Die Ordnung, der Geist und die Frage nach den Türen

Marita Hausmann kommt immer zu spät. Sie kann nichts dafür. Es muss etwas mit ihren Genen zu tun haben. Sie kommt zu spät zum Sport, sie kommt zu spät zum Elternabend. Und natürlich kommt sie auch zu spät in den Gottesdienst. Neulich war es wieder so. Die Gemeinde war schon beim ersten Lied als die Kirchentür quietschte. Kein schlechter Moment übrigens, um zu spät zu kommen – das erste Lied.

Dachte sich Marita auch und huschte schnell in Reihe drei zu ihrer Freundin. Allerdings hatte sie vergessen, die Kirchentür wieder zu schließen. Solange noch gesungen wurde, blieb das unbemerkt. Aber als der Pfarrer die Stufen zum Altar emporstieg und sich umwandte, um den Psalm anzustimmen, sah er es. Und es irritierte ihn.

 

Die Gemeinde bemerkte die offene Tür erst während des Psalmgebets. Zuerst hörte sie nur, dass der Wind vernehmlich in der Linde rauschte, die seit Jahr und Tag vor der Kirche steht. Das ging ja noch. Aber dann setzte Kindergeschrei ein! „Danket dem Herrn“ sprach die Gemeinde eben als das Baby losbrüllte. Glücklicherweise währte das Schreien aber nur einen Augenblick lang. „Denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.“ fuhr die Gemeinde entsprechend dankbar fort. Doch war die Ruhe nur von kurzer Dauer. Denn vor der Kirche hatten sich zwei Frauen aus dem Dorf eingefunden und begannen, sich über die Legeleistung ihrer Hühner in der vergangenen Woche zu unterhalten.

Der Pfarrer hielt sich tapfer bis zum Ende des Psalm, dachte aber je länger je mehr: Kann nicht mal jemand die verdammte Tür zu machen?

 

Das Gloria Patri verlief wieder störungsarm, aber beim Kyrie passierte es dann. Der Krankenwagen fuhr vorbei und schaltete das Martinshorn an, genau beim „Herr erbarm dich über uns“. Beim Gloria fasste sich der Vorsitzende des Kirchenvorstands ein Herz, schlich zum Eingang und schloss die Tür.

 

Schade.

 

Denn das war doch wirklich einmal ein geistvoller Anfang.

Die Irritation der Anwesenden und eine gewisse Emotionalisierung des Geschehens sprechen jedenfalls dafür. Auch, dass etwas Unerwartetes geschah, etwas Ungeplantes.

Nichts Besseres kann der Liturgie passieren, als dass sie auf Alltag trifft, auf ganz normale Lebensgeräusche. Nichts Besseres kann passieren, als dass sich Kindergeschrei in den Psalm mischt und das Martinshorn beim Kyrie erklingt.

Ein geistvoller Anfang war das an diesem Sonntagmorgen in der Kirche.

 

Der Geist braucht Raum. So denke ich mir das. Wenn alles nach Plan verläuft oder strikt nach Ordnung, dann geht der Geist stiften. Aber wenn man ihn zulässt und nicht alles regelt oder zumindest nicht eingreift, wenn die Dinge anfangen aus dem Ruder zu laufen, dann nutzt er manchmal seine Chance, blitzt auf, ergreift Menschen, irritiert sie und stiftet heilige Momente.

 

So schon geschehen …

 

Einmal als der überaus fröhliche und laute Freddy in seinem Rollstuhl das Vater Unser laut und schnell juchzte und sich gar nicht um das Gebetstempo der Gemeinde scherte, die den Worten nur hinterhersehen konnte.

 

Als es den Kindern egal war, dass man in Sachsen erst ab der Grundschule, nach voriger Unterweisung und in Begleitung eines Erwachsenen am Abendmahl teilnehmen darf. Sie standen da im Altarraum und sperrten die Schnäbel auf, waren natürlich überhaupt nicht still und würdevoll, sondern hippelten und schwatzen. Kein Vater war in Sicht. Keine Mutter. Keine Patentante. Aber die anderen Erwachsenen lächelten und freuten sich an der Lebendigkeit, die auf einmal die Runde erfasste

 

Geschehen lassen, was geschehen soll. Unordnung wagen. In der Störung den Gottesgeist entdecken. Im Martinshorn das Kyrie. Im Kindergeschrei das Gotteslob. Kirche pfingstlich.

Kathrin Mette