Zur Friedensdekade

Ehrlicher machen (Gedanken zu Joh 14,27 von Anne Veit)

 

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Wir sollten uns ehrlich machen – so der Bundespräsident in seiner Rede zum Tag der Deutsche Einheit. Ehrlich im Blick auf Migration, Fluchtgründe und Zuwanderung. „Ehrlich machen“ sollte wohl heißen, hinter dem moralischen Gutmenschentum der grenzenlosen Willkommenskultur den besorgten Bürger zu entdecken. Ist das so? Wenn wir ehrlich sind, haben wir doch alle Angst um unsere Heimat und Sicherheit?

 

Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Tatsächlich scheint die Politik die Sorgen der Menschen entdeckt zu haben. Man kümmert sich. Es wird darüber gestritten, wer was kriegen und wer was abgeben muss. Wer Hilfe braucht und wer Hilfe kriegt. Was mein Problem ist und worum sich andere kümmern oder worum sich keiner kümmert. Das ist, wie die Welt gibt.

 

Es wird versprochen, dass Zuwanderung begrenzt wird, der öffentliche Raum videoüberwacht, dass wir nicht auf Wohlstand verzichten müssen, dass die klassische Familie gestärkt wird und die Leitkultur gefördert, dass zuerst dem eigenen Volk geholfen wird. Das ist, wie die Welt gibt.

 

Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Mein Wunsch nach Frieden und das, was die Welt als Antwort gibt: Was ich will, geht immer auf Kosten anderer. Verteilungskämpfe. Das Ziehen an einer Decke, die immer zu kurz scheint. Mehr für diese bedeutet weniger für jene. Mehr Möglichkeiten hier bedeutet Überforderung dort. Man verspricht mir, dass ich nicht zu kurz komme und dass ich meine Ruhe habe. Ist es das, was ich will?  Ist das meine ehrliche Sehnsucht? Hilft das gegen meine Angst?

 

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Ich glaube, „ehrlich machen“ reicht nicht. Ich muss mich noch ehrlicher machen. Eigentlicher. Frieden bedeutet eigentlich eben nicht einfach nur, dass ich persönlich meine Ruhe habe. Eigentlich habe ich ein tiefes Bedürfnis danach, mit Menschen zusammen leben zu können, ohne immer an der Decke zu ziehen. Ich habe Sehnsucht nach der Utopie; danach, dass für jede und jeden genug da ist; danach, dass es solidarisch geht. Hab ich bloß schon aufgegeben. Trau mich nicht mehr, das zu sagen. Hab mir abgewöhnt, das zu spüren. Ist zu utopisch und naiv. Jede/r zieht doch an der Decke.

 

Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Meine politischen Forderungen sind nicht das ehrlichste an mir, sie sind ein Kompromiss mit der Welt und dem, was ich für ihre Möglichkeiten halte. Wie so oft bringt mich Gottes Blick mir selbst näher: Das Brot des Lebens ist etwas anderes als das Abendbrot im engsten Familienkreis und das Licht der Welt ist etwas anderes als ein Energieverbraucher in meiner Stube. Der Friede Gottes fragt nach sehr viel mehr als nach meinem ruhigen Leben. Und doch fragt er nach mir – nur sehr viel ehrlicher. Er fragt nach dem Eigentlichen, nach dem, was in mir im tiefsten Sinne menschlich und göttlich ist. Nach dem, was Gott war, als er Mensch wurde. Das eigentlich und ehrlicher Menschliche ist Durst und Hunger nach einer Gerechtigkeit, die alle einschließt, nach dem Leben in Fülle für alle.

 

Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Tatsächlich und ehrlicher schafft mir jedes Geben der Welt, das meine oberflächlichen Forderungen befriedigt, doch nur immer mehr Unruhe, weil ich in der Tiefe das Unsolidarische darin spüre. Ich weiß, dass am anderen Ende jemand friert, wenn ich hier an der Decke ziehe. Und, ehrlicher gesagt, weiß ich, dass ich unruhig sein werde, solange auch nur ein Mensch auf der Welt friert oder hungert. Ehrlicher und eigentlicher Frieden ist ein Frieden für alle. Die Antwort der Welt ist nicht die Antwort auf meine eigentliche Sehnsucht. Sieger sein im Verteilungskampf, die Decke nach Europa, nach Deutschland, in mein Haus, in mein Bett zu ziehen – das entspricht nicht dem, was ich als Mensch ehrlicher will.

 

Ehrlicher ist es, den Wunsch nach solidarischem Leben nicht mit dem zuzuschütten, was die Welt gibt. Die Sehnsucht nach Gottes großem Frieden ist ehrlicher als die kleinliche Antwort der Welt. Ehrlicher ist es, die Angst auszuhalten, als den wahren Frieden aufzugeben.

 

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.