FASTEN - MEINE  INNERE  APOKALYPSE?

Siebenmal Abbruchgedanken - Alex Hanke

 

20.03.2021                 Mein altes Gottesbild begegnet mir auch dann, wenn ich einen Gottesdienst besuche und mich in die Liturgie fallen lassen möchte. Dies fällt mir schwer, da ich an manchen Formulierungen hängenbleibe, über sie stolpere…

 

- „Christe, du Lamm Gottes, …“ – hier kommt unweigerlich die Opfertheologie in meinen Sinn,

 - die Anrede „Herr“ – hierarchisches Beziehungsgefüge zwischen Gott und Mensch,

 - „Vater unser…“ – warum nicht Mutter oder beide Anredeformen oder eine ganz andere wählen...

 

 Es ist schwierig, eine Liturgie, ein Gebet, welche(s) viele Menschen miteinander teilen, zu verändern. Viele Menschen, die sich mit Liturgie beschäftigen, suchen nach anderen Formulierungen und nutzen diese auch, was mich in der Kirche wieder heimischer werden lässt.

 

Wie möchte ich damit umgehen, damit mein Gottesdienstbesuch nicht aus diversen Stolpersteinen besteht?

 

In einem Interview mit Ina Praetorius (feministische Theologin) habe ich gelesen, dass auch sie um andere Formulierungen ringt. Sie wählt beim „Vater unser“ die Anrede „Du“ – es kann so einfach sein. Mit dieser Umformulierungsanregung werde ich das nächste Mal das „Du unser“ beten, vielleicht fällt es mir dadurch leichter.

 

Ich wünsche mir eine Diskussion innerhalb der Kirche über die Liturgie und ihre beinhaltete Theologie. Welche Stolpersteine haben andere Menschen?

 Ich wünsche mir Mut zur Veränderung bzw. erst einmal Mut zur Auseinandersetzung über liturgische Formen miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn es heißt ja nicht „geheiligt werde dein Wortlaut“ (Ina Praetorius).

 

 „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ (Rumi, persischer Gelehrter aus dem 13. Jahrhundert)

 

 

 

 

13.03.2021      Mir begegnete in dieser Woche in der Zeitschrift „PublikForum“ (5/2021) ein Artikel von Eugen Drewermann mit dem Titel: „Soll man den strafenden Gott vergessen? – Ja, denn nur die Güte Gottes heilt“. Seine Gedanken schließen an vergangene Woche an – nämlich Feuer zu legen, an den Tempel meiner Überzeugungen.

 

Drewermann stellt die These auf, dass jeder, der leidet, weiß, dass wir einzig aus Gnade leben. Er verneint die Ansicht, dass man einen strafenden Gott benötige, damit man wisse, was Gnade überhaupt sei.

 

Der Kern der Botschaft Jesu sei, dass Gott bedingungslos vergibt aus reiner Güte, nicht weil Menschen durch gute Werke darauf Anspruch hätten. An diese Güte Gottes zu glauben, verleihe uns das zu tun, was gut sei; dies schenke innere Freiheit in Vertrauen und Vergebungen – nur eine solche Haltung heile.

 

Und wo bleibt das Gesetz? „Wer an Moral und Gesetz glaubt, muss sich berufen auf das, was er ist und kann“, so Drewermann. Jesus wandte sich gerade denen in der damaligen Gesellschaft zu, für die kein Raum vorhanden war, Zöllnern, Prostituierten… Seine Radikalität bestehe darin, dass er Gerechtigkeit nicht nach menschlichen Maßstäben versteht: „Gerechtigkeit im bürgerlichen Sinne als Zuteilung von Lohn und Strafe hat keine Geltung mehr“. Gnade sei das Ende von Gesetzlichkeit im Ganzen.

 

Unser Leben sei ein Geschenk Gottes – er möchte, dass wir sind, was wir sind. „In allen Augenblicken, die uns wirklich wichtig sind, machen wir die Erfahrung: Was uns guttut, was uns heilt und was uns hilft zu leben, ist das Erleben, akzeptiert, gemocht und unbedingt genügend zu sein.“ Strafe erzeuge Angst und dies sei nicht menschenwürdig.

 

Drewermann beendet seinen Text wie folgt:

 

„Wir leben menschlich allein aus Gnade. Fürchterlich ist da kein Gott, der strafen würde, furchtbar ist einzig unsere Neigung, aus alter Angst den Neuen Bund der Gnade abzuweisen. […] Reifen in Gottes Liebe – das allein ist seine Art zu `strafen`. Sie ist gerecht, weil sie gerecht wird jedem Leid der Welt, - weil sie das `Böse`, statt es zu bekämpfen, überliebt. […] Seit Ostern ist die Hölle überwunden.“

 

Die Erfahrung des „Überliebens“ habe ich selbst in meinem Leben erfahren – Jahrzehnte des inneren Leidens hat Gott im wahrsten Sinne des Wortes „überliebt“, obwohl ich mich vehement dagegen gewehrt habe – denn Heilung muss man wollen, denn diese bedeutet auch, dass man alte Gewohnheiten verlassen muss; es sind zwar Strukturen, die einen zerstören, aber paradoxerweise dennoch Sicherheit geben. Und in meinem Sprung in ein neues, anderes Leben hat Gott mich aufgefangen. In meinem alten Leben bin ich voller Angst durch das Leben gegangen, ständig war ich auf der Hut, ständig in Fluchtbereitschaft. Heute kann ich mit geradem und offenem Blick der Welt begegnen. Warum fällt es mir so schwer, diese eigene Erfahrung so zu verinnerlichen, dass sie auch mein Gottesbild verändert? In der kommenden Woche möchte ich dankbar Rückschau halten auf die Befreiung aus den Fesseln meines alten Lebens – um dann, Neues wagen zu können.

 

 

09.03.2021        Und wie fülle ich nun diesen Frei-Raum? Wie kann es mir gelingen, die alten tradierten Bilder, die mich behindern, beiseite zu stellen, sie für mich abzuhängen? Welche Bilder existieren noch? Ich habe mich auf die Suche begeben und folgende gefunden:

 

 

Ein Du – die immerwährende Liebe, die immer da ist – eine Kraft, die mich gehen lässt – ein weißes Blatt – ein Licht – eine Sonne, die Leben wachsen lässt – ein unendliches Meer – Weite – eine sanfte Brise – eine Welle – ein Geheimnis – unendliche Kraft – ein dauernder Neuanfang – ein Prozess – ein Netz, das mich hält, wenn ich falle – Befreiung – singende Stille – eine Herausforderung – Innen und Außen – Grenzenlos - …

 

 

Ich meditiere über diese Gottesbilder; versuche, sie auf diese Weise zu verinnerlichen. Dabei begegnet mir immer wieder, dass ich nach etwas Greifbarem, Festem, Definiertem suche – und doch sehne ich mich nach Freiheit. Zu diesem meinem Dilemma habe ich folgende Geschichte gefunden:

 

„Eine Weisheitsgeschichte handelt von einem Schüler, der es leid ist, dass sein Meister ihn immer infrage stellt. Der Meister scheint nichts anderes im Sinn zu haben, als die mühsam erworbenen und hochheiligen Überzeugungen seines Schülers zu zerstören. Als der Schüler sich beschwert, erwidert der Meister: Ich lege nur Feuer an den Tempel deiner Überzeugungen. Wenn er erst einmal niedergebrannt ist, wird dein Herz leuchten und du wirst eine ungehinderte Sicht auf den weiten, grenzenlosen Himmel haben.“

 

Feuer an den Tempel meiner Überzeugungen legen – das klingt befreiend…

 

 

 

[Meine Gedanken basieren auf folgendem Buch:

 

Marion Küstenmacher, Der Purpurtaucher. Vom inneren Wachsen mit Bildern der Mystik, Herder 2017, S.28-32]

 

 

 

 

28.02.2021       … „Ich bin da!“

 

Mein Weg der Gottsuche beginnt mit großer Unsicherheit. Ich merke dies auch in der Auseinandersetzung mit meinen Religionsschüler:innen. Sie spüren meine Suche, meine Fragen – und wünschen sich doch fertige Antworten, die es in Bezug auf die Gottesfrage nicht geben kann – außer eine: Die Antwort ist offen.

 

Viele Bilder lassen sich von Gott in der Bibel finden; auch Bilder, mit denen ich Schwierigkeiten habe, z.B. das Bild des strafenden und richtenden Gottes. Aber vielleicht habe ich auch „nur“ Probleme mit den bisherigen Auslegungen dieser Bilder.

 

Während eines sonnigen Spazierganges kam in mir die Geschichte von Gottes Offenbarung im brennenden Dornbusch in den Sinn (2. Mose 3,1-14). Beim Nachspüren wurden für mich zwei Aspekte wichtig:

 

·       Mose soll die Schuhe ausziehen, denn es sei heiliger Grund, den er betrete. In diesem besonderen Raum offenbart sich Gott ihm. Es ist ein abgetrennter Raum, ein besonderer, der sich vom menschlichen Lebensraum unterscheidet. Gott offenbart sich auch nicht in einer Gestalt, sondern in einer Naturerscheinung.

 

Welchen FREIraum eröffnet dies in mir? Bin ich überhaupt offen für Gottes Begegnung mit mir? Oder verstellen mir meine alten Bilder den Blick? Verhindern gerade sie eine neue Begegnung, die ich mir doch ersehne? Alte Denk- und Bildmuster möchte ich lernen, hinter mir zu lassen… Jedoch aber auch nicht gänzlich: Denn Gott sagt auch: „Ich bin die Gottheit deiner Eltern.“ Traditionen an sich müssen nichts Schlechtes sein – aber es gilt sie zu hinterfragen, sie unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten, Wortkrusten aufzubrechen…

 

·       Gott offenbart sich mit einem Wort, das nicht übersetzt werden kann. Versuche lauten: Ich bin da. Ich werde sein, der ich sein werde. Geheimnisvoll… Oftmals habe ich mich über diese Aussage geärgert – warum antwortet Gott so unkonkret? Warum entzieht „er“ sich? Denn ich möchte gern etwas Genaueres vor Augen haben. Doch genau dies geschieht nicht. Vielleicht ist dies auch eine Chance? Die Möglichkeit einer immer neuen Begegnung mit dem Göttlichen, die immer offen sein wird? Jedoch mit der Zusage, dass „sie“ da ist und immer da sein wird.

 

Dies zaubert ein Lächeln in mein Gesicht und lässt mich nach Gott suchen.

 

 

 

16. Februar 2021          Zum Thema Fasten existieren vielfache Wegbegleiter – Kalender, Bücher, Newsletter… Und jetzt auch hier. Warum? Ich möchte einladen, sich auf einen Begegnungsweg über den eigenen Abbruch, Umbruch zu begeben, denn dies bedeutet Apokalypse – dem Jahresthema unseres Forums.

 

Wo liegt die Chance eines solches Abbruchs in meinem Leben? Was trage ich schon lange mit mir herum und will es loswerden?

 

Fasten bedeutet für mich Verzicht auf Nahrung; nicht um des Abnehmens willen, sondern um innerlich frei und offen zu werden für Neues – Altes verabschiedet sich und mein Blick kann in die Ferne schweifen, neue Perspektiven suchen.

 

Wo liegt mein persönlicher Steinbruch? Auf welche Entdeckungsreise möchte ich mich begeben in der Fastenzeit? Eine neue Gottesbegegnung wagen – dieser Wunsch besteht schon lange in mir. Aufgewachsen bin ich in einer pietistischen Gemeinde, in der Gott auch der Strafende war; einer, der ein gewaltvolles Opfer benötigt, um die Beziehung mit seinen menschlichen Geschöpfen heilen zu können. Einer der sagt: Egal, was du tust, du bist und bleibst Sünder – von allein kannst du nichts, deinen Wert erhältst du erst durch meine Erlösungstat. Es konnten feste Aussagen über Gott getroffen werden und diese bekamen Macht über meine Gedanken und mein Leben. Noch immer (auch nach einem Theologiestudium) kommen solche Gedanken hoch, wenn ich an Gott denke, mit ihm in Kontakt treten möchte. Diese Prägung sitzt tief. Vielleicht hatten diese Bilder auch einmal eine positive, weil schützende Bedeutung, doch jetzt behindern sie mich auf meinem Weg.

 

In den kommenden sieben Wochen möchte ich einen Abbruch wagen – möchte es wagen, Gott neu zu denken; möchte offen werden/sein für Gott im umfassenden Sinn. Will mich vom alten Gottesbild verabschieden und gespannt sein, auf eine neue Begegnung mit dem göttlichen Geist.

 

Von dieser Reise möchte ich erzählen – es wird fragmentarisch und prozesshaft sein – so wie das Leben. Doch genau um dieses Aushaltenkönnen geht es für mich, denn eigentlich möchte ich etwas Fertiges in der Hand haben, Definitionsaussagen treffen können – doch Gott lässt sich nicht definieren – und für mich gilt es diese Freiheit zu entdecken.

 

 

 

 

Aufgesammeltes...

„Das Ziel der Apokalypsen, das herkömmlich vor allem in Trost und Erbauung gesehen wird, läßt sich allgemeiner als Weltdeutung und Existenzerhellung umschreiben, die dem Menschen sein Herkommen, seine Gegenwart und seine Zukunft begreiflich machen. Die theologische Leistung der Apokalyptiker liegt vor allem darin, daß sie komplexe Wirklichkeitserfahrungen ihrer Gegenwart reduzieren und das eigene Dasein in umgreifende Zusammenhänge einordnen. Es geht darum, die hoffnungslose Situation der Gegenwart zu deuten, um in dieser Lage Hoffnung zu gewähren, die eine Paralyse der negativen Welterfahrung bewirkt. Daher setzt der Apokalyptiker den Realitäten seines Lebens andere, auf Offenbarung gegründete und von Gott gesetzte Realitäten entgegen. Der markante Ausdruck hiervon ist der sog. Dualismus, der als das wesentlichste inhaltliche Merkmal der Apokalyptik gilt.“ (Münchow, C.: Ethik und Eschatologie. Ein Beitrag zum Verständnis der frühjüdischen Apokalyptik, Berlin 1981, S. 124)


Das Leben in Zeiten der Corona/Apocalypse Now

 

Ἀποκάλυψις - Apokalypsis: Enthüllung, Offenbarung.

ἀποκαλυπτεω - apokalypteo: enthüllen, entblößen.

 

 Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, wurde in Zeiten großer Bedrängnis geschrieben. Nicht in Zeiten einer Pandemie, soweit wir wissen, aber in Zeiten politischer Unterdrückung und großen Einschränkungen des religiösen und privaten Lebens zugunsten des römischen Kaiserkultes.

 

 Der Brief, der an viele Gemeinden verschickt und dort vor der gesamten Gemeinde verlesen wurde, sollte vor allem trösten. Er ermahnt auch zur Umkehr, aber unter den Vorzeichen, dass Gott in Jesus eine Welt ohne Schmerzen, eine Welt voller Schönheit vorbereitet hat, und diese nicht mehr weit entfernt ist.

 

 Auch wir erleben eine Zeit der Apokalypse. Aber nicht im umgangssprachlichen Sinne eine Zeit des Weltuntergangs, sondern eine Zeit der Enthüllung. Es wird offen gelegt, was vorher schon da war. Und es wird aufgedeckt, was möglich ist.

 

 Es wird offenbar, dass ein rein individualistisches Denken nicht kongruent ist mit der Realität der Interdependenz zwischen uns Menschen und unserer Mitwelt: mein Schicksal hängt von deinem ab. Und nicht nur von deinem, sondern von den Verwundbarsten in unserer Mitte.

 

 Wenn du aus dem Skiurlaub aus Ischgl zurückkehrst und vielleicht selbst keine Symptome zeigst, kannst du trotzdem andere Menschen anstecken, die den Virus wiederum weitergeben und zur Ausbreitung beitragen. Ein buchstäblicher Reissack, der in China umfällt, hat sehr wohl Auswirkungen auf unseren Alltag hier in Dresden. Corona verdeutlicht, dass globale Verstrickungen nicht einfach nur gut, aber auch nicht einfach nur schlecht sind. Dass wir auf internationale Zusammenarbeit beim Erforschen eines Impfstoffs angewiesen sind.

 

Diese Interdependenz zeigt sich an komplexen Abläufen, die die monatelangen Waldbrände in Australien befeuert haben, oder an der Versauerung der Meere, die Ökosysteme dominoartig zusammenfallen lassen, genauso wie im sozialen Bereich: „Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich.“ sagte schon Audre Lourde. Die positive Seite der Medaille: Planetare Solidarität ist möglich.

 

Aufdecken, dessen was ist

 

 Es zeigt sich gerade besonders scharf, welche Menschen oder welche Berufe „systemrelevant“ sind und wie heftig der Kontrast zur gesellschaftlichen Wertschätzung ist. Müllfahrer*innen, Pflegepersonal, Kassierer*innen, Kindergärtner*innen — all dies sind Berufe, die das Leben, wie wir es gewohnt sind, aufrecht erhalten. Und trotzdem ist die finanzielle Entschädigung (in der sich Wertschätzung in unserer durchökonomisierten Gesellschaft nun mal ausdrückt) alles andere als angemessen.

 

 Corona deckt auf, dass unser Wirtschaftssystem, das auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist, keinen Krisen standhalten kann. Warum müssen Krankenhäuser eigentlich Umsatz machen, wenn sie so nicht in der Lage sind eine humane, menschengerechte Versorgung zu gewährleisten? Es reicht eine flächendeckende Krankheitswelle und „die Wirtschaft“ muss „gerettet“ werden: also Milliarden an Unterstützung erhalten. Wo ist diese Unterstützung, wenn es um echte Menschen geht, und nicht um juristische Personen und Institutionen wie Banken oder Aktien? Momentan stehen viele Freischaffende, Künstler*innen und Selbstständige am Rande ihrer Existenz.

 

Inzwischen ist offenbar, dass die Kürzungen im Sozialsystem der Vergangenheit nicht haltbar sind. Es zeigt sich, dass unter Krisen vor allem jene leiden, die sowieso schon von uns und der staatlichen Versorgung abhängig sind. Dass die Verletzlichsten unter uns keinerlei Schutzmöglichkeiten haben außer unserem guten Willen. Ein schwaches Sicherheitsnetz.

 

Wir sehen jedoch nicht nur das, was schief läuft, sondern Corona öffnet uns auch die Augen für das, was möglich ist: Hunderte von Nachbarschaftsnetzen sprießen aus dem Boden, Musiker*innen und Autor*innen stellen ihre Werke zum freien Genuss ins Netz, und Kontakte, die sonst eingeschlafen wären, werden nun wiederbelebt.

 

Entdecken dessen, was möglich ist

 

 Erst vor zwei Wochen haben wir Mitarbeitenden der Ev. Gemeinde Frieden und Hoffnung in Dresden überlegt: „Was wäre, wenn…?“. Wir haben rumgesponnen: „Was wäre, wenn wir Kinder entscheiden lassen, wie sie Kirche haben wollen?“ „Was wäre, wenn wir schauen, auf wessen Kosten wir gerade leben und dann versuchen daran was zu ändern?“ „Was wäre, wenn, wenn wir besonders viel zu tun haben, besonders viel beten würden?“

 

 Unter anderem haben wir auch darüber nachgedacht, was wäre, wenn „wir alle kirchlichen Aktivitäten auf 0 setzen würden und dann alle Gemeindeglieder sagen würden, dass will ich im nächsten halben Jahr machen?“

 

Dieser Zeitpunkt ist nun sehr viel früher und radikaler eingebrochen als es irgendjemand von uns vermutet oder gar gehofft hätte. Alle Gottesdienste und gemeinschaftlichen Aktivitäten wurden eingestellt und Dienstberatungen finden größtenteils über Telefonkonferenzen statt. „Sei vorsichtig, wofür du betest“ ist eins der geflügelten Kirchenwörter, das immer mal wieder so rumschwirrt.

 

Auf 0 gesetzt. Fast

 

„Was wäre, wenn wir bekommen, was wir brauchen?“ Wir haben für diesen Reboot der Gemeinde oder der Gesellschaft nicht gebetet. Aber was, wenn wir einen solchen Einschnitt brauchen, um unser Denken ganz radikal, von der Wurzel auf, umzulenken? Eine andere Art des Lebens und des Miteinanders vorzustellen. Einen neuen Weg einzuschlagen.

 

In Venedig, wo seit dem 08. März die Quarantäne ausgerufen ist, kehrt wieder eine gewisse Ruhe und Klarheit in die Natur zurück. Das Wasser, das von den Kreuzfahrtschiffen und tausenden Motorbooten verdreckt war, ist wieder glasklar und man sieht Fische durchs Wasser flitzen.

 

Die Fragen, die mich beschäftigen, und die uns immer schon in den „anders wachsen“-Gemeinden umtreiben — für die jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist — sind: Was brauchen wir und was wollen wir? Wie möchten wir, dass unsere Welt aussieht, wie wollen wir miteinander umgehen? In was für einer Welt wollen wir leben? Und was glauben wir, sind unsere gottgegebenen Kräfte, Talente und Stärken, die wir dafür einbringen können?

 

Verschwenderisches Leben

 

Und noch viel wichtiger: Was für ein Leben hat Gott für uns in petto?

 

Wenn wir uns an der Schöpfung orientieren, sehen wir Leben im Überfluss. Es wächst mehr, als Lebewesen jemals essen können. Tiere und Pflanzen haben Zeit im Übermaß. Jesus gönnt sich ein Wüstenretreat von 40 Tagen! Das ist mehr als die meisten von uns Jahresurlaub haben.

 

Auch wenn ich persönlich nicht viel von der Rhetorik von „Gottes Plan“ halte, bin ich der tiefsten Überzeugung, dass Gottes Reich ein Leben in Fülle für alle verheißt. So wie Gott sich in der Schönheit und im Reichtum seiner Schöpfung verschwendet, so wie sich Jesus in Liebe zu den Menschen verschwendet und so wie z.B. die Frau ihr kostbares Öl für Jesus verschwendet, so verschwenderisch stelle ich mir ein Leben aus Gottes Segen heraus vor!

 

„Gönn dir!“ im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Die Lüge (und dieses Wort verwende ich nicht leichtfertig), unter der wir leben, ist das Gefühl des Mangels. Wir haben nicht genug. Wir leisten nicht genug. Wir sind nicht genug. Angeblich.

 

Die Urbotschaft des Evangeliums ist das gebrochene Gegenteil: Ganz am Anfang der Schöpfungsgeschichte spricht Gott allen Geschöpfen zu, dass sie gut seien, sogar sehr gut. In vielen Erzählungen wird dann klar, dass wir Menschen aber trotzdem auch viel Mist verursachen und „von Grund auf böse“ sind (Noah, Gen 9). Die Lebens-, Sterbens-, und Auferstehungsgeschichten Jesu führen uns vor Augen, dass die Sünde und der Tod in und um uns jedoch nicht das letzte Wort haben werden. Gott, die Liebe, die Hoffnung ist stärker. In jeder Situation, in der Menschen verschwenderisch umgehen, anfangen von den Balkonen zu singen, mit Kreide auf der Straße malen, einfach weil sie es können, bei jedem Fest, das wir feiern, leuchtet diese göttliche Verschwendung auf und zeigt, wie ein Leben in Fülle aussehen kann.

 

Mit diesem Diktum der Fülle, der Verschwendung, des Rechts auf Luxus liegt dem christlichen Glauben ein zutiefst antikapitalistischer Gedanke inne: wir haben nicht zu wenig, sondern mehr als genug, um ein gutes Leben zu führen. Du bist es wert geliebt zu werden. Mit all deinen Fehlern, mit all deinen Schwächen. Mit all deinen Stärken. Nicht wegen dem, was du leistest, bist du liebenswert und gut, sondern weil Gott jedes Geschöpf mit Liebe geschaffen hat und jedem Leben ein Wert innewohnt, der unhintergehbar ist. Weil Leben unverfügbar ist und wir diesem mit Ehrfurcht begegnen sollten.

 

Apokalyptische Hoffnung

 

Die Chance, die uns diese apokalyptische, enthüllende Quarantäne-Situation bietet, ist unseren Blick auf das zu lenken, was uns trägt und was uns erdet. Was macht unser Leben lebenswert und wie können wir das auch nach Corona anwenden?

 

Wie kriegen wir ein Miteinander in den Gemeinden hin, sodass Kirche nicht nur der Sonntagsgottesdienst ist, sondern dass wir als Gemeinschaft Kirche bilden? Wie können wir auch nach Corona die „systemrelevanten“ Pfeiler unserer Gesellschaft ausbauen und stützen? Und nicht nur auf politischer Ebene mit gerechter Bezahlung und sozialer Absicherung (die auf jeden Fall auch erfolgen muss), sondern auch auf Gemeindeebene?

 

Wenn wir keine Gottesdienste mehr auf YouTube halten müssen, lohnt es sich diese trotzdem weiterzuführen, um auch mit denen in Kontakt zu bleiben, die Sonntag morgens nicht zur Kirche gehen können? Wenn wir nicht mehr aufs Nachbarschaftsnetz angewiesen sind, wollen wir trotzdem in Verbindung bleiben, um auch weiterhin in Krankheitsfällen helfen zu können oder im Notfall die Kinder zu betreuen? Wenn wir wieder ganz geregelt im Supermarkt einkaufen gehen können, wollen wir trotzdem das Wissen unserer Groß- und Urgroßeltern zu Selbstversorgung wieder entdecken, um uns von globalen Lieferketten und deren intrinsischen Ungerechtigkeiten loszusagen? Wenn wir wieder im Alltag der Lohnarbeit angekommen sind, wollen und können wir trotzdem Zeit einplanen, um Bücher zu lesen, stricken zu lernen oder einen Online-Kurs zu einem Thema zu besuchen, das uns schon immer interessiert hat? Wenn wir die Illusion der Kontrolle und absoluten Sicherheit wiedererlangen, werden wir uns trotzdem Zeit zum Gebet nehmen, uns für fünf Minuten aus dem Alltag zurückziehen, um Gott zu lauschen?

 

Juliane Assmann

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Ein Text von Juliane Assmann
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