie ich eben auch, aus Erfahrung, weiß.
    Das die Kirche sich freilich wesentlich um sich selbst kümmert, ist nicht erst seit Corona so. Das ist eines ihrer ungelösten Probleme.
    Ein anderes Problem sind die Lager in Griechenland. Wer wirklich glaubt, das irgend jemand, in der Politik, oder auch wirklich in der Kirche, ein echtes Interesse hat, diese Menschen, jetzt, alle hier her zu holen, der ist naiv.
    Hundert Kinder und Mütter wäre vorstellbar. Aber auch für die würde es bedeuten, hier erst einmal in Quarantäne zu müssen. Würde man wirklich die Lager leeren, wäre das nicht anders. Die Menschen müssten organisiert , transportiert und untergebracht werden. Es müsste sichergestellt werden, das sie durchuntersucht werden, im Bedarfsfall behandelt werden und wenigstens zwei Wochen ihr Quartier nicht verlassen. Auch für sie müsste es Klopapier geben.
    Aber bitte - wer das für machbar hält, kann ja eine Petition starten.
    Der nächste Gedanke ist dann, für mich, wie lange es dauern würde, bis sich die geräumten Lager wieder füllen. Sogwirkung?
    Frau Krieger- Hauwede, mir ist es scheißegal, ob es uns besser geht, als 90% des Restes der Welt. ES IST HALT SO. Muss ich mich deswegen schlecht fühlen oder sollte ich nachdenken, wie ich anderen helfen kann?
    Ich bin Gott dankbar und frage ihn immer wieder, wohin mich sein Weg führt und wie ich etwas für meine Mitmenschen tun kann. Da ich nicht "überpriveligiert" bin und auch sehen muss, wie ich zurecht komme, fällt das finanziell kleiner aus und beschränkt sich auf den Raum, den ich überschauen kann. Nun, was die Handynutzung anbelangt, bin ich recht froh, das ich nicht in Israel lebe. Es wäre etwas viel "Erziehung", selbst für mich.
    Gert Flessing

  • #38

    Micaela Krieger-Hauwede (Dienstag, 31 März 2020 11:55)

    #37 Für mich ist die Erkenntnis, dass es uns besser geht als 90% des Rests der Welt definitiv ein Grund darüber nachzudenken, wie wir anderen helfen können. Und zwar nicht nur darüber nachzudenken, sondern auch zu handeln.

  • #39

    Gerhard Lindemann (Dienstag, 31 März 2020 12:40)

    Herr Flessing meinte, dass es problematisch ist, Menschen, die unter den Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen leiden, weil sie z. B. häuslicher Gewalt ausgeliefert sind, oder Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, darauf aufmerksam zu machen, dass es der Mehrheit der Bewohner*innen dieser Erde noch schlechter geht. Das trifft zu, aber es hilft ihnen in ihrer Situation nicht weiter.
    Ähnlich konnten auch die Hinweise von Micaela Krieger-Hauwede auf ihre Telefonate mit verschiedensten Freundinnen und Freunden sowie Verwandten in verschiedenen Teilen der Welt (#18) (die auch innerhalb der westlichen Gesellschaften zu den Privilegierten gehören) zu verstehen gewesen sein. Darauf wies Juliane Keitel mit Recht hin. Es handelt sich hier um ein Schreibgespräch - Beiträge stehen nicht für sich, sondern sind im Kontext anderer Beiträge zu lesen. Zuvor war es um einen Text von Matthias Horx gegangen mit der Tendenz, die Krise als einen Weg in eine positive Zukunft zu sehen, und der Aufforderung, die aktuellen Einschränkungen als eine Zeit der Entschleunigung positiv zu sehen. Dem stellte ich in #17 Beispiele von Menschen entgegen, die von der Krise existenziell betroffen sind. Darauf reagierte #18 mit dem Hinweis auf Telefonate mit Menschen, die existentiell offenbar nicht groß von den Einschränkungen betroffen sind und miteinander die Hoffnung teilen, "dass sich aus dieser Krise etwas Positives ergibt", ohne dass Micaela Krüger-Hauwede auf zuvor benannte Sorgen einging.

    Und zu: "Äußerung #18 „Gleichzeitig gibt es überall Versuche von Parteien, Einzelpersonen oder Gruppen, die Situation für sich zu missbrauchen. Ich habe den Eindruck, dass die Leute das durchaus durchschauen.“ Dass mit den "Leuten" die Freund*innen gemeint sind, könnte man sprachlich konkreter ausdrücken (#35). Dann kommt es auch nicht zu Missverständnissen. Und da es sich um ein Schreibgespräch handelt und Juliane Keitel nur 6 Texte zuvor das "Masken-Beispiel" brachte, lässt es sich nicht von der Hand weisen, diese Äußerung so zu verstehen, als werde darauf Bezug genommen.

  • #40

    Gert Flessing (Dienstag, 31 März 2020 13:58)

    Tja, was machen wir denn nun mit Menschen, die klaustrophobisch sind oder denen, die jetzt, eng aufeinander gezwängt, Gewalt ausüben und unter ihr leiden? Diese Menschen gibt es. Das ist gewiss. Wer aber hätte eine, zufriedenstellende, Antwort? Ich nicht. Ich finde es schlimm, das es das gibt, aber ich wüsste nicht, was dagegen zu tun ist.
    Ich weiß nicht, wie es in anderen Bundesländern ist. Aber, so viel ich weiß, kann man in Sachsen noch sein Auto oder Fahrrad nehmen und in die Natur fahren, um zu wandern oder auch, für sich allein irgendwo sitzen, draußen, um zu lesen.
    Ich versuche jeden Tag, wenn das Wetter es zu lässt, ein Stück zu laufen.
    Ich habe auch schon mit Menschen telefoniert, die, als Selbständige und allein arbeitend, wirklich existentiell betroffen sind. Wir haben gemeinsam überlegt, was machbar wäre. Bisher aber noch nichts gefunden, was, mal abgesehen von den zugesagten Hilfen des Bundes, wirklich was bringt.
    Ich fürchte, wir werden noch ein Stück Weg vor uns haben, bis es mehr gibt, als vage Ideen.
    Das Menschen sich von denen, die sich die momentane Situation zunutze machen wollen, auf den Leim gehen, habe ich schon etliche Male bemerkt. Selbst wenn man sich kennt und sogar schätzt, kann man sich den Mund fusselig reden und die Finger taub schreiben und dennoch lassen sich Verschwörungstheorien, aller Art und böse Gedanken, es wären die "Altparteien" oder gar "die Merkel" bei manchem nicht entkräften.
    Auch das gibt es. Der nüchterne Verstand fällt in der Krise aus und plötzlich gilt man selbst als zu beschränkt, das, was ihnen nun eröffnet ist, zu verstehen.
    Gert Flessing

  • #41

    Micaela Krieger-Hauwede (Dienstag, 31 März 2020)

    Zu #40 - Häusliche Gewalt: Das Erste, was man selbst tun kann, ist Augen und Ohren offen zu halten und die Menschen, die betroffen sind, sehr vorsichtig darauf anzusprechen, ihnen anzubieten, sie vorübergehend aufzunehmen, oder sie auf dem Weg zum Arzt oder zur Beratungsstelle zu begleiten.

    Leider ist es aber oft auch so, dass es das Umfeld nicht bemerkt oder nicht bemerken will, dann kann man nur generell auf mögliche Anlaufstellen aufmerksam machen.

    In Leipzig zum Beispiel:
    Frauen für Frauen e.V. Leipzig in der Karl-Liebknecht-Straße 59 (Tel.: 0341 3068778) oder das Anwältinnenbüro Jörk , Feige, Maiwald in der August-Bebel-Straße 14 (Tel.: 0341 2253663).

    Vor einigen Jahren war mein beste Feundin von häuslicher Gewalt betroffen. Sie ist dann für einige Zeit mit ihrem Sohn bei mir eigezogen und ich habe sie in das Notfallzentrum begleitet, um die Verletzungen dokumentieren zu lassen. Wir waren dann auch gemeinsam bei Beratungsstellen, und sie hat die Tat zur Anzeige gebracht.

  • #42

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 31 März 2020 15:44)

    Zur weiteren Diskussionsanregung über die Frage wie weiter "nach Corona?" möchte ich auf einen Artikel von Frank Richter aufmerksam machen.:
    https://f-richter.net/allgemein/corona-als-fanal/
    sw

  • #43

    Anne Veit (Dienstag, 31 März 2020 16:19)

    Aus dem Artikel von Frank Richter, auf den Sascha Wildenhain in #42 hinwies:
    "Es ist verräterisch, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft bereit ist, die aktuellen Einschränkungen der bürgerlichen Grund- und Freiheitsrechte widerspruchslos hinzunehmen, während sie nicht im Geringsten bereit ist, die von den Greta Thunbergs dieses Landes geforderte Veränderung ihrer Lebensgewohnheiten zu akzeptieren oder auch nur darüber nachzudenken, ob durch Konsumreduktion nicht auch ein Gewinn an Lebensqualität erzielt werden könnte."

    Genau das sehe ich auch. Kann mir mal jemand erklären, warum?

  • #44

    Anne Veit (Dienstag, 31 März 2020 16:35)

    Aus #37 "...mir ist es scheißegal, ob es uns besser geht, als 90% des Restes der Welt. ES IST HALT SO. Muss ich mich deswegen schlecht fühlen...?"

    Ja. Ich finde schon. Ich finde, dass ein schlechtes Gewissen dazugehört, wenn man privilegiert ist - gegenüber Menschen, die in Ländern mit schwierigeren Bedingungen geboren werden, ebenso, wie gegenüber Menschen, die von so einer Krise und ihren Folgen in Deutschland härter getroffen werden als ich.

    Mir ist klar, dass sich viele Menschen für das schlechte Gewissen und gegen Veränderungen in Richtung Gerechtigkeit entscheiden. Auch ich tue das in vieler Hinsicht. Aber dann nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich doch um die massive Ungerechtigkeit weiß... das fände ich durchaus unangemessen und für mein Verständnis auch unchristlich.

    "Es ist halt so..." stimmt ja nicht. Es müsste nicht so sein. Und es ist ganz sicher nicht gottgewollt so.

  • #45

    Gerhard Lindemann (Dienstag, 31 März 2020 16:39)

    #43: Frank Richter macht gleich im Anschluss an das Zitat einen Erklärungsversuch.

  • #46

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 31 März 2020 16:53)

    Eine der Fragen, die m.E.gestellt werden müsste, ist die: Ist die Entwicklung, die
    wir als Gesellschaft bis hierher genommen haben alternativlos ( gewesen) ? Wer
    beeinflusst was? Der Einzelne? Gruppe(n)? "die" Gesellschaft?
    sw

  • #47

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 31 März 2020 17:27)

    " Jetzt geht es um die eigene Haut" (F.Richter ). So ist es (leider). Und genau dieses Verhalten hat Christus mit seiner gelebten Selbstlosigkeit durchbrochen.
    sw.

  • #48

    Gert Flessing (Dienstag, 31 März 2020 17:28)

    Ich finde es anmaßend, Menschen vorzuschreiben, dass sie ein schlechtes Gewissen haben müssen, ja sogar zu behaupten, dass es christlich wäre.
    Nein, es ist nicht gottgewollt, das es mir gut geht. Es ist ein purer Zufall.
    Aber ich muss kein schlechtes Gewissen haben, um für Veränderungen offen zu sein. Ich muss auch kein schlechtes Gewissen haben, um Menschen, die jetzt härter getroffen sind, zu helfen, wenn immer ich kann.
    Ich bin vorhin unterwegs gewesen und habe die üblichen Besorgungen für uns gemacht. War dabei noch im Pfarrbüro, um die Judikakarte hin zu schaffen. Unterschwellig ist mir die ganze Zeit dieser Vorwurf des privilegiert seins nachgegangen und ja, ich habe mich darüber geärgert.
    Nicht nur über die ideologische Färbung, die ich darin sehe, auch über den Vorwurf als solchen.
    Ich wie, dass es mir besser geht, als vielen anderen Menschen auf der Welt.
    Ich weiß, das es mir besser geht, als so manchen Menschen in Deutschland.
    Aber ich fühle mich nicht wirklich privilegiert. Ich fühle mich normal, denn ich habe das, was ich jetzt habe und auf was ich zurück blicken kann, erarbeitet.
    Ich bin in einer normalen Familie aufgewachsen. Man könnte natürlich sagen, ich sei privilegiert gewesen, weil mich meine Eltern geliebt haben und gefördert haben. Aber das, was wesentlich war, musste ich selbst tun. Mir mein Abitur erkämpfen, obwohl ich konfirmiert war und zur Jungen Gemeinde gehörte.
    Nichts ist mir geschenkt worden, außer meinem Leben, das ich ganz und gar Gott verdanke, der mich mehr, als einmal, dem Tod entriss. Aber vielleicht ist auch das ein Privileg.
    Für mich ist es immer normal gewesen, mich um andere Menschen zu kümmern, nicht wegen meines Gewissens, sondern um etwas von dem, was ich geschenkt bekam (Leben), in Liebe weiter zu geben.
    Das ich auch viel empfangen habe, an Gutem, an Liebe, auch an Leben, hat mich dankbar werden lassen. Es ist vieles mehr, als das, was man mit "Verdienst" abrechnen könnte.
    Daran freue ich mich und bin nicht davon überzeugt, das irgend etwas "besser" wird, wenn ich mir dauernd den Spiegel vor halte, den mancher dann "Gewissen wegen Privilegien" nennt.
    Ich weiß, das ich aus der Gnade lebe, die ich unverdient erhalten habe. Das sollte christlich genug sein, wenn es meinem Leben genügend Impulse gibt, selbst "Gnade" zu geben, in welcher Form auch immer.
    Gert Flessing

  • #49

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 31 März 2020 17:40)

    #48
    Sie müssen sich aus meiner Sicht hier nicht rechtfertigen oder gar ärgern in dieser Frage. Ich weiß, was es heißt, privilegiert gewesen zu sein, als sehr behütetes Kind in der DDR. Ist mir alles erst viel später bewusst geworden. Ein "Zauberwort" für uns heute hier Lebenden ist das Wort VERZICHTEN. Meine Erfahrung der letzten Jahre: Ich habe ausgesprochen selten einen Menschen erlebt, der freiwillig verzichtet, ohne Zwang von aussen.
    sw.

  • #50

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 31 März 2020 19:28)

    Eigentlich hat uns doch das Verhalten vieler unserer Mitmenschen hier in Deutschland, vor ca. 14 Tagen beginnend deutlich gezeigt, in welcher Verfassung wir sind: asoziale Egoisten sind sehr viele (nicht alle) Menschen geworden (?). Da werden die Supermarktregale leergekauft (HAUPTSACHE ICH!) und parallel dazu über die Flüchtlinge gehetzt und der AfD gehuldigt. Wenn ich die Bilder von Moria sehe, muss ich weinen und fühle mich ohnmächtig.
    Und das soll "nach Corona" anders sein? Wenn wir diese Hybris nicht überwinden, dann wird sich nichts verändern. Tut mir leid, wenn das jetzt zu pessimistisch ist.
    sw.

  • #51

    Gert Flessing (Dienstag, 31 März 2020 19:40)

    Nein, mein Freund. In der DDR behütet aufgewachsen zu sein, war kein Privileg. Ich bin Jahrgang 52 und bin mit diversen Altersgenossinnen aufgewachsen. Wir alle waren behütet. Wir lebten nicht in Luxus. Aber wir lebten in Frieden. Ja, es gab Unterschiede und es gab, bei einigen auch das, was man heute "häusliche Gewalt" nennt. Aber insgesamt war es eine gute und geschützte Kindheit, mit Schule, die forderte, aber nicht überforderte, mit Freizeit. Einer, meiner Mitschüler, ging, ab der vierten Klasse, in eine Sonderschule. Er blieb dennoch unser Kumpel. Er ging anschließend nicht in die Landwirtschaft, sondern wurde Motorenschlosser bei einem Mann, der Mopeds und Motorräder reparierte.
    All das war Normalität. Verzicht gehörte dazu. Mein Vater schenkte die ganzen Gummibärchen und den Harribo -Kram, den ich nicht mochte (ich mag ihn bis heute nicht), Kindern eines der Arbeiter auf dem Betrieb, den er leitete, die nichts hatten. Ja, er war Betriebsleiter, aber das war kein Privileg, sondern harte Arbeit. Der erste auf dem Hof und der letzte, der ging, anders kannte ich ihn nicht. In den Ferien weg fahren? Da war Kampange. Da fuhr er noch mal um 19.00 mit seinem Motorrad zu den Mähdreschern raus. Privilegien?
    Jene, die so etwas hatten, lernte ich später kennen. Gut genug, um sie nicht darum zu beneiden. Ich denke an einen Staatssekretär des Landwirtschafsministeriums, den ich später in der Uckermark traf. Er war mit meinem Vater befreundet gewesen und verschwunden, als sein Minister einen "Jagdunfall" hatte.
    Verzicht? Ich habe viele Jahre auf manches verzichtet, auch auf meinen Urlaub, weil ich meine Mutter versorgt und gepflegt hatte. In der Zeit habe ich Beerdigungsvertretung für den ganzen Kirchenkreis Luckau gemacht.
    Freiwillig.
    Ich erwähne es nicht, um mich zu rühmen. Es war selbstverständlich für mich.
    Es ist kein Zauberwort. Es hilft auch nicht, wenn Sie oder ich jetzt nur noch von Wasser und Brot leben.
    Vielleicht eher, wenn wir wirklich fair gehandelten Kaffee oder Tee kaufen. Aber das ist kein Verzicht.
    Unser Sohn ist heute auf Kurzarbeit gesetzt worden, mit 80% Gehalt. Auch das wird dafür sorgen, das wir hier und da "verzichten" müssen. Ich habe die, für den Sommer geplante Urlaubsreise schon storniert.
    Ja, ich weiß, das alles ist nichts, wenn man "das große Ganze" und die "gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge" betrachtet. Aber aus solche Floskeln wächst man irgendwann raus.
    Gert Flessing

  • #52

    Anne Veit (Dienstag, 31 März 2020 20:43)

    ... ich hoffe, ich wachse aus solchen "Floskeln" nie heraus. (#51)

  • #53

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 31 März 2020 21:37)

    Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir trennen zwischen
    1. Sicht auf die Pandemiebekämpfung
    und
    2. Sich gegenseitig helfen beim Einordnen von Verunsicherungen bei 1.

    zu 1. Ich möchte ganz klar sagen, dass ich dass, was sowohl Bundesregierung als auch die sächsische Landesregierung zur Eindämmung des Covid-19-Virus bisher veranlasst haben für völlig richtig und notwendig halte. Hier geht es wirklich um Leben und Tod.
    zu 2. Für viele von uns ist das möglicherweise das erste Mal, dass sie so eine Situation erleben, in der das bisher gewohnte Leben so spürbar eingeschränkt wird. Meine größte Sorge ist, dass es den destruktiven Kräften in der Gesellschaft gelingt, großes Kapital aus dieser Situation zu ziehen mit unabsehbaren politischen Folgen. Meine Hoffnung ist, dass es eine Mehrheit der Bevölkerung erkennen kann, dass die verantwortliche Politik einen "guten Job" macht. Für mich persönlich wäre eine Grenze überschritten, wenn ins private Handy hinein zugegriffen werden soll, denn dann muss die Frage gestellt werden: Mit welchem Ziel? Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern oder...?
    Mit meiner Sorge, ob unser Unternehmen diese Krise überlebt, muss ich alleine klarkommen, mein Kollege und ich machen momentan freiwillig Kurzarbeit mit 67% des letzten Nettolohnes, keine Aufstockung. Verzicht üben. Für eine Tütensuppe wird es reichen.
    sw