Vor uns die Sintflut. Die christliche Gemeinde in, mit und unter der Gesellschaft

„Ich habe derzeit nicht den Eindruck, dass die sächsische Landeskirche als eine gestalterische Kraft

unserer Gesellschaft auftreten möchte.“ So schätzt es Christian Wolff, der ehemalige Pfarrer der

Leipziger Thomaskirche, in einem Interview zur Kohlepolitik ein (Der Sonntag, 5.8.2018). Diese

Erfahrung ist wohl auch in anderen Kirchen zu machen – ungeachtet der zahlreichen

Verlautbarungen, Stellungnahmen und Projekte, die meist nur begrenzt wirksam werden. Es

scheinen vor allem drei Hinderungsgründe zu sein, die den Gestaltungswillen bremsen:

1. „Das ist nicht unsere Aufgabe“

Meist wird kirchenintern der Vorrang von geistlicher Arbeit, von Verkündigung und Seelsorge betont.

Doch wie glaubwürdig kann eine christliche Verkündigung sein, die das prophetische Amt der Kirche leugnet – und damit wesentliche biblische Aussagen ausklammert –, die schweigt, wenn Schwestern und Brüder aus der weltweiten Ökumene ungerechte Strukturen beklagen, wenn

menschenfeindliche Parolen in der Gemeinde laut werden, und die es hinnimmt, dass Kirchen

weggebaggert, Tiere gequält und lebensfeindliche Arbeitsplätze als zukunftsfähig dargestellt

werden? Der Ruf zur Nachfolge bedeutet Umkehr, das Hinterfragen bisheriger Gewohnheiten – auch

praktisch. Das Reich Gottes umfasst nicht nur geistige Sphären, sondern wirkt im besten Sinne

ganzheitlich. Seelsorge und Klimaschutz, diakonisches Handeln und politisches Mitgestalten, Mission

und fair-ökologischer Einkauf lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Zuspruch gibt es nicht

ohne Anspruch.

 

2. „Es gibt zurzeit Wichtigeres“

Zum Beispiel Strukturdebatten – welch eine frohe Botschaft! Nicht nur, dass es (mindestens) schon

seit Jahrzehnten um Strukturveränderungen geht – was genauso lange auch beklagt wird –, es

entsteht gelegentlich der Eindruck, dass sich diese Diskussionen trefflich als Begründung eignen, um

sich mit nichts anderem befassen zu müssen. Die Wichtigkeit funktionsfähiger und nachvollziehbarer

Strukturen ist unbestritten, doch sind mit deren Erarbeitung ständig sämtliche Glieder einer

Kirchgemeinde befasst? Liegt die Begabung tausender Christen allein in der Prozentrechnung und

der Erstellung von Organigrammen? Der biblische Befund zeigt ganz verschiedene Gaben und

Aufgaben – ohne eine Bewertung, was mehr oder weniger wichtig ist. Der Schutz der

Lebensgrundlagen ist für uns alle jedenfalls existenziell bedeutsam.

 

3. „Da gibt es schon eine Projektstelle“

Es ist also jemand da, der sich kümmert? Befristet, Teilzeit? Als „die Kirche“? Eine bequeme

Möglichkeit, eigene Verantwortung loszuwerden. Als könnten Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der

Schöpfung Themen und „Bearbeitungsgegenstand“ nur einzelner Personen sein.

Ganz anders als die binnenkirchliche Sichtweise stellt sich die Betrachtung von außen dar. „Die

Kirche“ wird von vielen Seiten als große Organisation in der Gesellschaft wahrgenommen, der

einerseits eine ethische Urteilsfähigkeit und entsprechend positive Einflussnahme zugetraut werden, von der andererseits jedoch auch eine enorme Vorbildwirkung erwartet wird.

Gesamtgesellschaftliche Herausforderungen wie der Klimawandel oder ungerechte

Handelsstrukturen machen nicht an Kirchentüren halt, sondern erfordern engagiertes Handeln –

nicht nur von extra „Beauftragten“.

 

Prof. Dr. Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung schrieb 2016 zum

Klimavertrag von Paris und der sich daraus ergebenden Rolle der Kirchen: „Die Kirche kann sich in

drei Funktionen für eine starke Umsetzung von Klimaschutz einsetzen: Erstens als große

Organisation, die selbst Gebäude und Fahrzeuge betreibt. Zweitens als große gesellschaftliche

Akteurin, welche der Politik den Mut stärken kann, sich aus den Machtstrukturen der bestehenden

Energiewirtschaft zu lösen. Und drittens kann und sollte die Kirche als eben diese sprechen:

theologisch. Der Schutz der Erde und des Lebens, neue Chancen für Mitmenschen und die Lösung

der Weltprobleme sind mehr als eine Frage ökonomischer Opportunität. Sie sind auch Fragen an uns selbst, unsere Position und Rolle in der Welt. Das Christentum kann sich um Antworten um diese

Fragen nicht mit allgemeinen christlichen Fürsorge- und Behutsamkeitsformulierungen herumwinden. Es braucht eine starke Theologie der Zuständigkeit.“

Bezeichnenderweise trägt dieser Artikel den Titel „Das Vertagen und Wegsehen ist zu Ende“. Zwei

Jahre später gilt das mehr denn je. Doch nicht genug, dass wir unsere eigenen Hausaufgaben –

„oikos“! – erledigen müssen. Wenn wir die international verbindlich vereinbarten Klimaziele erreichen

wollen, müssen sich wesentliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen ändern. Zehn, zwanzig

Prozent Energieeinsparung sind etwas anderes als eine vollständige Abkehr von fossilen Energieträgern in allen Sektoren, also Elektroenergie, Verkehr und Wärme, für die auch unpopuläre politische Entscheidungen erforderlich sind. Hierzu werden die Kirchen – deren Glieder die Bevölkerungsmehrheit darstellen – mindestens als unterstützende Partnerinnen gebraucht.

Bei all dem ist zu betonen, dass es bei diesen Aktivitäten auch um Gemeindeaufbau geht. Neue

Zielgruppen können erschlossen werden, mehr Menschen können sich aktiv einbringen, haupt- und

ehrenamtlich Mitarbeitende kooperieren. Jesu Auftrag „Gehet hin!“ ermutigt zum Betreten neuer Räume. Kirche ist beides – Leib Christi und Körperschaft öffentlichen Rechts. Beides hat seine spezifischen Aufgaben und Methoden.

Die Kirche als gesellschaftliche Akteurin – das bedeutet beispielsweise: Bund und Länder haben Klimaziele beschlossen, die EKD bittet ihre Gliedkirchen um entsprechende Maßnahmen, und die neuen Mitteilungen des IPCC zeigen die Verletzlichkeit unserer Erde sehr deutlich. Für unsere Kirchen stellt sich nun nicht die Frage, ob, sondern wie sie sich dazu positionieren, wie und wo sie aktiv werden. Bloße Absichtserklärungen, Bitten und Stellungnahmen reichen nicht mehr aus.

Kirchliches Handeln ist nötig.

Die Zeit drängt.

 

Heiko Reinhold

ehemaliger Umweltbeauftragter der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

heiko.reinhold@evlks.de


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