Überlegungen im Nachgang zum Landesparteitag der AfD in Weinböhla

Am Samstag, den 29.2.2020 fand, mittlerweile bereits zum dritten Mal, in unserer Gemeinde Weinböhla der Landesparteitag der sächsischen AfD statt. Nachdem eine Gruppe engagierter Gemeindeglieder einige Tage vor

diesem Termin in Gesprächen mit dem Bürgermeister und der Geschäftsführerin des Veranstaltungsortes akzeptieren musste, dass dieses Ereignis nun wiederum unabwendbar sein würde, planten sie einige

friedliche Aktivitäten, um zu zeigen, dass vor allem vor dem Hintergrund der jüngsten rassistisch motivierten Gewalttaten, die auch auf dem Boden der Rhetorik dieser Partei gediehen waren, nicht alle Weinböhlaerinnen

und Weinböhlaer bereit waren, die Anwesenheit der AfD unkritisch mit Verweis auf das Neutralitätsgebot gegenüber demokratisch legitimierten Parteien hinzunehmen.

 

Es fand eine Kundgebung verschiedener engagierter Vereine der Umgebung statt, am Kirchturm, wenige Meter entfernt vom Tagungsort, wurde hoch oben ein Herz-statt-Hetze-Banner angebracht, und einige Kirchgemeindeglieder überreichten am Samstagmorgen anreisenden Delegierten Flyer, auf denen die Bitte um eine Abkehr von ausgrenzender Rhetorik und die Besinnung auf Menschenwürde und Menschenrechte

formuliert war. In diesen persönlichen Gesprächen hörten die Aktiven mehrmals erstaunt, dass ja auch die AfD, u.a. wegen ihres hohen Anteils an Christen unter ihren Mitgliedern und Delegierten, eine christliche Partei, und überhaupt ja die einzig verbliebene demokratische Kraft in Deutschland sei. Auch Kritik gegenüber der Kirche wurde laut, u. a.wegen des jüngst von der EKD angeschafften „Schlepperkutters“, mit dem ganz klar gegen internationales Seerecht verstoßen werde. Wann immer die Flyer verteilenden Kirchgemeindeglieder gegenüber solchen und anderen Äußerungen mutig Widerspruch anmeldeten, mündeten die begonnenen Dialoge in agitierende Monologe der AfD-Delegierten oder in Klagen über massive Anfeindungen durch ausnahmslos alle anderen gesellschaftlichen Akteure, denen ihre Partei „schuldlos“ ausgesetzt sei und die daher „bis aufs Messer“ bekämpft werden müssten. Nach dem Eintreffen von Herrn Gauland und Herrn Chrupalla begann der Parteitag und die kleine Gruppe Aktiver zog sich zurück und versuchte das Gehörte zu verdauen. Drinnen ging, wie am Abend der „MDR-Sachsenspiegel“ zeigte, im Zuge der Beratungen ein Delegierter ans Saalmikro und fragte den eben gewählten Generalsekretär, was er denn gegen die „hetzerische Kirche“ tun wolle. „Austreten“ antwortete jener unter dem Gelächter der Zuhörenden.

 

Wer sind die Wähler dieser Partei? Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig im Rahmen ihrer Autoritarismus-Studie die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter Wählerinnen und Wählern zum Zusammenhang von deren Wahlverhalten und ihrer Zustimmung zu oder Ablehnung von rechtsextremen, antisemitischen, antidemokratischen,

ausländerfeindlichen und gewaltbereiten Aussagen. Die Auswertung der Daten zeigt, dass AfD-Wählerinnen und -wähler, also auch viele Menschen innerhalb unserer Kirchgemeinden, bei allen oben genannten Dimensionen

die signifikant höchste Zustimmung zeigen.

 

Unsere Kirche und unser Land brauchen dringend einen öffentlichen Diskurs über die, manchmal mehr, manchmal weniger offensichtliche Existenz ausgrenzender, menschen- und demokratiefeindlicher Überzeugungen inmitten unserer Kirchgemeinden. Das jahrelange Verschweigen der Diskrepanz zwischen diesen Einstellungen und der

christlichen Botschaft, um vermeintlich Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu üben und Vielfalt zu bewahren, lähmt mancherorts Kirchgemeinden und verhindert, dass wir unserem Auftrag, Salz der Erde und eine positiv gestaltende Kraft in unserer Gesellschaft zu sein, gerecht werden können.

 

Manche Gemeinden scheinen von dieser inneren Zerrissenheit so beeinflusst zu sein, dass sich einige ihrer Glieder abwenden, weil sie dort keine geistliche Heimat mehr finden. In den letzten Jahren haben sich viele Menschen, die sich beispielsweise für Geflüchtete engagierten und deshalb Anfeindungen ausgesetzt waren, einfach mehr Anerkennung und Rückhalt von ihrer Kirche gewünscht. Die Bewahrung und Akzeptanz von Vielfalt innerhalb der Landeskirche wurde häufig als Gegenargument vorgebracht. Doch wenn Menschen beschimpft, angefeindet und ausgegrenzt werden, kann im Sinne der AG Kirche für Demokratie und Menschenrechte nur gelten: „Nächstenliebe verlangt Klarheit“.

 

Astrid Angela Jakob und Heiko Reinhold

 
Kommentare: 9
  • #9

    Anne Veit (Dienstag, 31 März 2020 17:29)

    Ich vermute auch, dass die Abgrenzung zu rechtem Gedenkenschlecht in der Kirche oft verwechselt wird mit der Ausgrenzung von seelsorglich bedürftigen Menschen. (Vielen Dank, Frau Keitel #5). Und es ist ja auch nicht immer leicht, das zu trennen.

    Vielleicht entsteht die Konfliktscheu auch durch den Mitgliederschwund (nicht noch mehr Menschen vergraulen wollen). Vielleicht ist es eine Frage des Rollenverständnisses von Kirche: Ist sie A die allgemeine, große Institution, in der ohnehin fast alle Menschen Mitglied sind und die in ihren Reihen alles aushalten und austragen muss? Oder ist sie B der kleine Verein mit einem klaren Profil, dem sich eben nur die zugehörig fühlen, die dieses Profil unterschreiben?

    Ich schreibe mal zu unreflektiert weiter...
    Die katholische Kirche versteht sich wohl klar als A und trägt Konflikte innerhalb der Institution deshalb über hierarchische Strukturen durchaus klar aus (mal erfreulich, mal weniger). Die evangelische Kirche wäre gern A, ist es aber schon lange nicht mehr. Sie war zu DDR-Zeiten vielleicht B? Und nun ist sie diffus?

  • #8

    Gerhard Lindemann (Dienstag, 31 März 2020 12:55)

    Zu Beitrag #6. Vielleicht könnten Sie Ihre Kritik mal etwas konkretisieren. Wenn das nicht erfolgt, wirkt dieser Text wie "Salzsäure", denn so lässt sich die Wirkung der AfD auf diese Gesellschaft sehr gut charakterisieren, denken Sie nur an die Ministerpräsidentenwahl iun Erfurt Anfang Februar und an ihre Folgen.

  • #7

    Juliane Keitel (Dienstag, 31 März 2020 12:55)

    Zu #6: Um zu verstehen, was genau Sie meinen, wäre ich dankbar, wenn Sie das Bild der "Salzsäure" und den Bezug zu dem, was ich geschrieben habe, etwas konkreter entfalten würden.

  • #6

    A.Rau (Dienstag, 31 März 2020 12:24)

    Liebe Frau Keitel,

    nicht nur in Ihrem letzten Satz verwechseln Sie Salz mit Salzsäure.

  • #5

    Juliane Keitel (Montag, 30 März 2020 23:23)

    Versuch einer Antwort auf die m.E. sehr berechtigte Frage von Anne Veit (#4):

    Meine Wahrnehmung ist (ich bitte die Küchenpsychologie zu entschuldigen...), dass kirchliche Vertreter*innen oft einer Art 'Harmoniesucht' unterliegen. Viele kirchlich-christlich sozialisierte Menschen scheinen mir wenig konfliktfähig zu sein. Ich könnte mir vorstellen, dass das einer Erziehung zum (bedingungslosen) Gehorsam gegenüber Eltern, jeglichen Erwachsenen und v.a. gegenüber einem Transzendenten, Unverfügbaren, das/der alles sieht, und zum (bedingungslosen) Helfen geschuldet ist, einer Erziehung also, die oft einherging/-geht mit der Zurückstellung eigener Bedürfnisse im Sinne eines größeren Ganzen (für die Gemeinde, für Gott, für alle anderen, v.a. natürlich für Kranke und Bedürftige). In dem Sinne können/wollen sie am liebsten nicht auf Konfrontation gehen, schon gar nicht mit Angehörigen derselben Gemeinde oder Landeskirche, die Gott ja genauso lieb hat und die alle auch ihr Päckchen zu tragen haben, alle gleichzeitig Sünder und Gerechtfertigte sind, und die alle Nächstenliebe, Nachsicht, Barmherzigkeit verdient haben. Oft kommen unter diesen moralisierenden 'Blasen' dann die inhaltliche Auseinandersetzung und der kritisch-konstruktive Streit zu kurz. Quer dazu liegt dann m.E. auch noch ein massives Genderproblem. Das konnte ich jedenfalls jahrelang in Kirchvorständen, Gemeindekreisen, bei Schüler*innen und Eltern, bei Referendar*innen beobachten, und man konnte es auch ziemlich gut studieren beim Umgang mit Dr. Rentzing, seinen Texten und der Petition. Bis heute tun sich Angehörige unserer Landeskirche schwer (trotz der am 13.10.2019 immerhin zu den Texten recht endeutig erfolgten Erklärung), sachlich fundiert und über jeden Zweifel erhaben auszusprechen, dass die Fragmente-Texte rechtsnationales Gedankengut in sich tragen, damit also auch im weiteren Dunstkreis rechtsextremer Haltungen stehen, und fertig! Es ist natürlich schwer zu sagen, ob sie deshalb nicht widersprechen, weil sie denjenigen, die diese Meinung haben, nicht 'wehtun' oder sie nicht verägern wollen, oder weil sie selber auch diese Meinung haben... beides genauso schlimm, wenn man die Konsequenzen betrachtet.

    Strukturell gesehen komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass inhaltliche Klarheit herzustellen oft verwechselt wird mit dem Format der Seelsorge, oder dass es zumindest keine klare Differenzierung gibt, wann was genau angebracht ist. Damit will ich nicht ausdrücken, dass das grundsätzlich getrennte Bereiche sein müssen, im Gegenteil. Aber Seelsorge steht leider irgendwie in der Gefahr, unter der moralischen Keule der Nächstenliebe alle und jegliche Meinungen anzunehmen und stehenzulassen. "Gegenseitiges Aushalten" heißt das dann oft. Nach wie vor wird in Teilen der Landeskirche, unter Hauptamtlichen und Gemeindgliedern agrumentiert: wir müssen die AfD aushalten, Pegida ernstnehmen und uns der Themen annehmen, im Gespräch dem anderen zuhören (was i.d.R. heißt, mir rechtsextreme und rassistische Parolen anzuhören, ohne diese dann auch als solche benennen zu dürfen, weil das ja dann denjenigen beleidigen würde). NEIN, NEIN, NEIN. Solange das nicht klar und deutlich gesagt wird, sind wir leider eben gerade NICHT das Salz der Erde, das unsere Gesellschaft so dringend braucht, das nämlich brennt und scharf ist.

  • #4

    Anne Veit (Montag, 30 März 2020 20:46)

    "Das jahrelange Verschweigen der Diskrepanz zwischen diesen Einstellungen und der christlichen Botschaft, um vermeintlich Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu üben und Vielfalt zu bewahren, lähmt mancherorts Kirchgemeinden und verhindert, dass wir unserem Auftrag, Salz der Erde und eine positiv gestaltende Kraft in unserer Gesellschaft zu sein, gerecht werden können."

    Schön, dass es so klar dasteht!
    Ich frage mich: Warum tut sich Kirche so besonders schwer mit der Intoleranz gegenüber Intoleranz?

  • #3

    Gerhard Lindemann (Samstag, 28 März 2020 21:36)

    Schade, dass die Verfasser*innen des sehr lesenswerten Beitrags nach der Öffnung dieses Blogs für ein Gespräch sich unmittelbar als erste gemeldet haben mit dem Hinweis, sie wünschten sich keine virtuelle Debatte. Meine Frage geht zurück, warum man auf die Forumsseite einen Text stellt (auch das ist virtuell), wenn man nicht bereit ist, sich an einer Diskussion zu beteiligen? Natürlich sollte ein solcher Schritt Autor*innen von Texten unbenommen bleiben, aber solch eine explizite Ankündigung, wie hier geschehen, hat offenbar auch andere davon abgehalten, sich hier mit Beiträgen zu beteiligen (danke an die Administratorinnen für die Ermutigung in der Ankündigung ).

    Es ist sehr zu begrüßen, dass die Verfasser*innen auf Gemeindeebene über die von ihnen aufgegriffene Thematik ein Gespräch planen und dazu auch die AG Kirche für Demokratie und Menschenrechte kontaktieren möchten. Das halte ich für sehr wichtig, nicht zuletzt als Teil kirchlicher Bildungsarbeit.
    Aber eine Kirchengemeinde ist kein "eigener lebendiger Organismus", sondern Teil der Gesamtkirche, sie ist nicht Leib Christi alleine. Deshalb schließt sich das eine (Gespräch vor Ort) und das andere (Gespräch auf weiteren kirchlichen Ebenen) nicht aus, sondern alle kirchlichen Ebenen sollten sich, wenn alles gut läuft, wechselseitig ergänzen und befruchten.
    Zudem ist es leider nun mal auch so, dass sich der AfD nicht mehr lediglich damit begegnen lässt, dass man sich nur auf Ortsebene mit ihr auseinandersetzt, so wichtig ein solcher Gesprächsprozess ist. Die AfD ist zweitstärkste Fraktion im Sächsischen Landtag und die größte Oppositionspartei im Deutschen Bundestag. Von daher geht es gar nicht mehr anders, als sich auch auf gesamtkirchlicher Ebene mit ihr zu beschäftigen und Handlungsstrategien zu entwickeln.

  • #2

    Juliane Keitel (Samstag, 21 März 2020)

    Ein aktueller Hinweis: Heute ist der "Internationale Tag gegen Rassismus". Als Ersatz für die nun leider nicht möglichen Demos und Veranstaltungen können Transparente aus den Fenstern gehängt, fotografiert und unter #GrenzenTöten und #LeaveNoOneBehind gepostet werden. Vielleicht hat ja jemand von den hier Mitlesenden Lust und Zeit, sich heute noch daran zu beteiligen. Über der Corona-Krise dürfen wir nicht veressen, unserer Nächstenliebe, die in diesen Tagen auch den Schutzlosen an den EU-Außengrenzen gelten muss, Ausdruck zu verleihen.

  • #1

    Astrid Angela Jakob & Heiko Reinhold (Dienstag, 17 März 2020 19:54)

    Liebe Leser_Innen und Blogger_Innen, wir freuen uns, dass unser Text Sie dazu angeregt hat, hier miteinander virtuell ins Gespräch zu kommen. Noch mehr würden wir uns jedoch freuen, wenn daraus entsprechend der ursprünglichen Intention des Textes, persönliche Gesprächsprozesse in unterschiedlichen Formaten innerhalb der Gemeinden entstehen - wenn dies irgendwann wieder möglich sein wird. Jede Gemeinde als eigener lebendiger Organismus wird dazu selbst herausfinden (müssen), was heilsam ist auf dem Weg zu Wahrhaftigkeit und Klarheit, zur Scheidung der Geister zwischen christlicher Botschaft und rechtsnationalen Ideen. Wir selbst sind mittlerweile dazu in Kontakt mit der AG Kirche für Demokratie und Menschenrechte, und möchten gemeinsam baldmöglichst hier in unserer Gemeinde einen Dialog dazu auf den Weg bringen. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, an diesem virtuellen Gespräch nicht teilzunehmen.