Zur Petition: Nächstenliebe verlangt Klarheit

Auf alle Reaktionen im Zusammenhang mit der Petition "Nächstenliebe verlangt Klarheit" möchte ich versuchen, meine Motivation zu erklären. Das ist kein Versuch einer Rechtfertigung, sondern eine Erklärung - denn ich stehe zu dem, was wir gemacht haben.

 

Zur Zeit erleben wir in Deutschland eine Refaschistisiserung in Politik und Gesellschaft. Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus auf den Straßen und in den Parlamenten und Talkshows werden wieder normal.

Jüdinnen und Juden und Menschen mit Mirgrationsbiografien haben wieder Angst in Deutschland - und zwar berechtigterweise.

 

In dieser Situation schweige ich nicht. Es gibt einen Imperativ aus unserer Geschichte - Nie wieder Faschismus!

 

Und auf dem Hintergrund auch unserer christlichen Geschichte erwarte ich auch von meiner Kirche und vom Repräsentanten dieser Kirche, dass sie ihre Stimme erheben, wenn gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wieder durch eine politische Partei propagiert wird und auch schon Folgen zeigt.

 

Genau das habe ich von Herrn Dr. Rentzing gefordert - Klarheit im Blick auf seine Biografie und gegenüber der AfD. Das war Anlass und Motivation für mich, die Petition “Nächstenliebe verlangt Klarheit“ zu starten.

 

Dass die Petition an seinem Geburtstag online ging, war Zufall - ich wusste nicht, dass Dr. Rentzing an diesem Tag Geburtstag hatte. Hätte ich es gewusst, hätte ich gewartet.

 

Der Petition gingen nichtöffentliche Bemühungen voraus, in diesen Fragen eine Klärung zu erlangen. Diese Klärung ist nicht erfolgt. Und als Folge haben wir unsere Petition öffentlich gemacht.

In der Folge dieser öffentlichen Forderung passierte etwas, womit wir nicht gerechnet hatten - es kam eine Wahrheit ans Licht. Herr Dr. Rentzing war viel tiefer im Rechtsnationalismus verankert, als wir es geahnt hatten. Und er hat darüber die Unwahrheit gesagt - zuletzt in einem Interview mit der Leipziger Internetzeitung. Aus diesem Grund ist nach meiner Meinung der Rücktritt auch unausweichlich gewesen. Wäre er von Anfang an offen damit umgegangen, wären die Texte kein Grund gewesen. Die Petition war es ohnehin nicht.

 

Dass er noch immer mit Protagonist*innen aus dieser Zeit befreundet ist, macht die Angelegenheit in meinen Augen immer noch problematisch. Das betrifft vor allem die Freundschaft mit dem Leiter der Bibliothek des Konservativismus. Denn auch da war nicht der Vortrag allein das Problem, sondern die Nähe zu dem Leiter dieser Einrichtung. Und diese Bibliothek gehört in ein Netzwerk rechtsnationalistischer Gruppen. Hier wäre eine Klärung der Begriffe wichtig.

Also noch einmal: Meine Intention und meine Motivation sind ganz einfach: Nein zu Nazis; nein zur AfD - laut, deutlich und klar. Dieses Nein ist ein historischer Auftrag an uns als Kirche Jesu über alle Frömmigkeitsvorstellungen hinweg, insbesondere aufgrund unserer Schuldgeschichte als “deutsche Christ*innen“.

 

Dass unsere Petition eine Dynamik bekommt, habe ich geahnt und auch gewollt. Das jedoch, was dann passieren würde, hat uns alle überrascht und auch erschreckt.

Das aber hat sich Herr Dr. Rentzing zuzuschreiben. Denn es war nicht die Petition und es waren auch nicht die Texte alleine, sondern sein Umgang mit seiner Vergangenheit. Er hatte keinen klaren und für Außenstehende nachvollziehbaren Schnitt zu dieser Vergangenheit gezogen.

Aber: Er hat daraus die Konsequenzen gezogen - und damit Verantwortung übernommen. Es wäre schön, wenn seine Anhänger*innen das würdigen würden.

Und noch einmal: Es ist unerträglich, dass am 09. November Nazis auf den Straßen Deutschlands demonstrieren und in den Parlamenten Leute sitzen, die offen rassistisch, nationalistisch und antisemitisch agieren.

 

Dazu gibt es nur ein klares Nein - oder wir machen uns mitschuldig an dem, was schon - gerade jetzt - passiert und passieren kann und wird, wenn und weil wir schweigen.

 

Frank Martin



Kommentare: 124
  • #124

    Juliane Keitel (Sonntag, 15 Dezember 2019 03:16)

    Und noch zur Frage, wem unsere Solidarität gilt. Sie gilt ja wohl all jenen, die leiden und nicht privilegiert sind. Und denen, die sich für diese einsetzen.
    Ich frage mich, Herr Flessing, warum Sie sich das überhaupt fragen und welche Antwort Sie sich erhofft haben.

  • #123

    Juliane Keitel (Sonntag, 15 Dezember 2019 03:07)

    Ein sehr guter Tucholsky-Text, vielen Dank dafür, Sascha Wildenhain. Der tut gut.

    Gewalt gegen Menschen ist nie zu rechtfertigen. Ich bin dankbar, dass wir in einem Rechststaat leben, in dem die Polizei dafür sorgt, dass i.d.R. friedlich demonstriert werden kann. Polizistinnen und Polizisten sollten stets diejenigen sein, die jeglichen Formen von Gewalt widerstehen und entgegenwirken können, selbst wenn sie selbst verbal beleidigt oder tätlich angegriffen werden. Das muss man von professionellen Beamtinnen und Beamten erwarten können. Ein verantwortungsvoller, schwerer Job, dem nicht immer alle gerecht werden, seien es einzelne Polizisten, seien es mehrere, seien es die Vorgesetzten.
    Frank Martin wies zu Recht darauf hin, dass es Menschen in unserem Land gibt, die leider auch ganz andere Erfahrungen mit der Polizei machen, für die wir auch als Kirche da sein müssen. Ich weiß nicht, lieber Herr Flessing, ob Sie von solchen Geschichten nicht auch schon einmal gehört haben: Frauen, die sich bei der Anzeige nach einer Vergewaltigung auf einer Polizeiwache peinliche Fragen gefallen lassen oder Witze anhören müssen; Menschen mit dunkler Hautfarbe und schlechten Deutschkenntnissen, denen nicht geglaubt wird, dass sie bestohlen wurden; Verkehrskontrollen, bei denen Menschen hektisch/panisch werden und von der Polizei geschlagen werden; Obdachlose oder Flüchtlinge, die auf Polizeiwachen festgehalten werden und dort Gewalt erfahren... Und: sofern es zu Anklagen kommt, halten die Kolleginnen und Kollegen samt Vorgesetzten oft zusammen und versuchen, die Öffentlichkeit zu täuschen. Altbekannte Muster. Insofern ist es gut und richtig, dass es Demonstrationen wie die am 13.12. in Leipzig gibt.

    Es ist so wichtig, Nein zu jeglicher Gewalt zu sagen. Und es ist genauso wichtig, differenziert hinzuschauen und zu urteilen. Diese Doku hier finde ich sehr erhellend: https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/exclusiv-im-ersten-staatsgewalt-video-100.html

  • #122

    Sascha Wildenhain (Samstag, 14 Dezember 2019 22:47)

    Sehr geehrter Herr Flessing,
    ich verstehe Ihre Schmerzen. Ich möchte einen Link mitteilen, der auf einen Text von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1929 "Heimat" führt:
    https://www.textlog.de/tucholsky-heimat.html
    Einen gesegneten 3. Advent.
    Sascha Wildenhain

  • #121

    Gert Flessing (Samstag, 14 Dezember 2019 19:56)

    "Bei einer Demonstration in Leipzig-Connewitz am Freitagabend sind fünf Polizisten verletzt worden. Wie die Polizei mitteilte, haben rund 550 Menschen an einer Veranstaltung der "Initiative gegen Polizeigewalt und Willkür" teilgenommen, die unter dem Motto "Gegen Gentrifizierung, Bullen & Faschismus" stattfand. Die Demoteilnehmer sollen Böller und Steine geworfen haben, wodurch zudem ein Polizeiauto beschädigt wurde. Insgesamt wurden vier Straftaten begangen: drei Körperverletzungsdelikte und eine Sachbeschädigung." (mdr Sachsen 14.12.2019)

    Frank Martin #73: "Manche erleben den Staat und das Staatsvolk anders. Und da gilt meine Solidarität.
    Nicht die Regierung hat das Gewaltmonopol, sondern der Staat. Das ist ein nicht unwesentlicher Unterschied - die Regierung missbraucht das Gewaltmonopol mitunter nämlich. Und die Organe des Gewaltmonopols auch - siehe Polizeigewalt."

    Wem gilt denn nun unsere Solidarität? Wer Polizisten als Bullen bezeichnet und sie in einem Satz mit Nazis benennt, wird meine Solidarität NICHT haben. Wir sind hier nicht irgendwo in Lateinamerika, wo ein korruptes Regime, mit Polizeigewalt gegen friedliche Leute vorgeht.
    Gert Flessing

  • #120

    Gert Flessing (Montag, 09 Dezember 2019 19:58)

    Dabei fiel - kommt von fallen, nicht von Menge. Sorry.
    Gert Flessing

  • #119

    Gert Flessing (Montag, 09 Dezember 2019 16:58)

    Lieber Herr Wildenhain,
    ich bin gerade dabei, einen Adventsfrauendienst vorzubereiten. Da viel mir ein Gedicht auf den Bildschirm, das ich vor sehr vielen Jahren geschrieben habe. Damals ging es, auch in unserer Gemeinde, um Jugendliche, die nicht konform waren. Ma war schnell dabei, zu urteilen. In gewisser Weise ist es, so denke ich, durchaus noch aktuell:
    Heiliger Abend – heilige Nacht
    Geboren in einem Abbruchhaus. Maria gerad fünfzehn Jahr. Vielleicht sieht heut so der Erlöser aus, ein Knabe im lockigen Haar.
    Geboren in Armut, geboren in Not, geboren im Elendstal. War es nicht einstmals genau so gewesen, in Betlehem, im Stall?
    Doch über dem Stall erstrahlte ein Stern inmitten der dunklen Nacht. Gott hat zu denen, die verloren und klein, seine ganze Liebe gebracht.
    Als Kind in der Krippe am Rande der Welt hat er sich zu erkennen gegeben. Er wollte ganz einfach bei uns sein und hilft uns einfach zu leben.
    Es zählen nicht Reichtum, nicht Macht und nicht Geld. Es zählt nur der Liebe Licht. Das sagt dieses Kind der Heiligen Nacht. Mensch, vergiss das ja nicht.
    Geboren in einem Abbruchhaus. Ihr Lieben, was wissen wir schon! Wo immer sich Hoffnung mit Liebe vermählt, sieht der glaubende Mensch Gottes Sohn.

    einen schönen Abend.
    Gert Flessing

  • #118

    Sascha Wildenhain (Montag, 09 Dezember 2019 11:18)

    Lieber Herr Flessing,
    vielen Dank für ihre Gedanken. Es gibt nicht wirklich Dissens zwischen uns.
    "Hören wir, als Kirche wirklich zu?"
    Ja, ich denke schon. Warum legen leidgeplagte Mütter ihren Säugling, mit dem sie sich überfordert fühlen, auf den Treppenstufen eines Kirchgebäudes ab? Genau, weil sie Vertrauen haben. Weil sie ganz tief im inneren fühlen: Hier ist etwas Gutes, hier kümmert "man" sich. Und so ist es ja auch. Meine Kirche ist mir momentan zu ruhig. Wir befinden uns auf dem "Markt der Religionen".
    Mein Gott, wir reden hier über die Liebe, die sich für uns alle hat ans Kreuz schlagen lassen. Ich freue mich darüber, dass sie z.B. der Homosexuellenfeindlichkeit entgegen treten. Wir haben aber noch sehr viel Potenzial nach oben hin! Es ist offensichtlich und liegt klar zutage, dass wir in die Irre rennen, indem wir ein gigantisches Volumen an Dingen produzieren, die kein Mensch braucht und damit einhergehend unseren Planeten ramponieren. Ja, ich weiß, über Greta wird sich mittlerweile lächerlich gemacht und sie wird benutzt und missbraucht, das war vorhersehbar. Aber ihr Grundanliegen ist richtig und ich teile die Meinung von Frau Göring- Eckardt, dass Greta Tunberg uns Ansage macht, dass wir verkehrt unterwegs sind.
    Ich wurde in AT nachgeprüft, über den ältesten Propheten, Amos:
    "Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."
    Die Theologen wissen, in welchem Kontext diese Worte festgehalten sind.
    Gibt es Parallelen in unsere heutige Zeit? Ich denke schon.
    Herzlicher Gruß!
    Sascha Wildenhain

  • #117

    Gert Flessing (Montag, 09 Dezember 2019 10:21)

    Lieber Herr Wildenhain,
    wenn Nächstenliebe Klarheit verlangt, dann gehört dazu, das wir uns erst einmal Klarheit über uns selbst, unsere Haltung und Stellung in und zu der Gesellschaft, schaffen müssen.
    Seit Jahren rede ich (virtuell) mit einem Menschen, der innerhalb der Kirche seien Dienst mit frommem Eifer getan hat, auch in der Jugendarbeit. Er hasst schwule Menschen, weil er meint, sie seien Gott ein Greul. Ich lasse es jetzt, die Texte zu bringen, aus denen er es, alttestamentlich, als auch bei Paulus, ableitet. Er kann/will nicht glauben, das Gott Menschen "so" geschaffen haben soll und das er sich auch in der Liebe dieser Menschen widerspiegelt.
    Er richtet über diese Menschen und, so denke ich, damit auch über Gott.
    Ich teile seine Ansicht nicht. Dennoch reden wir miteinander.
    Dort draußen, z.B. in Dresden, gibt es Menschen, die zusammenkommen, um das, was sie unter "Abendland" verstehen, vor dem, was es , ihrer Meinung nach, gefährdet, zu schützen. Sie werden befeuert von Männern und Frauen, die Hass schüren. Nicht nur gegen "Andersliebende", auch gegen "den Islam", gegen farbige Menschen, gegen Politiker, die ihnen nicht genug gegen das tun, was sie ablehnen.
    Jene, die sie aufstacheln und Hass befeuern, wärmen sich am Geschrei der Menge. Sie ziehen daraus ihre Existenzberechtigung.
    Dennoch ist es eine Minderheit, die da zusammen kommt. Würden wir nicht das haben, was man so schön "soziales Netzwerk" nennt, würde von diesen Menschen keine Gefahr ausgehen. Es wären lokale Ereignisse, die wohl auch nur die lokalen Medien zur Kenntnis nehmen würden.
    Mir der Menge kann man nicht reden, nur zu ihr. Nehme ich einzelne Individuen heraus, dann relativiert sich das, was sie eben noch hochgepeitscht hat, recht schnell. "Aber Herr Bachmann sagte doch..." "Hat er denn wirklich Recht?" "Ich weiß nicht."
    Sie folgen jemandem, obwohl sie nicht wirklich wissen, ob das, was gesagt wurde, stimmt. Sie folgen, weil es die anderen auch tun.
    Der Hass im "Volk" gilt im Grunde nicht den Ausländern oder anderen Kleingruppen. Er gilt wohl eher sich selbst und dem Unvermögen, sich so zu artikulieren, das es dort gehört wird, wo Entscheidungen getroffen werden.
    Schon in der DDR habe ich immer wieder, in der CDU, darauf gedrungen, nicht nur das C nicht zu vergessen, sondern die Menschen zu hören, ihnen zuzuhören. Damals hieß es oft: "Wir haben ja nicht wirklich Einfluss."
    Auch heute gibt es genügend ausreden, wenn ich mit Abgeordneten spreche.
    Hören wir, als Kirche wirklich zu?
    Eine schöne Woche.
    Gert Flessing

  • #116

    Sascha Wildenhain (Sonntag, 08 Dezember 2019 15:57)

    Guten Abend allerseits,
    ich möchte mal versuchen, in wenigen Sätzen klar werden zu lassen, worum es mir eigentlich geht. Die Überschrift über diesem Forumsteil hier lautet "Nächstenliebe verlangt Klarheit". Besser und treffender geht es eigentlich nicht. Seit Jahren schreien und geifern nun die Menschen bei Pegida in Dresden und den ganzen "-idas" jeden Montag ihren Hass heraus. Das ist kein normaler gesellschaftlicher Zustand mehr, lieber Herr Flessing. (Ja, ich weiß, es ist im Grunde unmöglich, das Wort "normal" zu definieren). Hier habe ich schon den Eindruck, dass wir von einer politischen Aufgeheiztheit sprechen dürfen. Damit einhergehend die Etablierung und die beachtlichen Wahlerfolge der AfD. Das kann einen politisch interessierten Menschen nicht ruhig bleiben lassen. Wenn die Masse dumpf bleibt, dann ist das bedauerlich, aber leider Realität. "Dumpf trabt die Masse, scheucht sie nicht!", dieses Zitat wird Gottfried Benn zugeschrieben. Hier werden von Rechtsextremisten Menschen ermordet. Muss ich noch mehr sagen? Und dann der exorbitante Hass im Volk, der sich die Bahn bricht. Herr Guse kann das von mir aus noch so oft wiederholen, wie er will und vielleicht wird es ja so kommen, dass diese "Partei" irgendwann mal wählbar wird. Für mich sind und bleiben es HASSVERBREITER. Für die anleitungsbedürftigen Gemeindeglieder empfehle ich immer wieder die Seite von Harald Lamprecht, dem Sektenbeauftragten unserer Landeskirche:https://www.confessio.de/
    Die Botschaft ist eindeutig: die größte Gefahr für unsere fragile freiheitliche Demokratie kommt von rechts. Punkt.
    Der Psychiater H.J. Maaz hat es zwar richtig benannt, daß die "Omegas" in der Gesellschaft, also die, die laut und unappetitlich penetrant sind und die Aufmerksamkeit der übrigen auf sich ziehen, gehört und verstanden werden müssen, leider hat er sich aber zum Teil von ihnen selber einfangen lassen.
    Die Projektionsfläche des Hasses sind andere Menschen, Flüchtlinge, Ausländer, Andersfarbige, Andersliebende, Andersdenkende und und und.
    Das eigentliche Problem sind die jeweils vorhandenen Schmerzen im einzelnen Menschen, der Hass geifert. Wer soll sie lindern? Das kann er nur selbst angehen, der jeweils einzelne Mensch. Er hat die freie Auswahl: Gehe ich heute wieder zur Pegida- "Demo" oder laufe ich 2 Stunden eher los zu meinem Hausarzt und rede mit ihm mal über Psychotherapie.
    Einen gesegneten 2. Advent!
    Sascha Wildenhain

  • #115

    Gert Flessing (Sonntag, 08 Dezember 2019 10:58)

    Lieber Herr Wildenhain,
    seit ich in der achten Klasse war, muss sich doch einiges geändert haben. Mich fragte niemand, ob ich dienen möchte. Gemustert wurde mit 18.
    Was mich geprägt hat, vor allem in meiner Beziehung zum System, war der 13. August 1961. Zwei Tage zuvor war ich von meinem Ferienaufenthalt bei den Verwandten in Westberlin zurück gekommen. Nach dem 13. wusste ich, dass es wohl das letzte Mal gewesen sein dürfte. Dazu kam, das wir ja, am Schuljahresbeginn, den obligatorischen Aufsatz zum schönsten Ferienerlebnis schreiben durften. Ich beschrieb meinen Besuch im Zoo. Dabei erwähnte ich auch, dass ich dort einen Seeelefanten gesehen hatte. Meine Lehrerin schrieb darunter: "Es gibt keine Seeelefanten." Sie gab in den oberen Klassen Bio.
    Wesentliche Teile meines Allgemeinwissens habe ich mir jenseits der Schule, in Büchereien und in der umfangreichen Bibliothek unseres Pfarrers erarbeitet.
    Das System lügt. Eine der Erfahrungen, die ich machte und verinnerlichte.
    Das System lässt sich belügen. eine weitere Erfahrung, die nicht unwichtig wurde.
    Das Lied von Wenzel&Mensching mag prophetisch sein. Es klingt entsetzlich und ich hoffe, wir schaffen es, das Problem, das darin liegt, das Menschen zu uns kommen, durch echte Integration, zu lösen.
    Menschen kamen schon immer. Ich erwähnte irgendwo unten, glaube ich, die Hugenotten. Friedrich II hat, gleich neben Potsdam, den Ort Nowawes. für die Exilanten aus Böhmen gebaut. All diese Menschen wurden Teil der Bevölkerung. Das kann auch heute funktionieren. Ein Freud eines meiner Söhne, er ist bei der Bundespolizei und ich habe schon manchmal einiges gehört, was nicht in Medien steht, ist mit einer Ägypterin verheiratet. Sie haben ein Kind. Sie ist Diplomarchitektin. Die junge Frau ist nicht nur hübsch und klug, sie ist preußisch exakt. Für sie zählt, wenn man hier leben will, das Erlernen der Sprache und darüber hinaus, Fleiß, Disziplin, Pünktlichkeit und der Wille, sich einzufügen. Sie hat es geschafft und wird allgemein akzeptiert.
    Wenn ich meinen Freund Jerry denke, der aus Mozambique ist und eine sehr schöne Bar in Leipzig betreibt, dann kann ich nur sagen, es geht. Ein Freund von ihm wiederum managt ein gutes Restaurant hier, wo ich jetzt lebe.
    Ein anderer Mosambikaner ist Lehrer am freien Gymnasium in Waldenburg.
    Natürlich gibt es auch jene Geschichten, die anders sind. Doch um die sollte sich unsere Justiz kümmern. Dazu haben wir ein Rechtssystem.
    Das kann unser "Staatsvolk", so denke ich, erwarten.
    Als Kirche, auch in meiner ehemaligen Kirchgemeinde, haben wir viel dafür getan, das die Menschen, die hier sind, sich integrieren können, das sie wissen, wo sie hin können, wenn es um Formulare und Bürokratie geht, wo sie hin können, damit ihre Kinder andere Kinder treffen …
    Da stand auch nie jemand grinsend mit einem scharfen Küchengerät. Die Menschen waren für die Hilfe dankbar.
    Es lohnt sich, Hoffnung zu haben.
    Einen gesegneten 2. Advent.
    Gert Flessing

  • #114

    Sascha Wildenhain (Samstag, 07 Dezember 2019 23:34)

    Ich bleibe bei meiner Kritik an Uwe Steimle.
    Mit einer Einschränkung:
    In diesem Beitrag hier:
    https://www.youtube.com/watch?v=MjL6UIRLrGI
    erfährt man etwas über ihn und sein Leben.
    Sein Vater hat sich umgebracht. Das bewegt mich und ich denke, dass hat auch eine Bedeutung in Bezug auf Entwicklungen...
    Einen schönen Abend.
    Sascha Wildenhain

  • #113

    Sascha Wildenhain (Samstag, 07 Dezember 2019)

    Nachtrag:
    Es gab in der DDR ein unerhört kreatives und wunderbares Künstlerduo, "Wenzel & Mensching". Im Jahre 1992(!) veröffentlichten sie ein Album, auf dem ein Lied existiert, das heißt: "Sie werden kommen".
    Das erleben wir jetzt. Für mich war und ist das Prophetie:
    (Text: Steffen Mensching & Hans-Eckardt Wenzel/ Musik: Hans-Eckardt Wenzel
    aus dem Album: \"Der Abschied Der Matrosen Vom Kommunismus\")

    Sie werden kommen, der Tag ist nicht fern
    Aus den verwahrlosten Städten
    Und reißen uns nachts, in London und Bern
    Aus den Schlaraffiabetten.
    Wir werden erwachen, wie immer zu spät,
    Wenn sie in der Türfüllung stehen,
    Um erbleichend das schärfste Küchengerät
    In ihren Händen zu sehen.

    Oh hay Oh hay
    Seemanns Braut ist die See
    Oh hay Oh Lay
    Sind wir erst einmal an Bord
    Oh hay Oh Lay
    Treibt uns die Sehnsucht fort

    Sie weisen uns stumm, die Rechnungen vor
    Für die Zeche, um die wir sie prellten
    Und schlafen vor unserm Garagentor
    In Deckenburgen und Zelten.
    Den Stuhl für sie vor die Türe gestellt,
    Den werden sie grinsend zerschlagen.
    Sie holen sich endlich das Brot für die Welt
    Ohne zu bitten, zu fragen.

    Oh lay Oh hay
    Seemanns Braut ist die See
    Oh lay Oh hay
    Sind wir erst einmal an Bord
    Oh lay Oh hay
    Treibt uns die Sehnsucht fort.

    Sie werden mit langen Stangen aus Stahl
    Die glänzenden Schränke zerhauen,
    Um für den nächsten Cholerafall
    Sich Kindersärge zu bauen.
    Sie schleppen die toten Säuglinge mit
    Und all ihre Infektionen
    Und öffnen mit einem gewaltigen Tritt
    Die Tür\'n der Fernsehstationen.

    Oh lay Oh hay
    Seemanns Braut ist die See
    Oh lay Oh hay
    Sind wir erst einmal an Bord
    Oh lay Oh hay
    Treibt uns die Sehnsucht fort.

    Gebt uns, schrein sie, die Bilder her,
    Die unsere Träume besetzten.
    Die Augen sind voll, die Bäuche sind leer.
    Wir waren die allerletzten.
    Sie wurden im Radio, Barbaren genannt,
    Verbrecher, Vertierte, Verführer,
    Sie stecken die Galerien in Brand,
    Mit Werken von Goya und Dürer.

    Oh lay Oh hay
    Seemanns Braut ist die See
    Oh lay Oh hay
    Sind wir erst einmal an Bord
    Oh lay Oh hay
    Treibt uns die Sehnsucht fort.
    Schon leben sie unter den Städten versteckt,
    In Tunneln und U-Bahnschächten.
    Tagtäglich wird eine Erschießung vollstreckt,
    Im Namen von Ausnahmerechten.
    Europas Armee an der Küste hält stand,
    Verteidigt die Reiche der Reichen,
    Bis zu den Augen im Dünensand,
    Bis zu den Bergen aus Leichen.

    Oh lay Oh hay
    Seemanns Braut ist die See
    Oh lay Oh hay
    Sind wir erst einmal an Bord
    Oh lay Oh hay
    Treibt uns die Sehnsucht fort.
    Oh lay Oh hay
    Sind wir erst einmal an Bord
    Oh lay Oh hay
    Treibt uns die Sehnsucht fort.
    Oh lay Oh hay
    Sind wir erst einmal an Bord
    Oh lay Oh hay
    Treibt uns die Sehnsucht fort.
    Einen schönen 2. Advent!
    Sascha Wildenhain

  • #112

    Sascha Wildenhain (Samstag, 07 Dezember 2019 22:58)

    Lieber Herr Flessing,
    als ich 1988 in der 8. Klasse der POS "Willy Mehlhorn war", da gab es dann die obligatorischen, nervigen Anfragen, wie lange man denn zur Armee wolle. Ich hatte als Berufswunsch Werkzeugmacher angegeben und durchblicken lassen, dass ich auch 3 Jahre zur NVA gehen würde. Kurz darauf, an einem Tag, den ich nicht im Kalender vermerkt habe, wurde ich ins Direktorzimmer unserer Schule bestellt. Ich trat ein, da saß unser Her Direktor und im Raum verteilt, auf Sessel und Sofa saßen zwei Herren. Ich gebe hier sinngemäß wieder, was ich damals erlebte. Sie stellten sich vor, dass sie vom Ministerium für Staatssicherheit sind. "Sascha, sagten sie, wir haben Deine Unterlagen durgesehen, Du willst Werkzeugmacher werden und dann für 3 Jahre zur NVA. Wir machen Dir einen anderen Vorschlag: Du machst Deine Berufsausbildung und danach kommst Du zu uns. Du musst Dich jetzt hier nicht entscheiden". Ich erzählte das am Abend dieses Tages meinen Eltern. Mein Vater sagte nur: "Das machst Du nicht." Ich fragte zurück: "Warum nicht?" Mein Vater antwortete nur: "Das erzähle ich Dir, wenn Du älter bist." 14 Tage später saß ich wieder bei unserem Schuldirektor und sagte ihm, dass ich nicht zum MfS gehen möchte. Da ging eine Schimpfkanonade auf mich hernieder, die ich bis dahin in der Schule so nicht erlebt hatte. Der Direktor frug auch nach konkreten Personen, die mich eventuell beeinflusst hatten, namentlich der eine Christenmensch, mit dem ich befreundet bin, bis heute. Ich verneinte dies. Dann war diese Episode vorüber. Nach dem Ende der DDR habe ich meine Stasiakte beantragt, es gab tatsächlich eine Akte, 47 Seiten, aus meiner Sicht banales Zeug. Interessant ist aber das System, die Struktur, wie erfasst und vorgegangen wurde. So, jetzt die Kurve kriegen: Ich habe nicht umsonst erwähnt, dass Uwe Steimles Eltern beim MfS waren. Hat er das aufgearbeitet? Steht das irgendwo? Teilt er sich diesbezüglich irgendwo irgendwie mit? Ich habe eine glückliche Kindheit und Jugend in der DDR verbracht inclusive Jung- und Thälmannpionierdasein und auch noch die FDJ. Tacheles: am 09.11.1989 hat Gott mir die Augen geöffnet, dass diese DDR ein Staat war, der die kritischen Geister brutal behandelt hat. Ich für meinen Teil habe dann meine eigen Lebensgeschichte kritisch auf den Prüfstand gestellt und dann auch in der Familie Stress gehabt. Ich liebe auch die alten Wartburgautos, habe selber einen Wartburg 312, den ich mir Anfang der 90iger Jahre aufgearbeitet habe. Dieses unreflektierte Gequatsche von Uwe Steimle, der seine Antennen mal schärfen sollte, das nervt einfach nur noch. Schieflage. Unzählige Menschen kümmern sich hier um die Menschen, die hier ankommen und das alles ehrenamtlich!
    Einen schönen Abend!
    Sascha Wildenhain

  • #111

    Gert Flessing (Samstag, 07 Dezember 2019 21:39)

    Lieber Herr Wildenhain,
    ob es so einfach ist? Gewiss, wir begegnen heute einer Menge Menschen, die, als Entwurzelte, zu uns kommen. Da könnte man schon anfangen über die eigenen Hintergründe nachzudenken.
    Auch darüber, wie schnell man das, was man als Heimat kennt, wo man vielleicht verwurzelt war, verlieren kann.
    Persönlich weiß ich, das meine Wurzeln in Franken liegen. Erste Erwähnung des Namens gegen 1400. Schon ein Weilchen her. Einer der Geschwister wohl Kaufmann, der andere katholischer Pfarrer. Das "geistliche" liegt wohl irgendwie drin.
    Es ist interessant, das, was da mal so war, zu verfolgen, auch die Irrungen und Wirrungen der Menschen.
    Das ist mein Hintergrund, wenn ich Deutschland mein Vaterland nennen und es gern tue. Ja, ich betrachte es durchaus als Privileg, auch wenn es, in gewisser Weise, ein Zufall ist.
    Die Wurzeln unserer Gesellschaft und da greife ich über alles persönliche und nationale hinaus, liegen in einer Mischung von jüdisch christlicher Kultur, griechischem Geist und römischem Rechtsverständnis. Jedenfalls kurz gesagt.
    Aber ich denke auch, dass vielen Menschen derartige Gedanken recht fremd sind.
    Wenn ich dickbäuchige jüngere Männer sehe, die T-Shirts tragen, auf denen steht "Odin statt Jesus", weiß ich, das mancher wohl merkwürdige Gedanken zu seinen Wurzeln hegt.
    Ich weiß, dass zu unseren Wurzeln auch die bitteren und giftigen Triebe gehören. Die müssen beachtet und beschnitten werden. Das ist mal sicher.
    Aber sich seiner Wurzeln schämen muss wohl niemand wirklich, denn am ende kommt es darauf an, was man aus dem eigenen Leben macht. Auch im Zusammenspiel mit den anderen Menschen, die uns begegnen.
    Dazu kommt, das wir, wenn wir Gott vertrauen, auch darauf vertrauen, das wir von ihm her gewollt und geliebt sind, so, wie die Menschen, die uns begegnen. Verwurzelt im Glauben und in seinem Wort, haben wir immer eine Hoffnung und ein Ziel.
    Einen schönen Abend.
    Gert Flessing

  • #110

    Sascha Wildenhain (Samstag, 07 Dezember 2019 20:48)

    Lieber Herr Flessing,
    ich denke, die Menschen hier im Osten (und vielleicht nicht nur die?) sind auf der Suche nach ihren Wurzeln. Die Frage ist, ob es überhaupt welche gibt und falls ja, wie die denn aussehen?
    Freundliche Grüsse!
    Sascha Wildenhain

  • #109

    Gert Flessing (Samstag, 07 Dezember 2019 17:21)

    Noch ein Nachtrag.
    Welche Bedeutung hat für uns das Land, in dem wir leben? Als wir die erste freie Wahl vorbereitet haben, entwarf ich ein Wahlplakat für die CDU Ortsgruppe, der ich damals angehörte. Darauf war- eine Folge meiner Beobachtungen, im Zuge der Ereignisse 1989/90 - folgende Parole: "Sachsen - unsere Heimat; Deutschland - unser Vaterland; Europa - unsere Zukunft." Das waren jene Gedanken, die damals nicht nur mich bewegt haben. Für uns, die wir damals in der CDU waren und oft als Blockflöten geschmäht wurden, war es wichtig, an demokratische Traditionen anzuknüpfen, die es Sachsen gab. Immerhin hatte die CDU bereits bei den ersten Landtagswahlen, nach 1945 dafür gesorgt, dass die SED keine absolute Mehrheit hatte.
    Es gab auch andere Traditionen, deren Neubeginn ermöglicht wurde, so der Religionsunterricht an sächsischen Schulen. Wir hielten das für wichtig, nach den vierzig Jahren atheistischer Volksbildung.
    Uns schwebte ein Heimatland vor, das sich in das demokratische System Deutschlands einfügte. Gleichzeitig aber, und das war der Grundgedanke des "Freistaates", ein Stück Selbständigkeit bewahren sollte.
    Daneben wussten wir, das es gut für uns alle wäre, wenn Europa weiter zusammenwachsen würde. Gerade nachdem wir wieder ein Deutschland waren, konnte die Zukunft nicht in der Nationalstaaterei liegen, sondern in einem Bündeln der Kräfte. Oft spielte dabei der Gedanke an Karl den Großen eine Rolle.
    Es kam, in mancher Hinsicht anders. Vielleicht ist der, in so manchen Ländern, aufbrechende Nationalismus auch ein Zeichen dafür, das etwas schief gelaufen ist. Es ist doch nicht nur die AfD bei uns. Ich war erschrocken, als gerade in Ungarn, das mal ein Vorreiter der Freiheit war, die Fide Partei Macht erlangte. Ich denke an Le Pen, an die polnischen Zwillinge damals, …
    Ich verbringe meinen Urlaub recht gern in Polen. Mir ist schon vor Jahren aufgefallen, dass dort echte oder gefälschte Nazi Devotionalien offen feil geboten werden und das damit zusammenhängende Gedankengut auch lebendig ist. Trotz der Geschichte, die doch für die Polen ein Leidensweg war.
    Hat da die Demokratie versagt? Oder was ist geschehen?
    Ist das, was wir hier erleben, eventuell nur eine Fassette dessen, was Europa erschüttert?
    Gert Flessing

  • #108

    Gert Flessing (Samstag, 07 Dezember 2019 13:32)

    Lieber Herr Lindemann,
    es stimmt. Die Grenze dessen, was sagbar ist, liegt genau dort, wo Menschen durch eine Aussage, die ich treffe, verletzt werden. Wo ich, oder ein Medium, das ich bediene, religiöse Gefühle, oder die sonstige Menschenwürde, verletzt. Siehe Titanic mit ihrem einen Papstbild.
    Der MDR hat Herrn Steimle lange Zeit eine Plattform geboten. Ich glaube dennoch nicht, dass der MDR ein Nazi Sender ist.
    Freilich würde ich mir, wäre ich Herr Steimle, Gedanken machen, denn für ihn hat sich ein Herr Höcke stark gemacht. Das sollte ihn zum Überlegen bringen, welche Nähe er gesucht hat.
    Da ich seine Sendung nicht kenne, also, im Grunde, wie der Blinde von der Farbe rede, kann ich nicht sagen, ob er die DDR verharmlost hat.
    Ich bin in ihr groß geworden und habe lange in ihr gelebt. Ich könnte sie nicht verteufeln, obwohl ich um so ziemlich alles wusste, was sie von dem, was wir heute unter Rechtsstaat verstehen, unterschieden hat.
    Jedenfalls habe ich mich, in der DDR nie bedroht gefühlt. So wenig, wie jetzt.
    Es war halt anders und an die Tatsache, das es keine Schweinelenden zu kaufen gab, hat man sich gewöhnt.
    Trotzdem kommt mir, im Rückblick, die DDR "deutscher" vor. Warum, kann ich nicht recht erklären. Selbst als, rein von der Ideologie her, von einer extra DDR - Staatsbürgerschaft ausgegangen wurde, blieben wir, in vielen Aussagen, "das bessere Deutschland".
    Was ich jetzt erlebe, hat mit dem, was ich unter meinem Vaterland verstehe, nicht viel zu tun. Hetze gegen andere Menschen gehört zu meinem Verständnis nicht dazu.
    Gert Flessing

  • #107

    Gerhard Lindemann (Samstag, 07 Dezember 2019 11:33)

    Doch, Herr Flessing, es gibt Grenzen des öffentlich Sagbaren, wenn Menschen systematisch verletzt werden oder der Versuch unternommen wird, Ideologien und Systeme, die fundamental gegen die Menschenwürde verstoßen (haben), salonfähig zu machen. Diese Grenzen hat Steimle systematisch versucht zu erweitern - und es ist ihm auch gelungen, indem der MDR das lange Zeit aus Rücksicht auf die Einschaltquoten (das Potential der Pegidisten und AfD-Wählerschaft, das Steimle in besonderem Maße ansprach) akzeptiert hat und ihm trotz deutlicher Pegida-Nähe, Hetze gegen Flüchtlinge und gegen die freiheitliche Demokratie eine Plattform geboten hat. Auch die DDR wurde in Steimles Sendungen verharmlost. Dieses Treiben Steimles hat der MDR sehr lange geduldet - das ist der eigentliche Skandal, ebenso wie eine Moderatorin, die am Abend der Landtagswahlen in Sachsen eine CDU/AfD-Koalition als "bürgerlich" bezeichnete und dem AfD-Vorsitzenden Urban versicherte, man habe auch "Positives" über die AfD berichtet. Da muss man sich nicht wundern über die Wahlergebnisse der AfD, zu der der MDR das Seinige beigetragen hat, aber eben auch ein Landesbischof, der sich öffentlich nicht klar genug von der in Teilen rechtsextremen Partei abgegrenzt hat oder (im Blick auf künftige Wahlen) eine Synode, die sich nicht in der Lage sieht, eine klare Bewertung der "Fragmente"-Texte Rentzings vorzunehmen.

  • #106

    Gert Flessing (Samstag, 07 Dezember 2019 10:49)

    Lieber Herr Wildenhain,
    Satire ist vieles, vom Klamauk angefangen, bis zur ernsthaften Gesellschaftskritik, die sich an bestimmten Figuren der Gesellschaft abarbeitet.
    Über die intellektuellen Fähigkeiten eines Herrn Steimle können Sie, als Quasikollege, vermutlich mehr sagen, als ich, der ich Laie auf diesem Gebiet bin.
    Aufarbeitung unserer Geschichte? Das ist auch so ein Begriff, mit dem man alles und nichts anfangen kann. Lässt sich Geschichte "aufarbeiten", wie ein alter Pullover, de aufgeräufelt und umgestrickt wird?
    Das ist so, wie jenes Wort "unsäglich", das Frau Keitel dem Begriff "Zitat" voran stellt und damit ausdrückt: "Das kann man nicht sagen.". Zuvor schrieb sie: "Und es gibt nichts, was sakrosankt 'vorgegeben' wäre, im Gegenteil."
    Freilich muss sich alles der Kritik stellen. Auch ein Herr Steimle. Er kann dazu lernen, wenn er das tut.
    Natürlich leben wir in keinem besetzten Land. Die Russen sind weg.
    In gewisser Weise haben wir ihnen die Freiheit zu verdanken, in der wir heute leben.
    Diese Freiheit sollten wir bewahren.
    Sind die Zeiten wirklich politisch aufgeheizt? Wir haben scharfe Gegensätze zwischen einzelnen Gruppen und wir haben eine große Masse an Menschen, die das absolut nicht interessiert.
    Ich denke da an unsere Kinder. Mit zweien wohnen wir zusammen. Unser Mittelster und seine Frau. Beide arbeiten in Leipzig. Beide arbeiten in Schichten. Ihnen gehen solche Themen, wie wir sie hier behandeln, glatt am A... vorbei. Dem Großen und seiner Frau geht es nicht anders. Bei denen kommt dazu, das sie eine Tochter haben und die zur Schule geht. Die aktuelle politische Entwicklung? Ich fürchte, die wissen kaum, das es so etwas gibt.
    Auch das ist eine Realität in unserem Land. Mein Jüngster hat gerade seinen Master gemacht und fängt mir seinem Doktor an und ist nur angeödet von der Studentenvertretung, die sich um ideologische und nicht um praktische dinge kümmert.
    Aber genau diese und andere Menschen sind eventuell das Zünglein an der Wage.
    Können wir ihnen das, was wir bewegen, überhaupt deutlich machen?
    Gert Flessing, ein wenig ratlos, aber lernbereit.

  • #105

    Sascha Wildenhain (Freitag, 06 Dezember 2019 20:59)

    Lieber Herr Flessing,
    Uwe Steimle hat ein hervorragendes Sendeformat gehabt, er ist berühmt und möglicherweise geht es ihm ja auch materiell eher gut. Juliane Keitel (vielen Dank dafür!) hat es mitgeteilt, was die Grenzen der Satire betrifft. Wenn Herr Steimle ein T-Shirt, dass in den entsprechenden Farben gehalten ist und die Aufschrift "Kraft durch Freunde" trägt, anzieht und sich damit fotografieren und mitteilen lässt und dass in dieser politisch aufgeheizten Zeit, dann ist er wenigstens in diesem Moment einer intellektuell eher niederohmigeren Kaste zuzurechnen. Er weiß ganz genau, wie er provozieren muss, um Aufmerksamkeit "im Volk" zu erregen, alles keine große Kunst. Mit Aufarbeitung unserer Geschichte hat das nix zu tun, eher das Gegenteil, da wird zugekleistert. Dieser ganze hanebüchene Mist, wir lebten hier in einem besetzten Land und könnten nicht frei unsere Meinung äußern, das ist so vollkommen neben der Spur, dass es eigentlich verschenkte Zeit und Energie ist, darauf ernsthaft einzugehen. Wenn er ein einfach gestrickter Mensch wäre, der Herr Steimle, der dies von sich gibt, dann wäre ich doch ruhig und würde denken, dass dieser Mensch es eben nicht besser einzuordnen vermag. Der Herr Steimle ist aber intelligent und als Schauspieler, der er ja auch noch ist, erwarte ich persönlich eine deutlich höhere Reflektiertheit und Sensibilität, wenn wir im Thema Nationalsozialismus und aktuelle politische Entwicklung in Deutschland in der Auseinandersetzung sind. Auch ein Herr Steimle darf gerne dazu lernen, wie wir alle anderen jeden Tag auch.
    Herzlicher Gruß!
    Sascha Wildenhain

  • #104

    Gert Flessing (Freitag, 06 Dezember 2019 19:46)

    Liebe Frau Keitel,
    sie müssen nicht lachen.
    Natürlich nicht. Auch da hat jeder seine Freiheit.
    Was ist denn überhaupt noch "ernst zu nehmende Satire" und was ist Klamauk?
    Aber über das, was Kunst ist kann man ja auch trefflich streiten.
    Der Satz "Kraft durch Freunde" ruft, in meinen Augen, zunächst einmal gar nichts auf. Jedenfalls so lange nicht, solange sich niemand darauf einlässt, mehr zu sagen, als: "Aha." Aber man kann ja auch mit dem Bogen um die Ecke denken. Auch das gehört zu unserer Freiheit dazu.
    Wie gesagt, KdF war mir sehr wohl ein Begriff, durch die Erzählungen meiner Mutter. Das damit nur Menschen reisen durften, die dem System genehm waren, war mir schon klar. Ich ziehe mal einen, der von ihnen so kritisierten Vergleiche: Einen FdGB Ferienplatz bekamen vornehmlich auch nur gute Genossen.
    Das der MDR Herrn Steimle vor die Tür gesetzt hat, ist nichts, was mich bewegt. Es war doch zu erwarten.
    Was meinen Sie, warum über fünfzig Prozent der jungen Menschen der Meinung sind, man müsse sehr vorsichtig sein, mit dem, was man sagt?
    In der DDR hätte mich das nicht gewundert. Da wusste man, was passieren kann.
    In unserem Land kann eigentlich nichts passieren, denn wir schätzen ja die Freiheit, auch der Meinungsäußerung, sehr hoch ein. Die Freiheit hat tatsächlich da ihre Grenze, wo die Würde eines Menschen tangiert wird.
    Aber das sollte dann auch schon alles sein, denke ich.
    Mit freundlichen Grüßen
    Gert Flessing

  • #103

    Juliane Keitel (Freitag, 06 Dezember 2019 18:45)

    Mir lässt die Sache mit dem Witz keine Ruhe, ebenso die Ansicht, etwas wäre "vorgegeben".
    Dass wir in einem freien Land neben, gilt auch hier, und niemand muss Angst haben, wegen eines T-Shirt-Aufdrucks existenzielle Rechte entzogen zu bekommen; selbst wenn sie offen verfassungsfeindlich wären, würde "in dubio pro reo" gelten, und auch schwerstkriminellen Personen wird die Würde niemals abgesprochen und nicht verweigert, egal wer es ist (erinnert mich übrigens immer an die grandiose mythische Erzählung von Kain und Abel). Das heißt Rechststaat. Und es gibt nichts, was sakrosankt 'vorgegeben' wäre, im Gegenteil. Oder haben Sie Gegenbeispiele, Herr Flessing?
    Ein demokratischer Rechstsaat bietet den Rahmen, in dem die freie Meinungsäußerung, jeglicher Seiten, uneingeschränkt gewährleistet ist, und überlässt es den verschiedenen Perspektiven und Kräften, konstruktiv darum zu streiten, welche Perspektive wann am sinnvollsten für möglichst alle oder viele ist. Daneben gibt es sehr wohl den ein oder anderen gesellschaftlichen Konsens (siehe GG), von denen zeitweise einige etwas stärker sind als andere (aber niemals unkritisierbar), und einer davon ist - auf den sich die gesellschaftlichen Kräfte der Nachkriegszeit geeinigt hatten: Nie wieder Faschismus. Das ist - wenn Sie so wollen - zumindest ein gewichtiges Maß, an dem sich anderes, auch Satire, wird wenigstens messen lassen müssen, ähnlich wie GG Artikel 1 ein solches Maß ist.
    Natürlich darf Satire - wie es u.a. Tucholsky mal auf den Punkt brachte - ALLES. Aber auch hier gilt: Auch sie kann und darf wiederum kritisiert werden. Die Frage ist aber, ob "Kraft durch Freunde" überhaupt eine ernstzunehmende Satire darstellt oder ob sie das Feld des Kabaretts nicht eher mit Füßen tritt. Denn Satire, das professionelle Terrain von Kabarettistinnen und Kabarettisten, ist eine KUNSTFORM, "die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt" (Zitat: https://de.wikipedia.org/wiki/Satire). Wo ist das in diesem unsäglichen Zitat passiert? Der Ausspruch "Kraft durch Freunde" ruft vielmehr ein historisch problematisches Ereignis auf und 'adelt' es durch die Re-Zitation, wertet es also auf, zumal durch die Verknüpfung mit einer positiven Begrifflichkeit ("Freunde"), d.h. es wird 'salonfähig' und leider eben gerade nicht seines furchtbaren Ursprungs entkleidet. Das kann durchaus auch witzig geschehen - hier aber ist es das definitiv NICHT. Man fragt sich, was das überhaupt sollte. Da möchte ich lieber nicht weiterdenken.
    Es ist jedenfalls überhaupt kein Witz, sondern einfach nur dumm, unreflektiert und - ja, leider - eben auch gefährlich, weil es den ursprünglichen Kontext völlig verharmlost. Das ist geradezu das Gegenteil von Satire, sei sie auch noch so böse und 'unbarmherzig' mit Personen der Öffentlichkeit, denn normalerweise hat ihr auch ein aufklärerisches Moment innezuwohnen. Im Schlepptau solch plumper Übertretungen von Herrn Steimle aber verschieben sich die Grenzen der Sprache insgesamt, auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, und verhelfen problematischen historischen Wortfeldern wieder zur Geltung, die ein zerstörerisches Potential in sich bergen.Insofern völlig konsequent, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender sagt, bei uns bitte nicht, zumal er ja auch den Journalismus an sich öffentlich pauschal und undifferenziert beurteilte. Er kann - weil wir ja in einem freien Land leben - schauen, wer seine Plattheiten gerne hören möchte. Es gibt sicher genügend andere Sender, Formate oder öffentliche Plattformen, auf denen er landen kann.

  • #102

    Gert Flessing (Freitag, 06 Dezember 2019 17:11)

    Lieber Herr Lindemann,
    ich weiß, was KdF war. Meine Mutter ist mit der Organisation, als junges Mädchen, an die Ostsee gefahren. Sie hat davon erzählt.
    Aber auf dem t-shirt stand ja: Kraft durch Freunde. Also etwas ganz anderes.
    Natürlich hat das, bei Menschen, die sich wohl als Wächter des "guten Geschmacks" sehen, etwas an getriggert. Genau, wie bei dem anderen, von Ihnen erwähnten t-shirt.
    Es ist, und das zu Recht, vorgegeben, alles, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt, in die verbrecherischen Absichten dieses Systems einzuordnen. Wer da, durch Verfremdung, scheinbar gegen verstößt, begibt sich auf eine Gratwanderung. Rechnet er mit Widerspruch? Sicher. sonst würde er es nicht machen. Der Witz ist nicht der Aufdruck auf dem t-shirt. Ohne die entsprechende Reaktion wäre das eine Luftnummer gewesen.
    Erst durch die empörten Reaktionen funktioniert das doch.
    Mir hätte das ansonsten kaum ein müdes Lächeln entlockt, ja ich hätte den Mann nicht einmal zur Kenntnis genommen.
    Aber mir ist dadurch deutlich geworden, wie sensibel mancher reagiert.
    Ich frage mich, ob das eine echte Sensibilität ist, oder eine geheuchelte, die eben den "guten Geschmack" bedient.
    Hin und wieder höre ich auch was über ein gewisses "Zentrum für politische Schönheit". Was dort gemacht wird, ist, in meinen Augen, auch nicht wirklich witzig.
    Mag es für Kunst halten, wer immer möchte. Wir leben ja in einem freien Land.
    Möge das auch immer so bleiben.
    Gert Flessing

  • #101

    Gerhard Lindemann (Freitag, 06 Dezember 2019 16:05)

    Die Frage ist auch, ob es sich hier nur um einen "winzigen Verstoß" handelt oder nicht zumindest um eine Geschmacklosigkeit, nicht zuletzt angesichts dessen, dass an "Kraft durch Freude" nur als "arisch" geltende "Volksgenossen" partizipieren durften und alle anderen davon ausgeschlossen waren, obwohl sie ebenfalls Steuern zahlten (und Ziel der ganzen Aktion eine noch breitere Akzeptanz des Nationalsozialismus in der Bevölkerung war).
    "Kraft durch Freunde" war übrigens nicht der einzige Fauxpas Steimles in dieser Kategorie, hinzu kam ein T-Shirt mit "Volk ohne Traum".

  • #100

    Juliane Keitel (Freitag, 06 Dezember 2019 14:09)

    Lieber Herr Flessing,
    was wird denn "vorgegeben"? Und was genau ist "der Witz"?

  • #99

    Gert Flessing (Freitag, 06 Dezember 2019 10:29)

    Lieber Herr Wildenhain,
    warum ereifern Sie sich? Ich sehe selten Kabarett. Früher, in meiner Kindheit, hörte ich die Wühlmäuse im Radio. Die kamen, denk ich, auf dem Rias. Auch Dieter Hildebrand sah ich manchmal im Fernsehen.
    Herr Steimle ist mir nur bekannt durch die Schlagzeilen, die um ihn gemacht wurden. Dabei ist mir nur der Hophei um sein t-shirt mit "Kraft durch Freunde" in Erinnerung geblieben. Ist Ihnen eigentlich klar, dass dieser Aufdruck seinen Witz erst durch die empörten Reaktionen erhalten hat? Ja, Witz. Denn da wurde deutlich, wie ein winziger Verstoß gegen das, was vorgegeben wird, geahndet wird. Da werden, mit einem schönen Automatismus, Querverbindungen gezogen.
    Gut, ich denke, Herr Steimle hat es provoziert.
    Ich bin selbst kein Freund von einer streng exekutierten politischen Korrektheit.
    Gewiss überlege ich, was ich, wie formuliere. Aber ich bin dennoch immer Herr meiner Gedanken. Kann einem angekreidet werden. Ich habe mal, in irgend einem Gespräch, im Netz, die bekannte Floskel "suum quique" verwendet. Nun weiß jeder einigermaßen gebildete Mensch, dass es dabei darum geht, und das seit Aristoteles, das in der Verteilungsgerechtigkeit jedem das zusteht, was er verdient hat. so hat es auch Justinian in seinem Zivilrecht festgeschrieben.
    So ziert es den Schwarzen Adler Orden und dieser das Barett unserer Feldjäger.
    Ich wurde beschimpft, weil die Nazis diese Floskel zynisch verwendet haben.
    Aber ich gebe die Deutungshoheit nicht Nazis in die Hand. Genau das tut derjenige, der solch ein Wort nur noch in einem Kontext sehen will.
    Na gut, mich wird niemand wirklich für volksnah halten, selbst wenn ich den Menschen gegenüber offen bin und sie anhöre.
    Was Herr Steimle tut, passt wohl nicht in die Landschaft. Selbstkorrektur? Bedeutet das, sich verbiegen zu müssen, weil bestimmte Aussagen und Gedanken, anderen Menschen nicht passen?
    Nun, und dass Steimles Eltern beim MfS waren, ist ihm wohl kaum zum Vorwurf zu machen.
    Einen angenehmen Tag.
    Gert Flessing

  • #98

    Sascha Wildenhain (Donnerstag, 05 Dezember 2019 22:24)

    Liebe Forumsteilnehmer,
    heute habe ich gelesen, dass der MDR Herrn Steimle vor die Türe gesetzt hat. Richtig so. Auch er reagiert genauso wie Her Rentzing: ICH BIN DAS OPFER!
    Herrn Steimles Eltern waren beide beim MfS als inoffizielle Mitarbeiter eingebunden, Quelle hier:https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Steimle.
    Weshalb teile ich das hier mit? Weil das alles, was wir alle hier momentan erleben, miteinander verflochten ist. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Ich für meinen Teil habe mich durch diesen ganzen politischen und ideologischen Dreck hindurch gearbeitet und ich habe es nicht nötig, mich als Opfer zu generieren, ich spiele seit 20 Jahren Kabarett, aber vielleicht etwas anders als zum Beispiel ein Herr Steimle. Volksnah, dem Volk aufs Maul schauen...was soll denn das heißen? Hassparolen gutheißen? Unreflektierte Meinungsäußerungen als des Volkes Wille propagieren? Alles vollkommener Stuss! Selbstkorrektur ist angesagt bei Herrn Rentzing und bei Herrn Höcke und bei Herrn Steimle und bei wem auch noch immer...
    Herzlicher Gruss!
    Sascha Wildenhain

  • #97

    Gert Flessing (Donnerstag, 05 Dezember 2019 20:57)

    Gerade wenn Bruder Martin auf jene Menschen abzielt, die, von den Winden der Weltpolitik, hier angeweht werden, ist es nötig, über das nachzudenken, was sie hier vorfinden. Die Solidarität eines Frank Martin mit diesen Menschen will ich nicht in Zweifel ziehen.
    Wir haben uns, in unserer Gesellschaft eine Theorie geschaffen, wie Zusammenleben funktionieren sollte. Hier begegnet uns durchaus Paulus mit dem Wort, das alle eins sind in Christus und die Grenzen zwischen Menschen, deren Ursprung im jüdischen Leben lag und Menschen, deren Ursprung im griechischen Leben lag, nicht mehr existieren. Aber eben auch, und ich glaube, es wäre ohne Paulus so nicht denkbar, der Slogan von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" der französischen Revolution.
    Die Praxis sieht aber anders aus. Wir mögen die Freiheit haben. Wir mögen die Gleichheit postulieren. Die Brüderlichkeit, die es letztlich ermöglicht, Gleichheit zu leben, ist nicht so stark ausgeprägt.
    Lieber Herr Wildenhain, sie sprechen das Dilemma an, das die ehemalige DDR verlängerte Werkbank des Westens sei. Das mag z.T. immer noch stimmen. Die Unterschiede, auch die finanziellen, sind da.
    Die Arbeitswelt fordert die Menschen sehr. Ich sehe es an unseren Kindern täglich. War es je anders, fragen Sie.
    Ich weiß es nicht. In der DDR war Arbeit auch fordernd. Als Schlosser in Eisenhüttenstadt hatten wir zwei Mal in der Woche eine Schicht von zehn Stunden. Auf dem Betrieb, den mein Vater leitete, gab es, in der Erntezeit, kaum Ruhe.
    Das die Starken die Schwachen mobben, ist auch nicht neu. Nur kannten wir früher den Begriff nicht. Als Lehrling im ersten Lehrjahr erlebte ich auch, wie wir von denen, die im dritten waren, bedrängt und, wenn es klappte, auch mal "abgezogen" wurden. Man musste sich wehren. Da half sonst nichts.
    Natürlich haben wir gute Rahmenbedingungen. Aber helfen die wirklich?
    Ein Rahmen muss ausgefüllt werden. Engagierte Menschen - gut und schön. Aber was sollen sie bewirken? Ein Mensch, der bei sich selbst Defizite sieht, wird, wenn er nicht Selbstdisziplin genug hat, nach Opfern Ausschau halten. Gesetze mögen ihm einen Zaum anlegen, doch reicht das aus?
    Er müsste lernen, sich selbst anzunehmen. Dann könnte er auch beginnen, Wege zu suchen, seine Defizite auszugleichen.
    Kirchliche Arbeit kann da helfen. Sie haben Recht. Wir brauchen dafür engagierte Menschen.
    Herzliche
    Gert Flessing

  • #96

    Sascha Wildenhain (Donnerstag, 05 Dezember 2019 20:29)

    Sehr geehrter Herr Flessing,
    sehr gerne wird weiter nachgedacht. Frank Martin wird es gerade rücken, wenn ich es jetzt hier falsch beschreibe, aber ich habe den Satz aus #73 ganz anders interpretiert als Sie: "Manche erleben den Staat und das Staatsvolk anders. Und da gilt meine Solidarität." Ich denke, damit hat Frank Martin die Schwächsten der Schwachen gemeint, die hier bei uns angekommen sind.
    Ansonsten stimme ich Ihnen aus ganzer Seele zu: Hurra, wir verblöden! Wir scheitern nicht an dem Versuch, den Bildungsschwund durch Chancengleichheit zu erhöhen. Wir scheitern an unserem gnadenlosen Egoismus, wir scheitern daran, dass es viel zu wenige selbstlos handelnde, engagierte und couragierte Menschen gibt, die den Mut aufbringen auf der Grundlage hervorragender Gesetzgebung gegen exorbitante Missstände anzukämpfen! Ich kann nur für mich und meine wenigen Mitstreiter sprechen: Wir sind hier im Osten, in der ehemaligen DDR zu einem großen Teil die verlängerte Werkbank des Westens, leider, immer noch, nach 30 Jahren. Es ist eine Katastrophe, wie wenig ausgebildet das Selbstbewusstsein vieler Menschen hier ist, die sich ihr halbes Leben lang rumschubsen lassen. Ich behaupte, dass momentan die Arbeitswelt die Menschen hier tendenziell extrem fordert und im Zweifelsfall kaputt macht. War es je anders? Ist es schon jemals anders gewesen, als das die "Starken" auf den Schwachen herumgetrampelt sind? Die äußeren Rahmenbedingungen, um das zu verändern, waren in Deutschland noch nie so gut wie heute. Nur braucht es halt engagierte Menschen, die die gesetzlichen Grundlagen verstehen, sich ein Herz fassen und sie mit gesellschaftlichem Leben füllen.
    Einen schönen Abend!
    Sascha Wildenhain

  • #95

    Gert Flessing (Donnerstag, 05 Dezember 2019 12:05)

    Ich denke, es ist an der Zeit, einmal weiter nachzudenken.
    Ich möchte da bei einem Satz anknüpfen, den Bruder Frank Martin schrieb: "Sie haben Rechte und genießen im Zweifel den Schutz staatlicher Behörden.
    Manche erleben den Staat und das Staatsvolk anders."#73
    Frank Martin (Samstag, 30 November 2019 11:25)
    Wie können wir, in unserer Zeit, Staat und Staatsvolk erleben?
    Vor vielen Jahren schon meinte meine Frau, wir würden uns als Gesellschaft zurück entwickeln, würden verblöden.
    Sie war keine Soziologin oder Philosophin, sondern Krankenschwester. Ihrer Herkunft nach DDR Mittelstand. Nun, sie ist auch heute nicht von dieser Meinung abzubringen.
    Da ich zehn Jahre Religion unterrichtet habe, denke ich, dass sie nicht Unrecht hat. Das Niveau der Allgemeinbildung ist nicht eben gestiegen. Dafür aber die Aggressivität, mit der nicht nur geredet wird, sondern auch agiert. Wir hatten, ich glaube, in den neunziger Jahren, den Fall, das ein Jugendlicher der Neunten, andere mit einem Messer bedroht hat. Ich habe damals die Eltern besucht. Es waren Russlanddeutsche, und die hatten in Kasachstan, woher sie gekommen waren, einiges erlebt.
    Sie wurden ihres Sohnes nicht mehr Herr.
    Das ist nur ein Beispiel. Ich habe deutsche Eltern erlebt, die es nicht begriffen, das ihre Kinder schlechte Noten erhielten und sehr aggressiv gegenüber den Lehrern auftraten, aber weder willens noch fähig waren, den Kindern zuhause die Unterstützung zu geben, die sie gebraucht hätten.
    Auch das ist unser "Staatsvolk".
    Dem gegenüber stehen die Menschen, die versuchen, ihren Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten zu geben, weil sie selbst von der empfangenen Bildung, in ihrem Leben profitiert haben.
    Der Staat versucht dafür Sorge zu tragen, das alle die gleichen Chancen haben. Aber gelingt es ihm?
    Kann es sein, das ich falsch liege, wenn ich das Empfinden habe, dass der Versuch, die Chancengleichheit zu erhöhen, mit einem Schwund beim Bildungsniveau insgesamt einher geht?
    Und wie wirkt sich das auf uns, als Kirche aus?
    Gert Flessing

  • #94

    Sascha Wildenhain (Mittwoch, 04 Dezember 2019 23:09)

    Lieber Herr Flessing,
    vielen Dank für Ihr Statement.
    Wenn Sie das alles auch so sehen (außer die Sicht auf die Frage der Apokatastasis), dann bin ich für mein Teil befriedet in der Diskussion, was die Positionierung zu diesen Äußerungen betrifft. Die Tatsache, dass diese Hardliner wie Scheufler & Co so laut sind (ich habe hier den Text einer "Andacht" gepostet. Die Zeiten, in denen ich Andachten beiwohnte, hatten eine friedliche, beruhigende, also eine Atmosphäre, in der man zu sich selbst kommen konnte zum Ausdruck. Was hier zur Zeit von einer lauten Minderheit als "andächtig" proklamiert wird, als anstrebenswert, um Gottes Nähe zu fühlen, was soll das denn eigentlich darstellen?) Ist im Zweifelsfall Eigentherapie angesagt?
    Einen schönen Abend!
    Sascha Wildenhain

  • #93

    Gert Flessing (Dienstag, 03 Dezember 2019 20:58)

    Ja, so ist er, der Herr Scheufler. Sooo fromm.
    "Gott will alle!" Hm, dem kann ich zustimmen. Aber ob alle Gott wollen?
    Kann ja sein, das Jesus auch zu einem Pegida - Bachmann ins Haus möchte oder zu einem Nazi - Höcke. Zachäus nahm ihn auf, mit Freuden und vor allem, er änderte sich, änderte seine Lebenshaltung.
    Mal abgesehen davon, das ich bezweifle, dass von mir genannte Männer Jesus, einen jüdischen Wanderprediger, mit Freuden aufnehmen würden, bezweifle ich noch stärker, dass diese Begegnung zu einer Änderung ihrer Lebensansichten führen würde.
    Wie gesagt, ich bezweifle es, ich schließe es nicht völlig aus, denn bei Gott ist ja kein Ding unmöglich.
    Herrn Scheufler hätte ich nie zu mir eingeladen. Nicht nur, weil er sehr merkwürdige Ansichten hat, was das Liebesleben von Menschen anbelangt, sondern vor allem, weil seine Theologie ziemlich schludrig ist. Er ist auch ein wenig ein Extremist.
    Wir müssen uns abgrenzen. Das bedeutet nicht, das man nicht mehr mit Menschen redet. Es bedeutet aber, das man, in der eigenen Kommunikation, erkennbar Menschenliebe sprechen lässt und das konkret gegen Menschenverachtung setzt.
    Scheufler predigt, nach dem, was ich gehört habe, Gericht, Hölle und Verdammnis für den, der nicht so glaubt, wie er und sein Team.
    Das muss man nicht haben. Er ist, zu Recht, nicht mehr bei der Kirche angestellt.
    Gert Flessing

  • #92

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 03 Dezember 2019 19:00)


    Guten Abend ,
    ich bin sehr gespannt darauf, wann denn die Diskussion innerhalb der Landeskirche, wie wir uns denn nun von menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Positionen abgrenzen wollen/sollen/müssen, beginnt.
    Ich mache mal einen Anfang und teile hier den 1:1 von seiner Homepage kopierten Andachtstext des Herrn Scheufler aus dem Evangelisationsteam mit. Vollkommen wertfrei. Kann sich jeder durchlesen und selber seine Meinung bilden:

    Mit dem nicht!
    nach Lutz Scheufler|Veröffentlicht 5. November 2019

    Wie Je­sus sich ver­hält, fin­den vie­le un­er­träg­lich. Vor al­lem, mit wem er sich ab­gibt! Am liebs­ten hät­ten es vie­le Kir­chen­pre­di­ger, wenn Je­sus nur an Kran­ken, Ar­men, Flücht­lin­gen oder der Kli­ma­ret­tung in­ter­es­siert wä­re. Sein Pro­gramm war und ist je­doch „Gott will al­le“. Des­halb lud Je­sus sich auch gleich mal bei ei­nem – der von al­len ge­mie­den wur­de – in sein Haus ein: Za­chä­us. Sein Le­bens­wan­del stank zum Him­mel. Sein Ge­schäfts­ge­ba­ren fan­den die Leu­te zum Kot­zen. Sei­ne po­li­ti­schen An­sich­ten wa­ren nicht kor­rekt. Mit sol­chen Leu­ten spricht und isst ein gu­ter Mensch nicht! Doch Je­sus geht zum Gift­zwerg in sei­ne er­gau­ner­te Vil­la am Stadt­rand und die Sau­ber­män­ner krie­gen das nicht ge­re­gelt. Im Haus wird mit Je­sus ge­fei­ert. Drin­nen spielt die Band auf. Drau­ßen spie­len die Hu­ma­nis­ten ver­rückt: Da sie das sa­hen, murr­ten sie al­le und spra­chen: Bei ei­nem Sün­der ist er ein­ge­kehrt (Lk 19,7). Sie wis­sen es ganz ge­nau: Je­sus ver­hält sich falsch. Die Leu­te ste­hen mit Tril­ler­pfei­fen auf der Stra­ße. Die Sprech­chö­re wer­den lau­ter. Die Ver­mumm­ten su­chen Stei­ne. Viel zu vie­le Kir­chen­funk­tio­nä­re rei­hen sich drau­ßen am Gar­ten­zaun mit ein. Man­che ste­hen so­gar Ban­ner hal­tend in der ers­ten Rei­he. Mit kirch­lich süß­li­chem Lä­cheln sab­bern sie ih­re aus­wen­dig ge­lern­ten Slo­gans in die Mi­kro­fo­ne: „Wir müs­sen uns ab­gren­zen. Mit de­nen kann und darf man nicht re­den.“
    Je län­ger ich für Je­sus un­ter­wegs bin, wer­den mir der­ar­ti­ge Mo­ral-Pre­di­ger im­mer mehr zu­wi­der. Es ist doch klar: Evan­ge­lis­ten, Bi­schö­fe und Pfar­rer dür­fen po­li­tisch, aber nie­mals par­tei­po­li­tisch sein. Wer über die Zehn Ge­bo­te pre­digt, ist po­li­tisch. Wer im Auf­trag von Je­sus pre­digt, will auch so han­deln wie er. Denn un­ter dem Kreuz fin­den al­le, die ernst­haft zu Je­sus kom­men, Platz – so­gar Men­schen mit ge­gen­sätz­li­chen po­li­ti­schen An­sich­ten. Gott will al­le!
    Lutz Scheuf­ler
    Einen schönen Abend!
    Sascha Wildenhain

  • #91

    Sascha Wildenhain (Dienstag, 03 Dezember 2019 17:04)

    Lieber Herr Lindemann,
    ja, ich sehe das genauso wie Sie, dass das Theo Koll sehr gut gemacht hat und ich wünsche mir mehr Interviewende wie ihn. Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass die Damen und Herren denken, dass sie uns verschaukeln können, leider verfängt das bei nicht wenigen Menschen.
    Herzlicher Gruß!
    Sascha Wildenhain

  • #90

    Gerhard Lindemann (Dienstag, 03 Dezember 2019 15:35)

    Bitte die ersten Zeilen austauschen:
    Zum Interview von Theo Koll: Das Ganze ist im Kontext der Intention des AfD-Parteitags zu sehen, sich als eine "bürgerliche", regierungsfähige Partei zu präsentieren, die in Braunschweig nach außen gesehen nicht weiter nach rechts gerückt sei.

  • #89

    Gerhard Lindemann (Dienstag, 03 Dezember 2019 15:32)

    Zzm Interview von Theo Koll: Das Ganze ist im Kontext der Intention des AfD-Parteitags zu sehen, sich als eine "bürgerliche", regierunghsfähige Partei dazustellen, die in Braunschweig nach außen gesehen nicht weiter nach rechts gerückt sei. Dazu passt die Einführung von Chrupalla als freundlicher, biederer, an "Sachfragen" interessierter Handwerker. Auf diese Lesart sind schon einige angesprungen, z. B. der Kommentar von Herden im MDR oder zum Teil auch die "Sächs. Zeitung".
    Da war es gut, dass Koll Chrupalla ganz konkret darauf ansprach, dass er den Begriff "Umvolkung" verwendet hat und der verbalen Solidarisierung seiner Parteifreunde mit den Nürnberger Kriegsverbrechern nicht widersprach. Damit verhinderte er, dass Chrupalla sich in dem Interview als seriöser Sachpolitiker präsentieren konnte. Das mag zwar dazu führen, dass er sich als Opfer darstellen kann. Wichtiger ist jedoch, dass diejenigen, die noch nicht AfD wählen bzw. überlegen, ob man mit der Partei nicht doch politisch kooperieren sollte, auf der Seite von Demokratie und Rechtsstaat bleiben und nicht der Selbstverharmlosungsstrategie der AfD auf den Leim gehen.
    Aus der Perspektive hat Koll das wirklich gut gemacht, nämlich Chrupalla mit eigenen Grenzüberschreitungen konfrontiert. Auch dessen Unterstützung durch den "Flügel" sprach Koll an.

  • #88

    Sascha Wildenhain (Montag, 02 Dezember 2019 20:35)

    Guten Abend,
    es ist offensichtlich, das Herr Chrupalla, der neue Co- Vorsitzende der AfD
    den ZDF- Interviewer Herrn Koll von vorne bis hinten verschaukelt hat. Wer Mimik und Gestik lesen kann, dem wird das klar. Alles ein böses Spiel, das durchschaut werden kann. Genauso wie das Spiel von Herrn Rentzing durchschaut worden ist. Herr Rentzing hat sich im Abgang als Opfer dargestellt und unzählige Vertreter der neurechten Szene fahren diese Strategie ebenfalls seit geraumer Zeit. Wenn der Herr Chrupalla oder der Herr Rentzing Nachholebedarf in Sachen Aneignung von Bildung in Bezug auf unsere
    kontaminierte Sprache haben sollten, dann empfehle ich sämtliche Literatur von Victor Klemperer, zuvörderst die "LTI".
    Einen schönen Abend!
    Sascha Wildenhain

  • #87

    Sascha Wildenhain (Montag, 02 Dezember 2019 18:26)

    Ein kleiner Nachtrag,
    "Umvolkung"," Systemparteien", "Altparteienkartell", "Das Abendland ist in Gefahr" usw. usf.
    Ich möchte hier dafür werben, dass man es gar nicht oft genug betonen und zur Sprache bringen kann, dass alles offen zutage liegt, was wir müssen wissen, um erkennen zu können, wie wichtig es ist, wie Sprache gebraucht wird, wer Sprache wie benutzt und was das alles für Folgen haben kann:
    https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/lingua-tertii-imperiii-gleichgeschaltet/24875958.html

  • #86

    Sascha Wildenhain (Montag, 02 Dezember 2019 17:46)

    Guten Abend,
    der neue Co-Vorsitzende der AfD konnte im Fernsehinterview nicht bestätigen, dass die verurteilten Kriegsverbrecher in Nürnberg von einem seiner Wähler "unsere Jungs" genannt wurden. Hat jetzt wieder jeder hören und sehen können: https://www.youtube.com/watch?v=krVSXzEc0Ac
    Die Bundesregierung sollte einen Bildungsfond auflegen: Allen Schulen, also wirklich allen Schulen in Deutschland wird die notwendige Anzahl von Exemplaren von Victor Klemperers "LTI" kostenfrei zur Verfügung gestellt. Aber um sich ein wenig zu erden, hier ein sehr interessanter Link zu einem Beitrag auf die Frage, ob das, was wir hier leider erleben müssen, eigentlich "neu" ist:
    https://idw-online.de/de/news701040
    Einen schönen Abend!
    Sascha Wildenhain

  • #85

    Gert Flessing (Montag, 02 Dezember 2019 10:21)

    Lieber Herr Lindemann,
    zunächst einmal herzlichen Dank für den Link. Er ist so interessant, dass ich ihn mir gespeichert habe und gewiss noch einige Male darin lesen werde.
    Ich denke, dass Sie Recht haben, wenn Sie meinen, es wäre gut, wenn viele Menschen, die nicht Hass mit Hass vergelten wollen, an den Veranstaltungen teilnehmen würden, die sich rechten Demos entgegen stellen.
    Gleichzeitig würde ich es als gut empfinden, wenn sich Veranstalter von dem, was Sie "problematische Personen" nennen, distanzieren würden. Wo bei ich "problematische Personen" als einen gewissen Euphemismus empfinde, denn es sind halt nicht Einzelpersonen, die sich da hervor tun.
    Aber gut. Nehmen wir einmal an, ich würde mich persönlich überwinden und die Gemeinde aufrufen, an einer Demo gegen rechte Demokratiefeinde, an dem und dem, teilzunehmen. Dann würde ich, selbstverständlich, die Gemeinde begleiten. Dann würde ich auch dafür Sorge tragen, das wir dort ein geschlossener Block sind und Störer nicht in unseren Reihen sind.
    Dann würde der Schutz der Demokratie vor den Feinden der Demokratie auch auf den Plakaten gefordert werden. Und ich halte das, was Sie "problematische Personen" nennen auch für Feinde der Demokratie.
    Freilich weiß ich, dass wir, die wir wirklich Demokratie und inneren Frieden gestalten wollen, auch mehr sind, als diese Gruppen.
    An der Stelle sehe ich ein Problem, das wohl durchaus etwas mit "der Psychologie der Massen" zu tun hat. Das ist die Frage, wie es gelingt, Menschen zu motivieren, für etwas, was sie im Herzen eigentlich für gut befinden, und das ist unsere freie und demokratische Gesellschaft, in Bewegung zu setzen, wenn diese Menschen gleichzeitig das Gefühl haben, irgendwo nicht gehört zu werden. Bei vielen ist das ein sehr diffuses Gefühl und es gipfelt in dem Satz: "Da kann man ja doch nichts machen."
    Ich möchte so wenig, wie Herr Wildenhain, das "böse Menschen die Macht bekommen". Vielleicht würde, neben Demos, auch helfen, jene Parteien zu stärken, die uns helfen können, unsere Demokratie vor der Aggressivität der Radikalen zu bewahren.
    Das wäre jedenfalls für mich eine Hoffnung.
    Gert Flessing

  • #84

    Gerhard Lindemann (Montag, 02 Dezember 2019 08:12)

    Lieber Herr Flessing,
    zu Ihrem Beitrag 79. Es ging nicht um die Frage, ob SIE persönlich an einer Gegendemonstration teilnehmen würden, sondern ob es legitim ist, als Vertreter der Kirche Gemeindeglieder von der Teilnahme abzuhalten, indem man zur Neuitralität gegenüber Feinden von Demokratie, Rechtsstaat und offener Zivilgesellschaft aufruft. Da kann man auch nicht damit kommen, dass an dem zivilgesellschaftlichen Protest problematische Personen teilnehmen könnten. Je mehr Menschen dort hingehen, denen es nicht darum geht, Hass mit Hass zu beantworten oder Gewalt auszuüben, desto geringer ist die Chance, dass das passiert bzw. das Gesicht der Veranstaltung prägt. Wer sich hier als neutral ausgibt bzw. präsentiert, überlässt der rechten Gewaltsprache das Feld und lässt, wie Frank Martin deutlich machte, diejenigen, die diskriminiert werden, allein.

  • #83

    Sascha Wildenhain (Sonntag, 01 Dezember 2019 21:01)

    Lieber Gert Flessing,
    Danke für Ihre Gedanken.
    Vor vielen Jahren gab es hier bei uns mal einen Pfarrer, der hat etwas Wunderbares gemacht. Im Regionalfernsehen wurde das gesendet, ich sah das gemeinsam mit meinen lieben Eltern und wir haben dabei geweint, weil uns das so angerührt hat: Es ging um Thema "Geschenke" bzw. die ganze Schenkerei zu Weihnachten. Das hat ja mittlerweile exorbitant perverse Ausmaße angenommen. In dem kleinen Film konnte man Folgendes sehen: Der Pfarrer hatte ein kleines Paket vor sich auf dem Tisch liegen, er sagte, dass das das das eigentliche Geschenk sei, dass wir Menschen zu Weihnachten bekommen haben. Dann wickelte er es aus. Es kam ein kleines Kind zum Vorschein (es war natürlich nur eine Puppe, aber das ist ja auch selbstverständlich). Also aus dem ganzen Geschenkpapier kam ein kleiner Mensch hervor, das Kind Jesus Christus. Die Botschaft war wunderschön, sie berührt mich bis heute. In all dem Konsumwahn ist das für mich die Orientierung, worum es am heiligen Abend wirklich geht. Das ist meine sensible, verletzliche Seite. Jetzt kommt die harte Seite: Wir müssen aufpassen, dass die bösen Menschen keine Macht mehr bekommen, sonst gibt es wieder viele Opfer.
    Einen gesegneten 1. Advent.
    Sascha Wildenhain

  • #82

    Gert Flessing (Sonntag, 01 Dezember 2019 20:21)

    Es ist Advent. Wir hatten heute ein wunderbares Adventskonzert in Trebsen.
    Vielleicht, jenseits aller weltlichen Probleme, ein paar Gedanken zu dem, was uns trägt:
    Du, Herr, bist Kind, in deiner Mutter Schoß.
    Du, Herr, bist dennoch Grund der ganzen Welt.
    Du ließest, Herr, die ewge Macht ganz los.
    So sind wir nicht mehr ganz auf uns gestellt.

    Du, Herr, bist Mensch, du wurdest klein und arm.
    Bist dennoch ewig, unvergleichlich groß.
    Du ruhst im Bauch der Mutter, da ist`s warm.
    Sie trug das Licht der kalten Welt in ihrem Schoß.

    Du, Herr, bist Gott und nahmst die Schwachheit an.
    Du ließest zu, das du verletzlich bist.
    Bin ich verletzt, schau mich mit Liebe an.
    Gib mir die Kraft, die zum Vertrauen nötig ist.
    Gert Flessing

  • #81

    Sascha Wildenhain (Sonntag, 01 Dezember 2019 20:01)

    Lieber Gerhard Lindemann,
    vielen Dank für diesen sehr interessanten Link!
    Ich habe mich durchgelesen und ich bin einfach nur geschockt.
    Es ist schon eine recht große Herausforderung, hier nicht zu verzweifeln. Durch in der DDR authentisch lebende Christenmenschen bin ich auf Jesus Christus und seine Botschaft aufmerksam gemacht worden. Im Staatsbürgerkundeunterricht hatte ich die große Klappe und mein Vater hat mich noch dazu ermutigt! Er schlug mir
    zu Hause eine Buchseite in irgendeinem Machwerk von Lenin auf, da stand etwas vom "kommunistischen Hochmut" und er sagte zu mir: " Hier, nimm das Buch morgen mit in die Schule und frage doch Deine Staatsbürgerkundelehrerin mal, was es mit dem kommunistischen Hochmut auf sich hat!" Habe ich auch gemacht, kam nur Gestammel als Antwort. Was ist denn hier eigentlich los? Dieses verklemmte, verschwurbelte Geschreibsel von Herrn Rentzing, was sagt uns denn das? Hat alles überhaupt gar nichts mit dem Evangelium zu tun. Also momentan weiß ich nicht, wie das hier mal weiter gehen soll, ohne klare Differenzierungen. Ich habe schon das Gefühl, dass Herr Flessing hier authentisch ist und wir hier alle die Hand hinreichen.
    Ich habe auch keine Patentrezepte, wie hart wir uns jetzt aufstellen sollen, angesichts der existierenden Gefahr von Rechts. Hier ein Gedicht von Tucholsky:

    Rosen auf den Weg gestreut

    Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
    erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
    Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
    getreulich ihrer Eigenart!
    Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
    Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

    Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
    sagt: »Ja und Amen – aber gern!
    Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
    Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
    Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!

    Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.

    Und schießen sie –: du lieber Himmel,
    schätzt ihr das Leben so hoch ein?

    Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
    Wer möchte nicht gern Opfer sein?

    Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
    gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen ...

    Und verspürt ihr auch
    in euerm Bauch

    den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
    Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
    küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!
    Theobald Tiger

    Die Weltbühne, 31.03.1931, Nr. 13, S. 452.

    Es gibt ja diese hochmotivierten Zeltmissionare um den Herrn Scheufler, die den Menschen Angst machen mit der Hölle und dem Teufel. Ich habe zum Glauben gefunden durch liebevolle Christenmenschen und so trage ich das auch weiter. Die aktuellen Ereignisse sind da leider ein Bärendienst für mich.
    Einen schönen Abend!
    Sascha Wildenhain

  • #80

    Gerhard Lindemann (Sonntag, 01 Dezember 2019 14:20)

    Vielen Dank, liebe Juliane Keitel, für die hilfreichen Klarstellungen.
    Landesbischof Dr. Meyns war gestern, wie ich später sah, übrigens zusätzlich auf der Gegenkundgebung gegen den AfD-Parteitag mit einem eigenen Wortbeitrag präsent.

    Anbei ein Link zu einer neuen sehr hilfreichen Analyse einiger Texte von Carsten Rentzing aus den "Fragmenten" mit plausiblen Linienziehungen bis in die Gegenwart. Besonders interessant finde ich den Gedanken eines "Marsches durch die Institutionen" von "rechts" her, indem man einiges von dem preisgibt, was man "früher" einmal gedacht hat, aber eben nicht alles.

    Andreas Mertin, Von der Verantwortung des Schreibens. Notizen zum Fall „Carsten Rentzing“
    https://www.theomag.de/122/am681.htm

  • #79

    Gert Flessing (Sonntag, 01 Dezember 2019 10:43)

    Guten Morgen,
    und allen Mitdiskutanten einen gesegneten ersten Advent.
    Es ist für mich schwierig, mich noch schärfer zu positionieren. Natürlich will ich hoffen, dass die Menschen, die gegen Pegida und auch jetzt, gegen den AfD Parteitag, auf die Straße gehen, anders sind. Ihre Ziele sind es, Menschen zu bewegen, sich auf die Seite der Menschlichkeit zu stellen. Das ist mir, wenn ich lese, wer sich beteiligt, schon deutlich. Ob es andere Methoden geben könnte, als Gegenparolen, weiß ich nicht.
    Mein Problem liegt darin, das ich mir ansehe, was sich sonst noch da blicken lässt, vermummt, krawallig... Das stößt mich ab.
    Wenn dann Gruppen auftreten, in deren Texten auch Menschenverachtung mitschwingt, dann habe ich ein Ekelgefühl.
    Das ähnelt durchaus dem, was ich für die andere Seite empfinde.
    Ich frage mich dann, ob das wirklich alles Verteidiger der Demokratie sind?
    Ich habe mich, in Leipzig, mit Vertretern der Linken unterhalten und auch mit jungen Leuten, die noch weiter links waren. Einige waren Anarchisten. Einige schwärmten von der Diktatur der Massen. Sie alle dürften bei den Protesten gegen Legida dabei gewesen sein.
    Ist der Feind meines Feindes mein Freund? Oder ist er ein Mittel zum Zweck?
    Bruder Martin schreibt, das manche Staat und Staatsvolk anders erfahren, als ich und er meint damit wohl nicht nur Flüchtlinge. Ich habe die Aufrufe, gegen das Polizeigesetz zu demonstrieren, gelesen.
    Die bürgerliche, privilegierte Seele in mir tut sich schwer, mit Sprayern, Vermummten und anarchischen Typen, die keine Autorität anerkennen, solidarisch zu sein.
    Ein Teil aber wünscht sich, selbst etwas anarchischer sein zu können, vielleicht, weil ich da auch eine Freiheit sehe, die ich mir selbst verwehre.
    Nein, ich möchte nicht, das wir rechte Strukturen stärken. Ich möchte die Demokratie stark sehen und die es schafft, für alle Menschen da zu sein, die bereit sind, sich in sie einzubringen.
    Trotzdem weiß ich, das mein Weg wohl nie der sein wird, der zu Massenansammlungen führt. Höchstens, um zu den Menschen zu reden und sie zum Frieden zu mahnen.
    Herzlich
    Gert Flessing

  • #78

    Juliane Keitel (Sonntag, 01 Dezember 2019 04:44)

    Lieber Herr Flessing, Sie müssen sich für gar nichts rechtfertigen, und selbstverständlich können Sie jeden Begriff verwenden, den Sie wollen. Wir leben in einem freien Land. Aber man kann Sie natürlich auch kritisieren für Ihre Wortwahl und Ihre Beispiele - das müssen Sie schon aushalten. Schließlich führen wir hier ja eine Diskussion.

    Sie relativieren - und dabei bleibe ich - auf sprachlicher/textlicher Ebene das Vorgehen von AfD und Pegida. Ihre vielen Beispiele, in denen Sie erzählen, wie Sie sich für Schwache einsetzen oder dafür gesorgt haben, dass es Hilfe für sie gibt, und die allesamt sehr lobenswert sind - keine Frage! - führen aber offenbar nicht dazu, dass Sie zwischen denjenigen zu unterscheiden vermögen, die ganz genau definieren wollen, wer zu den Schwachen gehört und wer nicht, und denjenigen, die sich gegen eine elitäre Aus- und Abgrenzung richten und eine unbedingte Nächstenliebe einfordern, wie sie uns bspw. im Neuen Testament begegnet. Beide sind kategorial voneinander zu unterscheiden. Ihr Argumentationsmuster ist es aber, immer und immer wieder, zu sagen, dass Sie zwar Pegida und Co. ablehnen würden, dass aber die 'Gegen'-Seite auch bloß keine Argumente hätte und auch bloß Parolen brüllen würde. Das erinnert mich leider an die Abschiedsrede und an andere Äußerungen von Dr. Rentzing, die wir hier im Forum mehrfach kritisch besprochen hatten. Pegida und die Gegendemos sind von ihren Zielen und Methoden her - ich sage es gerne auch immer und immer wieder - einfach mal nicht gleichzusetzen! Und es gibt auch keine gleichwertigen zwei Seiten, Herr Flessing! Ich möchte wirklich wissen, was Ihnen daran "suspekt" ist, wenn man sich Pegida, die Sie ja auch ablehnen, entgegenstellt. Das ist absurd und unlogisch.
    Auch Ihr neu eingebrachter Vergleich ist ungeeiget, die Situation hier abzubilden, weil er ebenfalls eine unzulässige Gleichrangigkeit der Konfliktparteien vor Augen stellt: Auch bei den Kämpfen zwischen gewaltbereiten Nazis und Kommunisten in der Weimarer Republik muss man Ursachen und Wirkungen unterscheiden, man denke bspw. an die äußerst militante SA, die für viele brutale Polit-Morde damals verantwortlich war. Gewaltbereit - und zwar zunächst in Worten, die drastischer kaum sein können - ist hier nur 'eine Seite'. Schauen Sie sich einmal an, wie viele Bürgermeister*innen im ländlichen Bereich in den letzten Monaten ihren Job niedergelegt haben - bestimmt nicht wegen Druck von "links"!! Kann man da noch schweigen und lediglich sagen, dass die anderen ja auch Parolen brüllen? Muss man als Bischof da nicht mal seinen Hauptamtlichen empfehlen, die Gemeindemitglieder zur unbedingten Solidarität aufzurufen? Zur Stellungnahme im Ort? Das kann so oft von den Kanzeln nicht passiert sein, sonst hätten wir diese Misere jetzt nicht in Sachsen und in unserer Landeskirche. Ich gebe Ihnen gerne Recht, Herr Flessing, dass ich die Situation im Einzelnen da natürlich nicht genau kenne, aber ich wäre froh, von Gegenbeispielen außerhalb der Großstädte zu wissen. Durch die Schilderungen von Sascha Wildenhain (vielen Dank dafür!) bin ich allerdings sehr skeptisch und glaube nicht, dass es viele Kirchgemeinden waren, die sich aktiv gegen diesen Hass positioniert haben - zumal wenn der Landesbischof eine ganz andere Richtung propagierte.

    Gestern ist ein Sachse zweiter Vorsitzender der AfD geworden. Ich hoffe, dass die Kirche auch für meine Sorge vor dem weiteren Erstarken des Rechtspopulismus und vor der Zukunft unserer Demokratie da ist und nicht die Gemeindemitglieder - durch mangelnde Klarheit! - weiterhin bestärkt werden, die Sorge und Angst mit Abgrenzung, Ausgrenzung und Neid verwechseln. Es tut mir leid, am 1. Advent keine versöhnlicheren Worte zu haben. Alles hat seine Zeit.

  • #77

    Sascha Wildenhain (Sonntag, 01 Dezember 2019 00:23)

    Advent.
    Ankunft. Gott ist in die Welt gekommen in Jesus Christus. Liebe. Wer sich hier für die Schwächsten einsetzt, wird nicht selten angespien, das ist Fakt. Frank Martin kann das bestätigen. Meine Frau hat sich in der Flüchtlingshilfe hier im Ort engagiert. Dort waren bis auf wenige Ausnahmen keine Gemeindeglieder der Kirchgemeinde wahrnehmbar. Alles verlogen. In Christus ist Gott Mensch geworden und hat sich allen Menschen zugewandt. Hier in meiner Heimat werden jetzt die Schwibbögen in die Fenster gestellt und die Raacherkerzeln angezündet und am Heiligabend ist die Kirche voll. Ich gehe momentan nicht mehr hin. Mit dem Thema Flüchtlinge und Ausländer haben die Menschen hier tendenziell ein großes innerliches Problem. Erzgebirger sind unheimlich offen, hinter verschlossenen Türen. Angst vor unbekanntem, vor Fremden ist okay. Angst vor anderen Menschen, die einfach nur da sind und sich integrieren, ist unbegründet. Mit Alltagsparolen habe ich es nicht so. Ich möchte uns eine Episode erzählen: In unserem Unternehmen gibt es auch Subunternehmen. Ein Elektromeister führte über Wochen einen albanischen Menschen im Fach durch die Firma, verständnisvoll, technisch versiert und einfühlsam. Ich habe ihn daraufhin angesprochen und ihm meinen Respekt gezollt, dass er dies so engagiert leistet. So gehört sich das. Diesen ganzen bösen rechtsradikalen Geiferern sei dies ins Stammbuch geschrieben.
    Herzlicher Gruß
    Sascha Wildenhain













  • #76

    Gert Flessing (Samstag, 30 November 2019 16:17)

    Bin ich eigentlich verpflichtet, eine bestimmte Begriffswahl zu benutzen?
    Mit keinem Wort habe ich davon geschrieben, Pegida in irgend einer Weise zu rechtfertigen. Ich lehne das, wofür diese Menschen stehen, ab.
    Ich fürchte, das es manche Leute nicht begreifen, das mir auch die Gegenseite, in der Wortwahl, die benutzt wird, suspekt ist. Aber ich lehne jeglichen Hass ab.
    Mich erinnert das, in gewisser Weise, an Geschichten, die mir meine Mutter aus den Jahren 1930/31, aus Frankfurt/Oder erzählte. Nazis aus der einen Straße mit ihren Parolen, Kommunisten aus der anderen Straße und dann gab es "Straßenschlachten". Wenigstens wird es heute nicht blutig ausgefochten.
    (Oder noch nicht?)
    Herr Höcke ist ein Nazi. Es wäre nur gut, wenn dieser Mann aufgehalten werden könnte. Scheinbar ist aber nichts von dem, was er bisher sagte oder schrieb, strafrechtlich relevant. Ergo müssten ihm die Menschen abspenstig gemacht werden.
    Natürlich könnte eine Erklärung der Kirchenleitung möglich sein, die darauf hinweist, das wir als Christen weder rechtsextreme, noch andere menschen- und demokratiefeindliche Tendenzen in Gesellschaft und Parteien unterstützen können.
    Das ist aber auch etwas, worauf Pfarrer und Kirchvorsteher in den Gemeinden, selbst kommen können.
    Ich bin dankbar, das wir in einer Demokratie leben, die uns viele Möglichkeiten einräumt. Auch als Kirche haben wir davon profitiert. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Kirche völlig auf dem Boden des Grundgesetzes steht und das auch verteidigt.
    Ich bin auch davon überzeugt, das es uns gelingen wird.
    Dennoch leben wir in einer gespaltenen und vielleicht schwer geschädigten Gesellschaft, wie ich fürchte. Damit umzugehen und nach Hoffnung zu suchen, ist nicht einfach.
    Dennoch wünsche ich mir, selbst wenn ich i.R. bin, das Reden und nachdenken nicht ganz sinnlos sind.
    Jetzt geh ich aber erst mal auf den Weihnachtsmarkt.
    Einen schönen Abend.
    Gert Flessing

  • #75

    Juliane Keitel (Samstag, 30 November 2019 13:22)

    Ganz herzlichen Dank für den Hinweis auf die Andacht von Bischof Dr. Christoph Meyns am heutigen Tag, lieber Gerhard Lindemann. Das macht ein wenig Mut.