Reden wir über Kirche und Demokratie

Diese Eingabemaske ist für unsere Gesprächsteilnehmer Bettina Westfeld und Friedhelm Zühlke gedacht. Aber auch wenn Sie als Besucherin oder Besucher unserer Website Kommentare und Fragen zum Gespräch haben, können Sie diese gern mittels der Eingabemaske an die Moderatorinnen übermitteln.

Kommentare: 3
  • #3

    Bettina Westfeld (Dienstag, 15 August 2017 09:29)

    Ich stimme Ihnen zu, dass wir bei all unserem Tun immer den Auftrag der Kirche im Blick haben müssen, dass Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu verkündigen. Daher sollte nach meinem Verständnis immer die Frage stehen, ob eine Entscheidung, die wir als Landessynode treffen dürfen und auch müssen, diesem Auftrag dient.
    Sie haben zur Frage Kirche und Demokratie ganz konkret die Strukturdebatte angesprochen und angenommen, dass es eine „Ohne-uns-über-uns-Entscheidung“ gewesen sei. Sie gehen davon aus, dass das Papier „Kirche mit Hoffnung in Sachsen“ im Herbst 2016 plötzlich und ohne Vorbereitung präsentiert wurde und Gemeindeglieder nicht einbezogen waren.
    Anders als bei zurückliegenden Strukturentscheidungen, z. B. des Zeitraums 2005 bis 2010, war die „Vertretung aller Kirchgemeinden“ (Landessynode) von Beginn an in die Überlegungen eingebunden. Durch eine Verfassungsänderung 2006 wurde das möglich. Nach meiner Überzeugung war das eine wichtige Stärkung der Demokratie innerhalb unserer Landeskirche, die heute die Möglichkeiten der Partizipation von Laien erweitert.
    Auf Bitten der Landessynode hat die Kirchenleitung, die mehrheitlich aus Landessynodalen besteht, 2011 eine Arbeitsgruppe (AG) eingesetzt, die die Berufsbilder im Verkündigungsdienst neu gefasst hat. Die AG hat Vertreter jeder Berufsgruppe angehört, auch übergreifend in großer Runde. Weiterhin gab es in Chemnitz 2013 einen die Landeskirche umfassenden Tag für Gemeindeglieder, auf welchem Engagierte vor Ort ihre Überlegungen zu dem Thema einbrachten. Der Abschlussbericht vom September 2014 berücksichtigt sowohl ehrenamtliche wie hauptamtliche Stellungnahmen.
    Diesen Abschlussbericht hat die Landessynode im Frühjahr 2015 öffentlich einen Tag lang kritisch hinterfragt. Die Erkenntnisse des Thementages wurden der Kirchenleitung übergeben und in der neuen Arbeitsgruppe gewürdigt, die schließlich das Papier „Kirche mit Hoffnung“ erarbeitete.
    Insbesondere die in die Landessynode gewählten Gemeindeglieder haben ihrem Verfassungsauftrag gemäß intensiv über die Strukturfragen nachgedacht und diskutiert. Daher kann ich einen Mangel an Beteiligung der Gemeinden im Entscheidungsprozess nicht erkennen.

  • #2

    Friedhelm Zühlke (Sonntag, 13 August 2017 21:16)

    Zunächst: Die Kirche ist keine Demokratie. Warum?
    1. Demokratie bedeutet „Herrschaft des Volkes“ – der „Herr der Kirche“ ist Jesus Christus.
    2. Das „solus Christus – allein Christus“ hat die Reformation wiederentdeckt und das „sola scriptura – allein die Schrift“. Das Grundsatzprogramm unserer Kirche sind die Heilige Schrift und die Lutherischen Bekenntnisse. Diese bestimmen und begrenzen unser Handeln, und über dieses Grundsatzprogramm können wir nicht abstimmen wie eine demokratische Partei.
    3. Stellen Sie sich vor, nicht wir Staatsbürger würden den Bundestag wählen, sondern nur die Stadt- und Gemeinderäte dürften 60 Abgeordnete wählen und dazu die Regierung noch 20 berufen. Das ist keine Demokratie – aber so entsteht unsere Landessynode, und dagegen ist nichts einzuwenden.
    4. Der Kirchgemeinde fehlt ein ganz entscheidendes demokratisches Recht. Sie kann nicht im Wege der „abstrakten Normenkontrolle“ bei einem Verfassungsgericht Regelungen der kirchenleitenden Gremien überprüfen lassen. Dies geht nur „inzident“, wenn ein solcher Fall eingetreten ist. Was passiert, wenn dieser Fall die Abschaffung des Klägers, also des Kirchenvorstands ist?

    Unsere Kirche hat also demokratische Elemente, ist aber weder ihres Wesens noch der Form nach eine Demokratie. Daraus folgt:
    5. Die Kirche muß in allen Fragen den „magnus consensus“ anstreben, die „große Übereinstimmung“. Diese große Übereinstimmung, am besten die Einmütigkeit, entspricht der gemeinsamen Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus. Ziel ist nicht, durch Politik und Kalkül eine Mehrheit zu bekommen, sondern gemeinsam Wege zu finden, was ein ehrliches Ringen, durchaus auch heftigen Streit und die Versöhnung einschließt.
    Die Kirche muß also auf die hohe Qualität ihrer Entscheidungsprozesse achten. Diese müssen nicht nur förmlich korrekt sein sondern auch gleichzeitig fair gegenüber den Betroffenen.

    Konkret: Unsere Landeskirche hat ja in den letzten Jahren einige Diskussionen hinter sich. Ich erinnere an die Einführung der zentralen Kassenverwaltung, das Kinderabendmahl und die Diskussion zum Schrift- und Kirchenverständnis. Der Frage der Kassenstellen endete in einem 8(!) Jahre langen Rechtsstreit. Die Frage des Abendmahls mit Kindern wurde vorbildlich in Form und Inhalt besprochen, und alle können gut mit dem Ergebnis leben. Die Auseinandersetzungen um Schrift- und Kirchenverständnis waren sehr heftig, aber am Ende hat unsere Kirche etwas Wichtiges gelernt hat: Es ist in Zukunft entscheidend, „zeitig einen offenen Diskurs zu führen“, also bevor Beschlüsse gefaßt sind (27. Landessynode, Drucksache 42).

    An dieser Stelle bin ich echt entsetzt. Die Kirchenleitung wußte doch, daß die Gemeinden nicht einfach ihre Selbständigkeit aufgeben. Schon gegen die Kassenverwaltungen hatten in einer ersten Runde 143 Gemeinden geklagt, und die sollten das jetzt akzeptieren? Nach den letzten Auseinandersetzungen war auch klar, daß alle Engagierten genau aufpassen, was „aus Dresden“ als nächstes kommt. Kirchenleitung und Landeskirchenamt hatten viel Erfahrung aus unterschiedlichen Diskussionsprozessen, und die Landessynode wollte in wichtigen Fragen frühzeitige offene Gespräche.

    Liebe Frau Westfeld, deswegen möchte ich Sie ganz konkret fragen: Warum hat Ihre Arbeitsgruppe nicht von sich aus einen Gesprächsprozeß zum Thema „Gemeindeentwicklung in der Zukunft“ angestoßen? Sie hatten doch eine gute Analyse und Ideen für eine Lösung. Warum mußte es eine „Ohne-uns-über-uns-Entscheidung“ sein?

  • #1

    frei&fromm (Sonntag, 13 August 2017 19:54)

    Wie steht es um die Demokratie in unserer Sächsischen Kirche? Diese Frage bewegt die Gemüter im Moment vor allem mit Blick auf die anstehende Strukturreform. Wenn wir Sie richtig verstehen, lieber Herr Zühlke, sind Sie der Auffassung, dass der entsprechende Entscheidungsprozess nicht ganz fair gelaufen ist bzw. nicht nach den Regeln der Demokratie. Sehen Sie das in der Struktur unserer Sächsischen Landeskirche begründet?