Ein heilsamer Schock

Lesbentagung 2018 – Bad Boller Bitte um Vergebung

 

Es war am 3. Advent 2018 in Bad Boll, sonntags in der evangelischen Akademie während der 33. Lesbentagung. Sie hatte das Thema „*Feminismus – viel erreicht, noch viel zu tun. Lesbische / queere* Frauen aller Generationen im Gespräch.“* Etwa hundert lesbische / queere* Frauen feierten zusammen Gottesdienst, als folgendes geschah:

Frau Prälatin Gabriele Arnold, offizielle Amtsträgerin der württembergischen Landeskirche, bekennende Hetera und Schirmfrau des Stuttgarter CSD 2018, entschuldigte sich bei den lesbischen / queeren* Frauen dafür, dass die(se) Kirche der gesamten LSBTTIQ-Bewegung soviel Leid, Grauen und Schmerzen zufügt(e). Sie bat die versammelte Gottesdienstgemeinde um Vergebung. Das tat sie als Regionalbischöfin der Württembergischen Landeskirche, die lesbische und schwule Paare bis heute nicht segnet (sie ist damit eine der beiden letzten der EKD). Die *Bad Boller Bitte um Vergebung* war ein Bestandteil im Gottesdienst und Teilgefüge des liturgischen Handelns, wie etwa die mit in eigenen Worten ausgesprochenen Glaubensbekenntnissen. Der Effekt war raumfüllend. Das gesprochene Wort verdichtete alles, was da war und wurde energetisch spürbar. Nicht nur die versammelten Emotionen, auch die weitergehenden und tiefer gelegenen Seelenschichten wurden bewegt und rührten an. Rote Köpfe, Atemstillstand, Tränen und Anderes brachten leibhaftig zum Ausduck, wie überraschend das Ganze war, ja wie unbegreifbar diese Handlung war, indem sie in das Gesetzte eingriff und dadurch veränderte. Es war ein historischer Moment, denn die tradierte Ordnung, in der lesbische / queere Frauen diskrimiert, geschändet und gemordet wurden, wurde verrückt: Die lesbische / queere* Gemeinde ist von einer offiziellen Vertreterin der Mehrheitsgesellschaft, speziell von dieser Kirche, als Gegenüber anerkannt, bemächtigt und darum gebeten worden, zu Vergeben. Bleibt zu hoffen, dass aus diesem solidarischen Akt viele weitere und andere mehr folgen mögen, stets für Humanismus, Frieden und Gerechtigkeit.

 

Kurzbericht der Historikerin Ilona Scheidle