Angst und Mut bei Seelsorgerinnen

Interview mit Yvette Schwarze

B. Zeitler: Liebe Yvette, Du berätst Menschen aus dem kirchlichen Arbeitsfeld. Ist "Angst"
ein Thema in Deiner Arbeit?
Y. Schwarze: In erster Linie begegnen mir in meiner Arbeit Menschen, die sich mit dem Thema Seelsorge beschäftigen und Seelsorge erlernen und reflektieren möchten. Das ist immer verbunden mit den eigenen Gefühlen und Erlebnissen. Und daher spielt auch die Angst immer wieder eine große Rolle. Die Angst vor dem eigenen Können oder Versagen. Die Angst, die „richtigen“ Worte zu finden. Die Sorge, dem oder der anderen hilfreich (genug) zu sein.

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Dazu erleben Seelsorger*innen starke Gefühle bei den Ratsuchenden. Auch das will ausgehalten und eingeordnet sein. Gerade am Anfang des Seelsorge-Lernweges erlebe ich manchmal großen Widerstand gegen die Begegnung mit den eigenen biografischen (Schatten-)Seiten. Dieser Widerstand ist oft auch mit Angst verbunden.

In der Supervision möchte ich der Angst behutsam begegnen, denn Angst hat eine wichtige Schutzfunktion. Viele Menschen wissen sehr genau, was für sie gut ist und schützen sich, um Schmerzhaftes zu vermeiden. Das gilt es zu respektieren und daher den Ängsten mit viel Feingefühl auf die Spur zu kommen.

Dabei erlebe ich Menschen, die dann durchaus dankbar sind, wenn sie begleitet auch mal hinter ihre Fassade schauen können. Dann kann vielleicht auch wieder etwas heil werden, dann lösen sich vielleicht Ängste und die Supervisand*innen können befreiter die nächsten Schritte in ihrer Arbeit gehen.

Wie ist es möglich, dass sich im Beratungsprozess Angst in Hoffnung verwandelt? Was ist dazu nötig?
Aus dem vorhin Gesagten meine ich, dass die Begegnung mit der Angst immer ein doppeldeutiges „Geschäft“ ist – Angst vor zu viel „Arbeit an der eigenen Person“ und gleichzeitig der Mut, die Ängste der eigenen Person anzuschauen und gegebenenfalls zu bearbeiten.
Für den Beratungsprozess braucht es daher eine vertrauensvolle und stabile Beziehung von mir zu den Menschen, die ich begleite. Ein wertschätzender Rahmen und eine entspannte Atmosphäre sind sicherlich förderlich.
Wenn es uns gelingt, in der Supervision auch Ängste zur Sprache zu bringen, sie auszusprechen, sie zu bedenken und bearbeiten, dann denke ich, kann aus Angst Mut werden. Dann erlebe ich erleichterte und gestärkte Menschen. Und dann stellt sich Hoffnungsvolles ein. Die Seelsorger*innen sind mehr im Kontakt mit sich selbst. Sie kennen sich selbst besser und können so offener und authentischere Seelsorger*innen sein. Und vielleicht wandelt sich dann die Hoffnung der Seelsorger*innen in die Hoffnung bei den Ratsuchenden. Das würde ich jedenfalls allen Beteiligten wünschen. Und dann merken die Menschen hier in den Seelsorgekursen und in der Supervision, dass es gut ist sich mit seinen eigenen Gefühlen – nicht nur der Angst – zu beschäftigen.

Darf ich nochmal nachfragen? Wie kommt es denn dahin, dass jemand Mut findet, die eigenen Ängste anzuschauen und zu bearbeiten?
Ich glaube, die Teilnehmer*innen und Supervisand*innen müssen zunächst das Gefühl bekommen, dass es sich für sie lohnt, sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen. Vielleicht geht es hier vor allem um den Mehrwert der Seelsorgeausbildung, der meiner Ansicht darin besteht, zu merken: das wichtigste Handwerkszeug ist meine eigene Person. Und mit dieser Person, mit diesem Selbst, sollte ich gut im Kontakt sein. Ich sollte mich gut kennen als Seelsorgerin, um anderen Menschen hilfreich zu begegnen. Ähnliches erlebe ich mit Supervisanden, die auch aus anderen Kontexten kommen.
Wenn die Supervisandin oder der Kursteilnehmer also erfährt, das hilft mir, da löst sich etwas, wenn ich meinen Ängsten begegne, dann wandelt sich das oft in Hoffnung und Mut. Und gleichzeitig erlebe ich immer wieder, ob dieser Weg gelingt, bleibt auch ein Stück offen, unverfügbar, bleibt Geschenk.
Und das wiederum macht mir Hoffnung für meine Arbeit: Menschliche Entwicklung ist immer individuell, immer neu spannend und ich kann nur einen kleinen Teil dazu beitragen. Den Weg hin zur Hoffnung gehen die Kursteilnehmer*innen und Supervisanden selbst. Und wer weiß, was in einem Beratungsprozess noch alles passiert – zwischen Himmel und Erde – als wir auf den ersten Blick sehen. Deshalb bin ich gern Supervisorin mit pastoralpsychologischem Hintergrund, weil ich die geistliche Dimension meiner Arbeit sehr schätze und als entlastend wahrnehme. Ich sorge gern für den Rahmen, den wertschätzenden Umgang, eine gute und förderliche Gesprächsstruktur - den „Rest“ habe ich nicht in der Hand – und das ist gut so.

 

Yvette Schwarze ist Studienleiterin am Leipziger Institut für Seelsorge und Gemeindeaufbau und Supervisorin