Lebendig durch Einmischung und offenen Diskurs

"Herz statt Hetze“ – unter diesem Motto haben sich deutschlandweit in den letzten Monaten viele Menschen zusammengetan, um zu demonstrieren, zu diskutieren, um Zeichen zu setzen für eine offene und tolerante Gesellschaft. So verschieden die einzelnen Initiativen und Veranstaltungen im Einzelnen sind, so scheint mir ihnen die Einsicht gemeinsam zu sein:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. …“ Und „Jeder Mensch hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1 und 2)

 

„Herz statt Hetze“ so steht es weithin sichtbar auf Bannern, die immer häufiger an Kirchen oder Gemeindehäusern zu sehen sind. Leuchtend rot über den Worten „Herz statt Hetze“ ein Herz, links daneben ein Kreuz, darunter die Worte „Glaube statt Misstrauen“ und rechts ein Anker mit den Worten „Hoffnung statt Angst“. Leicht erkennbar darin die christliche Trias: Glaube, Liebe Hoffnung.

 

Das Banner ist Teil einer Initiative der Evangelischen Jugend in Sachsen. Die Verantwortlichen sehen darin einen Beitrag zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs und rufen dazu auf, sich in diesem Diskurs zu Wort zu melden, Begegnungen und Gespräche zu initiieren und zu ermöglichen. „Frieden, materiellen Reichtum und das Leben in einem freiheitlichen Rechtsstaat betrachten wir als Privileg und Segen Gottes. Segen will sich ausbreiten (1 Mose 12,2). Deshalb halten wir nicht egoistisch fest, was uns gegeben ist, sondern sind zum Teilen bereit (Lk 6, 38). Wir ermutigen uns gegenseitig zum Gebet für unser Land und diese Welt. Zugleich setzen wir mit Worten und Taten um, was wir als richtig erkannt haben. Deshalb rufen wir Christen in Sachsen dazu auf, sich im gesellschaftlichen Diskurs zu Wort zu melden, Begegnungen und Gespräche zu initiieren sowie achtsam, offen und klar Konflikten nicht auszuweichen.“ (Die Stellungnahme der Evangelischen Jugend in Sachsen zur aktuellen gesellschaftlichen Situation ist abrufbar unter www.evjusa.de)

 

Sich sichtbar und hörbar in diesen Diskurs einzumischen ist ein genuin kirchlicher Auftrag denn das Evangelium verkündigt sich nicht im sterilen Raum, sondern immer nur in konkreten Situationen und in einem konkreten Umfeld.

 

Bereits im Vorwort zur EKD-Denkschrift „Das rechte Wort zur rechten Zeit“ aus dem Jahre 2008 heißt es: „Kirchliches Handeln geschieht grundsätzlich in der Öffentlichkeit. Es folgt dem Öffentlichkeitsauftrag Jesu an seine Jünger: »Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Matthäus 10,7). Und dem korrespondiert das Sendungswort des auferstandenen Christus: »Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende« (Matthäus 28,18–20). Aber im Rahmen des Öffentlichkeitsauftrags, der mit dem Verkündigungsauftrag der Kirche selbst gegeben ist, besteht eine besondere Aufgabe darin, in die Öffentlichkeit hinein zu Grundfragen des politischen und gesellschaftlichen Lebens Stellung zu nehmen.“

 

Grundfragen des politischen und gesellschaftlichen Lebens erscheinen derzeit einerseits drängender und sich laut bemerkbar machend. Die zahlreichen Demonstrationen und öffentlichen Aufrufe sind dafür ein deutliches Zeichen. Andererseits sind Fragen und Probleme komplex und einfache Antworten eher gefährlich als hilfreich. So stößt beispielsweise die berechtigte Forderung nach mehr Personal in Pflegeeinrichtungen an die Grenzen eines Arbeitsmarktes, auf dem Fachkräftemangel ein ständig wachsendes Thema ist. Daran zeigt sich, wie wichtig es ist, miteinander zu reden, miteinander nach Antworten und guten Lösungen zu suchen und mit dafür Sorge zu tragen, dass gute Lösungen auch umgesetzt werden.

 

Wenn wir als Christinnen und Christen und als Kirchgemeinden dazu beitragen, tun wir das mit dem Auftrag Jesu im Rücken und mit der inneren Haltung, die in der Trias Glaube – Liebe – Hoffnung zum Ausdruck kommt.

 

Der Glaube im Zeichen des Kreuzes weist uns an Jesus Christus, an seine bedingungslos liebende Hingabe an das Leben, an seine Zuwendung zu den Ausgegrenzten. Mit den liebenden Augen Gottes ist Jesus den Menschen begegnet und lässt etwas ahnen, von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Getragen ist christliches Handeln von der Hoffnung auf das Reich Gottes, das schon jetzt dort aufscheint, wo Menschen sich für andere einsetzen und in ihrem Gegenüber einen Bruder oder eine Schwester Jesu sehen.

Mit einer inneren Haltung, die sich daran ausrichtet, verbietet es sich, herabwürdigend und ausgrenzend zu diskutieren und zu argumentieren. Menschen sind nicht Inländer oder Ausländer, Wohnungsbesitzer oder Wohnungslos, Gebildet oder ungebildet. Menschen sind zu allererst Menschen.

 

Die in diesem Jahr bevorstehenden Wahlen (26.Mai: Wahlen zum Stadtrat und zum Europaparlament; 1. September: Wahlen zum sächsischen Landtag) sind uns Anlass, in diesem Sinne zu Gesprächen untereinander anzuregen und mit denen, die politische Verantwortung in unserer Stadt, in unserem Land und in Europa übernehmen wollen, in Dialog zu treten. Dabei soll zur Sprache kommen, was wir aus christlicher Perspektive von Politiker*innen erwarten und was wir als Christ*innen einbringen können, um unser Gemeinwesen so zu gestalten, dass ein Leben in Würde für ALLE Menschen möglich ist.

 

Die Demokratie in unserem Land ist so stark, wie sie lebendig ist. Sie wird lebendig durch Einmischung und offenen Diskurs.

 

Anregungen für Fragestellungen und Gesprächsforen finden Sie dem demnächst auf dieser Seite.

 

Pfarrerin Christiane Dohrn